Computermesse Cebit

Heiter und wolkig

Natürlich gibt es sie auf der Cebit, die skurrilen Dinge. Ein Tablet-Computer mit eingebautem Drucker zum Beispiel, der in Halle 26 zu sehen ist - und gerade einmal 2,5 Kilogramm auf die Waage bringt. Nicht weit entfernt am Stand G33 zeigen das Karlsruher Institut für Technologie und das Forschungszentrum Informatik FZI den Haushaltsroboter Armar, der lernt, indem er seinem Besitzer zusieht.

Die Penclic-Computermaus, die eher wie ein Kugelschreiber aussieht, wird in Halle 16 angepriesen. Überhaupt zählt diese Halle zu den diesjährigen Geheimtipps. Dort präsentieren sich 50 junge Start-ups aus neun Ländern und zeigen beispielsweise einen Telefondolmetscher und -übersetzer, ein Carsharing-Service, bei dem das Privatauto zum Mietwagen wird, und einen digitalen Korruptionsmelder eines Internetunternehmens aus Singapur.

Doch die technischen Spielereien spielen auf der weltgrößten Computermesse nicht die Hauptrolle. Die neusten Gadgets haben ihre Enthüllung ohnehin bereits hinter sich, sei es auf der CES in Las Vegas oder auf der Mobilfunkmesse MWC in Barcelona. Die Schau in Hannover ist dagegen quasi das bodenständige Schwergewicht: Denn auf der Cebit müssen all die Smartphones, Tablets und ultraflachen Notebooks ihre Bewährungsprobe bestehen. Hier treffen die Multimedia-Geräte nicht nur auf Fachbesucher, sondern auch auf Verbraucher. Und die interessieren sich nicht sonderlich für die Taktfrequenz der Prozessoren - sie wollen wissen, was man mit den Wunderwerken der Technik alles anstellen kann. Und genau das zeigt die Cebit zur Genüge.

Einer der Hauptmagneten ist dann auch der Stand der Deutschen Telekom in Halle 4, wo sich alles um die Wolke dreht.

Vom Namen her ist die sogenannte Cloud für viele zwar noch kaum fassbar. Dabei nimmt das Konzept der Wolke langsam konkrete Formen an. Beim Cloud Computing müssen Nutzer ihre Daten nicht mehr auf dem eigenen Rechner speichern. Stattdessen liegen die Dateien auf einem Server bei einem Unternehmen wie Google, Amazon oder dem deutschen Rechenzentrumsbetreiber Strato. Das ist praktisch, weil der Nutzer von jedem Rechner mit Internetzugang darauf zugreifen kann. Ein Trend, der nicht nur die IT-Abteilungen in Unternehmen betrifft, sondern jeden Endanwender.

Ein Umsatz von 5,3 Milliarden Euro

Auf der Cebit präsentieren sich viele Dutzend Cloud-Anbieter, den Ton geben derzeit aber noch die Großen wie Google, Apple oder Sony an, daneben erfolgreiche kleinere Unternehmen wie Dropbox. Selbst der Ultrabook-Hersteller Acer stellt seinen Kunden eine Cloud zur Verfügung, über die sie Filme und Musik auf die mobilen Geräte übertragen können.

Ein interessantes Angebot hat zudem Microsoft mit SkyDrive gestartet. Jeder Nutzer bekommt in dieser Cloud 25 Gigabyte Speicherplatz kostenlos. Neu ist, dass sich der Dienst auch in den Internet Explorer einbinden lässt: Für die neuen Betriebssysteme Windows 7 und Windows 8 wird es eine darauf abgestimmte App geben. Dann können Nutzer Dateien ganz einfach mithilfe der Maus von ihrem Computer zu Hause in die Wolke ziehen.

Besonderes Augenmerk legen viele Anbieter auf den Cloud-Zugriff von unterwegs. Den gibt es in zwei Varianten. Zum einen ist es darüber möglich, sich Musik direkt vom Server streamen zu lassen. Die Audiodateien werden also nicht mehr im Tablet oder Smartphone zwischengespeichert, sondern "live" aus der Cloud gezogen. Das Smartphone dient dann nur noch als Abspielgerät.

Zum Zweiten lassen sich Dateien auch per Mobilfunk in die Cloud und wieder in den internen Speicher des Telefons laden. Das Herunterladen der in der Wolke abgelegten Daten ist schon zuweilen in einem akzeptablen Tempo möglich, das Hochladen aber dauert quälend lange. Abhilfe wird die schnelle Mobilfunktechnik LTE schaffen, die aber erst in einigen Monaten in Deutschland über mehrere Regionen hinweg verfügbar sein wird.

Der Markt rund um die Wolke ist enorm: Allein in Deutschland fällt mit Cloud Computing in diesem Jahr ein Umsatz von 5,3 Milliarden Euro an, 47 Prozent mehr als 2011, wie eine Studie der Experton-Group im Auftrag des IT-Fachverbands Bitkom ergab. Verbandspräsident Dieter Kempf erwartet bis 2016 ein Marktvolumen von 17 Milliarden Euro - davon mehr als sechs Milliarden im Geschäft mit Privatanwendern.

Doch Cloud-Dienste können nur erfolgreich sein, wenn deren Nutzer den Anbietern vertrauen. Doch gerade dieses Vertrauen ist in den vergangenen Monaten immer wieder auf die Probe gestellt worden - durch Hacker-Angriffe und Fehler der Unternehmen. Dass die Cebit "Managing Trust - Vertrauen und Sicherheit in der digitalen Welt" zum diesjährigen Hauptmotto ausgerufen hat, ist deswegen kein Zufall. Denn die Skepsis ist groß: Private Nutzer befürchten, dass auch Unbefugte Zugang zu ihren in der Cloud abgelegten Urlaubsfotos oder Zeugniskopien erlangen könnten. Eine Umfrage des Branchenverbands Bitkom zeigt: Knapp 70 Prozent der Befragten haben im Netz größere Schwierigkeiten als in der realen Welt, die Vertrauenswürdigkeit von Menschen und Unternehmen einzuschätzen. Bei nur zehn Prozent ist dies demnach gar nicht der Fall. "Online entsteht Vertrauen weniger schnell als offline. Deshalb muss im Internet mehr dafür getan werden", erklärte Bitkom-Präsident Dieter Kempf. Auch ein Drittel der rund 800 befragten Unternehmen sehen bei der IT-Sicherheit eigenen Nachholbedarf. Kempf forderte Unternehmen daher auf, transparent und offen aufzutreten: "Vertrauen kann man sich nur erarbeiten - über eine lange Zeitdauer, in der man seinen Kunden immer wieder zeigt: Auf mich ist Verlass."

Das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT) stellt auf der Cebit eine Lösung vor. Bevor Daten in der Wolke landen, werden sie komplett verschlüsselt - alle und bei jedem Ladevorgang. "Dadurch sind Informationen vor unberechtigtem Zugriff geschützt", sagt Michael Herfert, Cloud-Experte beim SIT. Darüber hinaus kann die OmniCloud genannte Technik zwischen verschiedenen Clouds vermitteln und so Datensätze von einer zur nächsten Wolke verlustfrei verschieben. Ohnehin sollten sich sowohl private Nutzer als auch Unternehmen vorab informieren, wie sie ihre auf dem Server gespeicherten Dateien am Stück wieder herunterladen können - falls sie mal den Anbieter wechseln möchten.

Experten rechnen schon in Zettabyte

Die Deutsche Telekom will sich diese Sicherheitsdiskussion mit einer "deutsche Cloud" zunutze machen. Die strengen Datenschutzvorschriften hierzulande könnten Technologie zu einem "Exportschlager" machen, sagte Konzernchef René Obermann am Montag in Hannover. Diese hohen Standards könnten viele ausländische Anbieter nicht erfüllen - für deutsche Unternehmen sei das "ein Wettbewerbsfaktor". Nach Ansicht der Telekom sind Kunden auch bereit, mehr zu zahlen, wenn ihre Daten dafür auf Rechenzentren in Europa liegen.

Wenn Sicherheits- und Datenschutzprobleme ausgeräumt sein sollten, dürfte das nächste Problem anstehen, ein weiteres Schwerpunktthema auf der Cebit: "Big Data". So praktisch es für den einzelnen Anwender ist, sich nicht mehr mit der Lagerung seiner Daten auseinandersetzen zu müssen, so problematisch ist es für die IT-Experten, dieser Datenflut Herr zu werden. Auf der Cebit zeigen Firmen Systeme, die mithilfe künstlicher Intelligenz den Wust an Informationen speichern, analysieren und steuern können. Dabei gehen sie nicht mehr mit Giga- oder Terabyte um. Ihre Währung dürften die meisten noch nie gehört haben: Sie rechnen in Zettabyte - dem Milliardenfachen eines Terabyte.