Afghanistan

Die Angst vor der Rache

Nach dem Amoklauf eines amerikanischen Soldaten wächst in Afghanistan der Hass auf die ausländischen Kräfte. "Die Geduld der Afghanen mit den Willkürakten der fremden Truppen ist am Ende", erklärte am Montag das afghanische Parlament in Kabul. Die Nerven liegen blank. Die Nato befürchtet Racheakte der aufständischen Taliban. Der Vorfall könnte die Mission des Westens am Hindukusch weiter komplizieren.

Am Sonntag früh hatte ein US-Soldat unweit seiner Militärbasis westlich der Stadt Kandahar offenbar wahllos mindestens 16 Menschen - darunter neun Kinder - in ihren Häusern im Schlaf erschossen. Es ist der zweite schwere Vorfall innerhalb von drei Wochen. Erst Ende Februar hatten US-Militärs auf einem Stützpunkt in Afghanistan versehentlich Exemplare des Korans verbrannt und so den Zorn der Afghanen auf sich gezogen. Bei anschließenden tagelangen antiwestlichen Protesten im ganzen Land kamen mindestens 40 Menschen ums Leben - auch sechs US-Soldaten wurden getötet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die am Montagmorgen zu einem Blitzbesuch der Bundeswehrtruppen in Masar-i-Scharif aufgebrochen war, sprach den Afghanen ihr Beileid aus. In einem Telefonat vom Feldlager aus erklärte sie Afghanistans Präsident Hamid Karsai ihr Bedauern und kondolierte im Namen der deutschen Bevölkerung wegen der "schrecklichen Tat des US-Soldaten".

Die USA und die Nato haben eine umfassende Untersuchung der Tatumstände angeordnet und ihr Bedauern über den "schrecklichen Vorfall" ausgedrückt. Sie gehen bislang davon aus, dass es sich bei dem Todesschützen um einen geistig verwirrten Einzeltäter handelt.

Das afghanische Innenministerium rief die Bevölkerung indes auf, die Ergebnisse der Untersuchung abzuwarten - offenbar in Sorge, das Massaker könnte wieder eine blutige Protestwelle nach sich ziehen. Auch Geistliche in Kandahar, der Geburtsstätte der Taliban-Bewegung, mahnten die Bevölkerung zur Ruhe. Vereinzelt kam es dennoch vor Einrichtungen des US-Militär in Afghanistan zu Demonstrationen. Doch insgesamt schienen - anders als bei der Koran-Verbrennung - die Appelle von Politikern und Religionsführern die Wut der Bevölkerung diesmal im Zaum zu halten.

Die Taliban schworen, den Tod jedes einzelnen Opfers der Bluttat zu vergelten. Die "amerikanischen Terroristen" würden sich für ihr Verhalten entschuldigen wollen, indem sie den Täter als verrückt darstellten, erklärten die radikalen islamischen Taliban auf ihrer Website und kündigten Rachetaten an.

"Das kann nicht vergeben werden"

Gleichzeitig verurteilte das afghanische Parlament den Vorfall scharf und brach seine Sitzung aus Protest gegen die Bluttat später ab. Die Abgeordneten forderten, den Täter nicht vor ein US-Militärgericht, sondern vor afghanische Richter zu stellen. Afghanistans Präsident Hamid Karsai sagte, die Tat sei "mit Absicht" geschehen. "Das ist Mord, eine absichtliche Tötung unschuldiger Zivilisten, und das kann nicht vergeben werden."

Der Unmut in der afghanischen Bevölkerung über Nachtrazzien und die Tötung von Zivilisten ist groß. Präsident Karsai verlangt seit Langem ein Ende der nächtlichen Hausdurchsuchungen durch die ausländischen Truppen, die in den Häusern nach versteckten Taliban-Kämpfern suchen. Die USA und Afghanistan verhandeln zurzeit über ein Militärabkommen für die Zeit nach 2014, wenn die Nato ihre Kampftruppen vom Hindukusch abgezogen hat. Weil der Plan den Verbleib von einigen wenigen US-Militärbasen vorsieht, betrachtet ihn die afghanische Bevölkerung mit großem Argwohn. Der Amoklauf reißt nun weitere Gräben auf und könnte die Verhandlungen erschweren.

In Afghanistan gingen derweil die Spekulationen über die Tatumstände weiter. Augenzeugen berichteten von einer Gruppe von betrunkenen US-Soldaten, die im Morgengrauen ihre Basis im Pandschwai-Distrikt verlassen hatten, um im nahe gelegenen Dorf Zangabad systematisch auf Menschenjagd zu gehen. Man habe einen Hubschrauber und Scheinwerferlichter gesehen, sagten sie. Andere wiederum sprachen von einem Einzeltäter, der mit einer Kalaschnikow mit aufmontiertem Raketenwerfer ausgerüstet gewesen sei. Einwohnern zufolge soll der Soldat die toten Opfer in Decken eingewickelt und in Brand gesteckt haben. Einige der Leichen wiesen gezielte Kopfschüsse auf.

Der Distrikt, eine frühere Hochburg der Taliban, ist seit Jahren Kriegsschauplatz zwischen den Taliban und den Nato-Truppen. Die Sicherheitslage ist prekär. Anfang März wurden zwei US-Soldaten von Aufständischen erschossen: Im Februar starben drei amerikanische Soldaten bei der Explosion einer Bodenmine.

Immer noch gibt es keine Hinweise auf die Motive des Täters, der sich nach dem Amoklauf selbst gestellt haben soll. Der Soldat werde zurzeit noch vernommen, hieß es. Es soll sich um einen 38 Jahre alten Feldwebel handeln, der in der Lewis-McChord-Kaserne im US-Bundesstaat Washington stationiert ist. Der zweifache Familienvater sollte mit seiner Einheit für die Stabilisierung der Sicherheitslage in den umliegenden Dörfern sorgen. Soldaten in solchen Operation versuchen, enge Beziehungen zu den Bewohnern um ihre Militärbasis aufzubauen, um so das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und auf diese Weise den Taliban Rückhalt zu entziehen. Der Soldat, der seit elf Jahren im US-Militär dient, hatte vor seinem Einsatz in Afghanistan bereits drei Kriegseinsätze im Irak hinter sich.

Die Militäreinrichtung, aus der der Täter stammt, sorgt nicht zum ersten Mal für Negativschlagzeilen. Sie gilt Kennern der Lage als Problemkaserne. Vor vier Monaten verurteilte ein Militärgericht dort den Anführer eines "Kill Teams", das sich in Afghanistan einen Sport daraus gemacht hatte, Afghanen zu erschießen und mit den getöteten Opfern zu posieren. Im vergangenen Jahr begingen zwölf Soldaten der Kaserne Selbstmord. Lewis-McChord ist eine der größten Militäreinrichtungen in den USA mit rund 40.000 stationierten Truppen.

Das Massaker könnte ein Wendepunkt für den Krieg der Nato am Hindukusch bedeuten und den Abzug der Truppen beschleunigen. Ein ähnlicher Vorfall im Irak-Krieg 2005, als amerikanische Soldaten in der Stadt Haditha 26 unbewaffnete Zivilisten auf grausame Weise töteten, wurde einer der wichtigsten Beweggründe der USA, die Truppen aus dem Irak abzuziehen.

Auch in Berlin war der geplante Abzug Thema - allerdings wegen missverständlichen Äußerungen der Kanzlerin zum Truppenabzug. Merkel hatte während des Besuchs in Afghanistan gesagt, dass sie angesichts der Sicherheitslage "noch nicht sagen" könne, ob ein Abzug bis Ende 2014 möglich sei. Später betonte Merkel jedoch, dass die Bundesregierung ungeachtet aller Schwierigkeiten am geplanten Abzug festhalte. "Der Wille ist da, wir wollen das schaffen, und daran wird gearbeitet", sagte die Kanzlerin.

Lager wird im Oktober geschlossen

Neben dem politischen Versöhnungsprozess, den die afghanische Regierung vorantreiben müsse, sei auch der zivile Aufbau durch internationale Geber essenziell, sagte Merkel. Ein "Test" werde die Schließung des deutschen zivil-militärischen Wiederaufbauteams im nordostafghanischen Faisabad im kommenden Oktober werden. Dann werde sich zeigen, so Merkel, "ob diese Übergabe in Verantwortung auch wirklich klappt".

Merkel berichtete den Soldaten zudem von ihrem Telefonat mit Karsai. Er habe darin "noch einmal betont, dass die Leistung der deutschen Soldaten im Rahmen von Isaf außerordentlich geschätzt wird", sagte Merkel. Das gelte besonders in der Kombination mit dem zivilen Wiederaufbau. Karsai habe sie gebeten, "das den deutschen Soldaten hier auszurichten".

Auch die Kanzlerin selbst würdigte den Einsatz der deutschen Truppen. "Sie setzen sich selber Gefährdungen aus und tun dies, damit unsere Sicherheit in Deutschland besser ist", sagte Merkel. "Das dürfen wir nie vergessen."