Interview

"Putins Welt ist eine sehr einsame Welt"

Der deutsche Journalist Hubert Seipel durfte Wladimir Putin für sein filmisches Porträt "Ich, Putin" monatelang begleiten. Der Film, der bereits in der ARD lief, schlägt Wellen - die russische Opposition verhinderte jetzt die Ausstrahlung beim kremlnahen russischen Fernsehsender NTW. Judith Luig hat Seipel gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Seipel, Sie haben Putin bei den intimsten Momenten begleitet, beim Jagen, Schwimmen und Spielen mit dem Hund. Für Sie inszenierte sich Putin zum ersten Mal so privat. Was verspricht er sich davon?

Hubert Seipel: Putin hat eine Sehnsucht nach dem Westen, der Westen aber erwidert diese Sehnsucht nicht unbedingt. Gerade jetzt, nach den Protesten im Land gegen ihn, erhofft er sich von einem Ausländer, dass der einen anderen Blick auf ihn freigibt. Und außerdem ist er - wie alle Politiker - durchaus eitel.

Berliner Morgenpost: Was sucht er im Westen?

Hubert Seipel: Annerkennung. Und er will mitspielen. Er will sein Land aus dieser geschwächten Situation nach dem Untergang der Sowjetunion rausführen. In dem Zusammenhang ist er ein Nationalist.

Berliner Morgenpost: Putin scheint in letzter Zeit viele Anhänger verloren zu haben. Ist er verunsichert?

Hubert Seipel: Ja. Er hatte mit der Protestbewegung nach den Duma-Wahlen nicht gerechnet. Die Menschen, die jetzt in den Städten auf die Straße gehen, sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, die haben eine ganz andere Geschichte als Putin. Sie sind von der alten Sowjetunion überhaupt nicht mehr geprägt, die ist weit weg für sie. Putin hat in den vergangenen Monaten mühsam lernen müssen, dass eine wachsende Mehrheit eine völlig andere Lebenserfahrung hat. Darauf versucht er sich jetzt einzustellen. Es muss ihm jetzt ein Übergang gelingen, damit sein Name in der Geschichte nicht für alles Böse in Russland steht. Er hat gedacht, er bliebe noch ewig an der Macht, deswegen hat er sich auch keinen Nachfolger aufgebaut. Aber jetzt ist er mit der Realität konfrontiert worden.

Berliner Morgenpost: Aus Ihrem Film spricht aber auch eine gewisse Faszination für den Menschen Putin.

Hubert Seipel: Nun ja, fasziniert hat mich eher, wie man in so einer ganz eigenen Welt leben kann. Ich hätte keine Lust, so wie er, die halbe Nacht lang in einem leeren Eisstadion Eishockey-Training durchzuziehen, nur weil er gerne jemand sein will, der das gut kann. Putin pflegt dieses Macho-Image des strahlenden Helden, der mit nacktem Oberkörper durch die Steppe reitet. Aber nach anderthalb Stunden Eishockey-Training sah er aus wie aus dem Wasser gezogen. Wie man so aussieht, wenn man knapp 60 und ziemlich platt ist. Putins Welt ist auch eine sehr einsame Welt. Ich möchte nicht mit ihm tauschen.