Afghanistan

"Wir dürfen uns jetzt nicht aus Skepsis zurückziehen"

Seit einem Jahr ist Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen, katholischer Militärbischof. Simone Meyer sprach mit dem 47-Jährigen über sein erstes Amtsjahr und eine komplexer werdende Sicherheitsarchitektur in der Welt.

Berliner Morgenpost: Die Bundeswehr wird umgebaut. Der Verteidigungsminister hat angekündigt, Deutschland müsse mehr Verantwortung in der Welt tragen. Sehen Sie das genauso?

Franz-Josef Overbeck: Ja. Die Globalisierung wird in allen Bereichen des Lebens noch große Konfliktfelder eröffnen, aus denen wir uns nicht heraushalten können. Das ist eine internationale Verantwortung, da können wir nicht einfach sagen: Wir sind die Gutmenschen und lassen andere die Arbeit tun. Das gilt gerade für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Dieses Konfliktfeld ist ein Beispiel für das, was uns noch in vielen Regionen unserer Erde erwarten wird.

Berliner Morgenpost: Anfang Oktober besuchten Sie zum ersten Mal "Ihre" Soldaten in Afghanistan. Hatten Sie da auch den Eindruck, dass "nichts gut" ist in diesem Land?

Franz-Josef Overbeck: Ich habe diesen Satz der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands (Margot Käßmann, die Red.) noch nie für gut gehalten. Ich halte ohnehin nichts von solchen pauschalen Aussagen. Mit der Wirklichkeit muss man sehr viel differenzierter umgehen. Das sieht man in Afghanistan: Nach dem Beschluss von 2001 ist eine politische Lage entstanden, zu der die Kirche nur sagen kann: Es muss alles geschehen, damit Frieden in Gerechtigkeit auf den Weg gebracht wird. Dazu tun wir unseren Teil, und dazu ist schon viel Bemerkenswertes passiert.

Berliner Morgenpost: Was zum Beispiel?

Franz-Josef Overbeck: Ich habe bei meiner Reise Soldaten getroffen, die ihr Handeln ethisch sehr bewusst abwägen in diesen doch sehr kriegsähnlichen Situationen. Ich habe aber auch große zivile Anstrengungen gesehen, etwa die Ausbildung von Polizisten oder Lehrern. Angesichts dieser schwierigen, durch Stämme geprägten Situation kann man nur hoffen, dass die internationalen Anstrengungen auf Dauer Früchte tragen. Da gehört viel Geduld dazu, das gilt auch für die Kirche.

Berliner Morgenpost: Was fordern Sie?

Franz-Josef Overbeck: Afghanistan ist ein Land, in dem bisher fast alle Frieden bringenden Initiativen gescheitert sind, das macht natürlich nachdenklich. Aber wir dürfen uns jetzt nicht aus Skepsis zurückziehen und das Land sich selbst überlassen. Das würde meinem Verantwortungsideal nicht entsprechen.