USA

"Irgendetwas läuft grundsätzlich verkehrt"

US-Präsident Barack Obama bekommt nach dem Amoklauf eines US-Soldaten in Afghanistan mit 16 getöteten Zivilpersonen ein wachsendes Problem damit, den Afghanistan-Einsatz im eigenen Land zu rechtfertigen.

Was einst als selbstverständliche militärische Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 begann, hat nach zehn Jahren nur noch wenige begeisterte Unterstützer. Prominente Politiker sowohl der Demokraten als auch der Republikaner fordern die Einhaltung des Zeitplans zum Abzug der US-Truppen bis Ende 2014, wenn nicht noch früher.

Harry Reid, Fraktionsvorsitzender der Demokraten im US-Senat, sagte in einem Fernsehinterview: "Unsere Soldaten stehen unter extrem hohem Druck in Afghanistan. So sehr wie noch in keinem anderen Krieg, an dem wir teilgenommen haben." Reid unterstützt Obamas Zeitplan zum Abzug: "Wir gehen raus, wie es der Präsident gesagt hat. Ich denke, das ist richtig so."

Selbst die Republikaner, die im Wahlkampf vor vier Jahren Obama für sein Abzugsversprechen aus dem Irak noch kritisierten, tun sich derzeit schwer damit, sich für eine Verlängerung des Einsatzes über 2014 hinaus einzusetzen. "Irgendetwas läuft grundsätzlich verkehrt bei unserem Engagement in der Region, und ich glaube, es wird eher schlimmer als besser", sagte Newt Gingrich, einer der Bewerber um die republikanische Präsidentschaftskandidatur. "Wir riskieren hier das Leben von jungen Männern und Frauen in einer Mission, die, ehrlich gesagt, undurchführbar sein könnte."

Übergabe des Kommandos in 2013

In der amerikanischen Bevölkerung schwindet die Akzeptanz des Afghanistan-Einsatzes. Einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage der "Washington Post" zufolge sagten 60 Prozent der Befragten, der Krieg am Hindukusch sei es "nicht wert, geführt zu werden". 55 Prozent glauben laut Umfrage, dass die meisten Afghanen nichts vom Engagement der Nato halten. Die jüngsten Bilder, die nach dem Amoklauf veröffentlicht wurden, überstrahlen die Ankündigung vom Freitag, der zufolge sich die USA zu einer Übergabe von Gefangenen an afghanische Behörden bereit erklärt haben.

Für Obama ergibt sich nun die Schlüsselfrage, ob er aus einer Forderung nach einem schnelleren Abzug der US-Truppen politisches Kapital für seinen Wahlkampf schlagen könnte. US-Verteidigungsminister Leon Panetta kündigte bereits die Übergabe des Kommandos an die afghanischen Streitkräfte für Mitte kommenden Jahres an. Dagegen warnte die republikanische Senatorin Lindsay Graham davor, mit einem zu schnellen Abzug dem Iran zu signalisieren, die USA hätten das Interesse an der Region verloren. Ihr Parteigenosse John McCain, der auch dem Verteidigungsausschuss des US-Senats vorsteht, forderte die Öffentlichkeit zu mehr Geduld auf: "Wir sollten nicht vergessen, dass die Angriffe auf die USA vom 11. September 2001 ihren Ursprung in Afghanistan hatten. Und wenn Afghanistan sich in einer chaotischen Situation dahin entwickelt, dass die Taliban wieder die Macht ergreifen, könnte es leicht zu einer Al-Qaida-Basis für Angriffe auf die USA werden."

Derzeit befinden sich noch rund 90.000 US-Soldaten in Afghanistan. Im Laufe des Einsatzes sollen rund 1800 US-Soldaten ums Leben gekommen sein. Mehr als 15.000 wurden bisher verletzt.

Ziele haben sich verschoben

Die militärischen und politischen Ziele des von den USA geführten Einsatzes hatten sich im Laufe der Jahre verschoben. Ging es den USA zunächst vor allem darum, das Terrornetzwerk al-Qaida zu bekämpfen, dessen Mitglieder aus Afghanistan vertrieben wurden, soll der Einsatz heute die Regierung in Kabul gegen eine erneute Übernahme Afghanistans durch militante Islamisten schützen. Die USA und die Isaf bemühen sich vor allem, die afghanischen Streitkräfte und Polizei aufzubauen und auszubilden, damit diese ab 2014 selbstständig für Sicherheit sorgen können.