Helgoland

"Gott ist mit die Doofen"

Da, endlich, sehen sie die Insel. Es ist ein Mittwoch, kurz vor drei Uhr am Nachmittag. Schwere See herrscht, das Schiff schwankt heftig. Die Luft ist dunstig. René Leudesdorff ist damals 22 Jahre alt, noch nie war er auf Helgoland gewesen. Felsen sind zu erkennen.

Heute, als alter Mann, sagt er: "Wie ein riesiger Frauenleichnam, der auf See lag." Alte Hände fahren durch die Luft und modellieren den Körper der Insel, als gäbe es Hüften und Schultern. Er erkennt das Bild mühelos wieder.

Dreizehn dicke Aktenordner mit der Aufschrift "Helgoland" stehen in der Wohnung von Leudesdorff in Flensburg, auf einem Sidebord zwischen offener Küche und Wohnzimmer, ein Stickdeckchen liegt obendrauf. Dreizehn Aktenordner mit Briefen, Dokumenten, Notizen. Ein Spielfilm über die Helgoland-Tat sei geplant gewesen, deshalb stünden die Ordner da. Leudesdorff schüttelt den Kopf. Könne man doch heute gar nicht mehr auf Helgoland drehen, sagt er, nichts erinnere mehr an das Chaos von damals. Nur der Grand Canyon in den USA sei als Drehort heute noch geeignet für die schreckliche Steinwüste mit den Bombentrichtern und den Trümmern, wegen des roten Steins. Der Spielfilm fürs Fernsehen hat sich zerschlagen. Die Ordner sind geblieben.

Leudesdorff, geschieden, drei Kinder, trägt ein blaues Sakko mit Goldknöpfen. Am Revers heftet die Anstecknadel, der Hinweis auf das Verdienstkreuz erster Klasse, das er 1993 bekommen hat. Er mag es. Den eigentlichen Orden trage er nie, braucht man einen Frack dafür, hat er keinen. Sein halbes Leben war er Pfarrer, schrieb daneben Texte und Bücher, war Pressesprecher bei Kirchentagen, Organisator. Er sei ein guter Anfänger, sagt er. Heute fährt er wieder nach Helgoland, zum offiziellen Feiertag der Nordseeinsel, die seit dem 1. März 1952 wieder bewohnt werden darf. Denn Leudesdorff hat es als junger Mann möglich gemacht.

Es gibt Tamtam auf Helgoland, der Wirtschaftsminister kommt, die Insel, die nach Jahren des Rückgangs jetzt wieder leicht mehr Touristen ansteuern, will auch mit Windenergie von sich reden machen. Erst Ausflugsziel und Zoll-frei-Paradies, nun Offshore-Heimstatt, falls der Begriff nicht schief klingt. René Leudesdorff ist seit ein paar Jahren verdienter Bürger der Insel, zuvor hatte er eine lebenslange Eintrittskarte fürs Freibad erhalten. Er schmunzelt.

"Eine 1-b-Lösung, bin ganz froh."

Man sei ja damals nicht hingefahren, um Ehrenbürger zu werden, sondern um die Insel zu befreien.

"Hell-go-Land", zur Hölle damit

Leudesdorffs Helgoland-Geschichte beginnt an der Universität Heidelberg, im Dezember 1950. Der Theologiestudent trifft bei einer Debatte über die Wiederbewaffnung Deutschlands Georg von Hatzfeld, 21 Jahre alt, Soziologiestudent. In der Kneipe "Mainzer Rad" beschließen sie bei einer Cola eine kühne Tat, die Besetzung Helgolands. Die Insel ist seit 1945 unbewohnt, die Briten hatten sie in den letzten Kriegstagen bombardiert, die Bewohner wurden an die Küste oder nach Sylt evakuiert. Danach war die Insel militärisches Sperrgebiet. 1947 fand die größte nicht atomare Explosion der Geschichte statt, Operation "Big Bang", 6,7 Kilotonnen Sprengstoff. Der poröse Stein hielt. Nun war die Insel Übungsabwurfplatz für britische Bomber. "Hell-go-Land" hieß es in England. Zur Hölle damit.

Proteste der Helgoländer und vorsichtige Initiativen zur Rückgabe sind bis 1950 versandet. Nichts geht.

Leudesdorff und Hatzfeld sehen sich als gewaltlose Widerständler, berufen sich auf Gandhi und Jesus. Leudesdorff besorgt eine schwarz-rot-goldene Fahne, eine Europafahne und eine Helgolands. Sie trampen gen Norden, suchen in Hamburg Journalisten auf, verabreden sich unter Geheimhaltung mit zwei Reportern der "Frankfurter Abendpost", einem nationalen Boulevardblatt. "Bild" ist noch nicht gegründet.

Leudesdorff und von Hatzfeld nennen sich jetzt beim Vornamen, siezen sich aber. Man kennt sich ja erst seit drei Wochen.

In Cuxhaven verkauft ihnen ein Schiffsausrüster Proviant und Material. Der Kapitän des Kutters "Paula" nimmt 200 Mark, schippert die zwei Landratten und die beiden Presseleute am Morgen des 18. Dezember 1950 Richtung Nordwest. Bei Windstärke 7 bis 8 wird allen schlecht, außer Leudesdorff. Hatzfeld spuckt bloß noch Galle. Zwischendurch fällt für eine Stunde der Motor aus. Dann taucht der "Frauenleichnam" auf, der Flakturm wird sichtbar. Der Kapitän der "Paula" hat erzählt, dass im Bunker unten drin auch die Schrottdiebe stets unterschlüpfen.

Dann ein Schrecken.

Im Hafen liegt ein britisches Wachboot. Die Besetzer verstecken die Fahnen, geben vor, Journalisten zu sein. Ein britischer Offizier rät zur frühen Abreise, am Abend sollen Bomber kommen. Bald fährt das Wachboot ab, die Inselbesetzung kann losgehen. Es bietet sich ein furchtbares Bild. Gewaltige Krater überall. Steinreste, Schutt, eine triste Mondlandschaft. Helgoland sieht aus wie Verdun und Stalingrad in einem, sagt Leudesdorff.

Sie schleppen ihr Zeug in den Flakbunker. Ein langes Rohr dient als Fahnenstange, bei beißendem Wind werden die Fahnen gehisst. Ein erstes, ziemlich verwackeltes Foto entsteht. Beide Studenten tragen Bommelmützen, Leudesdorff hat nur eine kurze Jacke. Nach einer Minute ist der Fahnenappell beendet. Bei Temperaturen um null Grad beginnt eine scheußliche Nacht. Die Eroberer haben keine Schlafsäcke, nur je eine Decke von der "Paula".

Am nächsten Tag ist das Wetter gut, die zwei spazieren über ihre Insel, stolz wie Robinson Crusoe. "Wir waren die Herren dieses Trümmerberges", sagt Leudesdorff. Er sitzt jetzt im Sessel vor Tee und Russischbrot. Abenteuerlust sei schon dabei gewesen, aber es ist ihm noch heute sehr ernst. Die erste friedliche, gewaltfreie Besetzung in Europa, diktiert er mehrfach. "Es war verwegen, ohne Frage", ruft er. Natürlich schwingt Stolz mit.

Am Strand gehen sie zwischen Barrieren und Hindernissen herum, ein Minenfeld, wie sie später erfahren. "Gott ist mit die Doofen", sagt Leudesdorff. Die zweite Nacht ist noch kälter, die zwei frieren erbärmlich, fluchen auch. Mitten in der Nacht holen sie die Flaggen und wickeln sich auch darin ein.

Am Morgen bummert es an die versperrte Tür.

Wer da?

Hallo, Deutsche Presse-Agentur.

Der Fotograf Jochen Blume bringt einen kleinen Tannenbaum mit und eine Pulle Schnaps. Er macht das berühmte Bild mit den beiden beim Flaggenhissen. Am Nachmittag taucht auch Associated Press auf, bringt auch einen Tannenbaum mit und Schnaps. In den nächsten Tagen wird die Flaggenszene noch oft nachgestellt. Sie seien weder rot noch schwarz-weiß-rot, erklären die zwei allen Reportern, sie seien schwarz-rot-gold. Gut vorbereitet sprechen sie über Völkerrecht und Verantwortung. Sie fürchten, am Ende doch verhaftet zu werden.

Vor Heiligabend fahren die zwei aufs Festland, kurz darauf wieder nach Helgoland, diesmal auf dem Kutter "Liebe". Die Zeitungen jubeln inzwischen vom "Handstreich auf Helgoland", von "Invasion" und "Eroberung". Karikaturen erscheinen. Das Radio berichtet. Leudesdorffs Mutter ist zur Kur im Schwarzwald, sie liest von der Tat ihres Sohnes in der Zeitung. Die Briten sind derweil beunruhigt.

Sie sind jetzt zu fünft, täglich kommen neue Invasoren. Zu Silvester singen sie das Deutschlandlied, das Hoffmann von Fallersleben hier 1841 gedichtet hat, als die Insel noch britisch war. Die dritte Strophe kommt stockend; kaum einer der jungen Männer kennt den Text.

Die Briten senden keine Bomber, aber sie erstellen hastig eine Anordnung, die Ordinance 224. Niemand darf auf Helgoland landen oder verweilen. Die Deutschen sollen die Aufrührer gefälligst abholen. Zu denen gehört nun auch der Geschichtsdozent Hubertus Prinz zu Löwenstein, der in Heidelberg schon länger eine Helgoland-Aktion im Sinn gehabt hatte. Deutschland freut sich über die Studenten, Politiker sind ein bisschen erschrocken. Eine Bootsmannschaft, die nach Helgoland fahren soll, säuft sich vorsorglich besinnungslos.

Nach ein paar Tagen diplomatischem Hin und Her landet ein Wachboot, fordert die Aufgabe, die Studenten haben sich zwischenzeitlich heftig gestritten, ob das weise oder feige ist. Am Ende tragen die Polizisten den Inselbesetzern die Koffer und salutieren vor ihnen. Die Briten erkennen, dass es besser ist, Helgoland loszulassen, willigen in Verhandlungen ein. Bevor die Helgoländer zurück dürfen, sammelt eine Munitionsräumgruppe rund 200 000 Granaten, Bomben und Munitionsstücke weg. Am 1. März 1952 ist es so weit. Handwerker kommen, bald entstehen die bekannten Hummerbuden mit ihren grellen Farben.

Leudesdorff arbeitet in der Nacht davor fieberhaft in Heidelberg an seiner Examensarbeit. Dann schickt Leudesdorff ein Glückwunsch-Telegramm nach Helgoland. Erst viel später sieht er die Insel wieder, macht im Ruhestand auch Urlaubsvertretungen für den Pfarrer.

Zurück in Flensburg. Draußen wird es dunkel. Leudesdorff spricht von seinen Berufsstationen, davon, wie er zuletzt im nordfriesischen Dagebüll als einfacher Pfarrer arbeitete, danach bei der Blindenmission Kommunikationschef war, im sachsen-anhaltischen Jerichow eine romanische Abtei retten half. Ein Anfänger, immer aufs Neue. Der Mann steht auf, schaut aus der Fensterfront auf den Sportplatz, das Sakko mit der Bundesverdienstnadel ist ihm zu groß. "Ich habe immer Glück gehabt in meinem Leben", sagt er. Vor ein paar Wochen hat er seine Herzdame geheiratet. Sein Lächeln geht nach innen.