Afghanistan

Die tödliche Wut der Befreiten

Und wieder sind sie auf der Straße. Obwohl viele Geistliche in Afghanistan beim traditionellen Freitagsgebet die Bevölkerung zur Ruhe aufgerufen haben, protestieren viele Menschen in Afghanistan gegen die Koranverbrennung. Sie schreien ihre Wut über die Vorgänge in der US-Militärbasis Bagram heraus - den vierten Tag in Folge. Und sie sind nicht zimperlich.

In Kabul ziehen Hunderte aufgebrachte Afghanen zum Präsidentenpalast. Die Menge skandiert "Tod für Amerika" und "Es lebe der Islam". Zwei Menschen werden während der Proteste erschossen, einer von bewaffneten Demonstranten. In Herat im Westen des Landes versucht eine Menschenmenge, die amerikanische Botschaft zu stürmen. In der Stadt sterben nach offiziellen Angaben sieben Menschen, 50 werden verletzt; in der östlichen Provinz Khost sind 4000 Menschen bei einer Demonstration unterwegs. Dort sterben zwei Menschen. Insgesamt verlieren mindestens zwölf Menschen ihr Leben. Es ist der blutigste Tag der Proteste.

Bereits am Donnerstag sind bei den Protesten mindestens acht Menschen gestorben, darunter zwei US-Soldaten. Die aufständischen Taliban haben die Bevölkerung aufgerufen, Ausländer aus Rache zu töten. Angesichts der antiwestlichen Ausschreitungen räumte die Bundeswehr ihren Stützpunkt in Talokan im Norden Afghanistans früher als geplant.

Die Unruhen begannen am Dienstag, nachdem Afghanen verbrannte Reste des Korans auf dem US-Stützpunkt Bagram, etwa 60 Kilometer von Kabul, gefunden hatten. Der Koran ist im Islam heilig. Das Buch zu beschädigen gilt als ein schweres Vergehen. Unklar ist, ob die Exemplare des Korans "irrtümlich" in die Verbrennungsanlage geworfen wurden, wie es beim US-Militär hieß.

Brennende US-Fahnen

US-Präsident Barack Obama entschuldigte sich für das Verhalten des US-Militärs und sprach von einem "wesentlichen Fehler". Die Schutztruppe Isaf unter Führung der Nato ordnete Schulungen für alle Soldaten an. Sie sollen lernen, wie "religiöses Material" aussieht, wie man es behandelt und wie sie sich verhalten sollen.

Viele Afghanen beruhigt das nicht. In anderen Ländern gibt es ebenfalls Proteste, etwa im benachbarten Pakistan. Aufgebrachte Menschen verbrennen US-Fahnen und wünschen den Amerikanern den Tod. Pakistan gilt als eines der Rückzugsgebiete der Taliban, die von hier aus Aktionen in Afghanistan steuern sollen.

Bereits im April 2011 löste ein US-Prediger wütende Proteste in Afghanistan aus, als er in Florida einen Koran verbrannte - als politische und religiöse Aussage. Elf Menschen kamen damals ums Leben, als ein Mob in Masar-i-Scharif das Büro der Vereinten Nationen stürmte - unter den Toten waren auch sieben ausländische UN-Mitarbeiter.

Manch ein Afghane ist heute allerdings auch irritiert von den wütenden Reaktionen. Die Bevölkerung gehe ja auch nicht auf die Straße, wenn die aufständischen Taliban Moscheen oder Schulen bombardierten und dabei Exemplare des Koran zerstörten, kritisierte zum Beispiel Fauzia Kufi, eine Politikerin aus Kabul.

Die Parlamentarierin forderte, die Umstände der Koranverbrennung in Bagram umfangreich zu untersuchen. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Allerdings gebe es auch einige Ungereimtheiten, sagte Kufi. "Warum haben die afghanischen Reinigungskräfte dies nicht schon früher an ihre amerikanischen Vorgesetzten gemeldet?", fragt sie. Man müsse prüfen, ob es in diesem Fall nicht eine Verbindung zu Pakistan gebe.

Viele Afghanen machen das islamische Nachbarland für den Terror in Afghanistan verantwortlich und glauben auch, dass Pakistan aus eigenem Interesse Friedensbemühungen in Afghanistan hintertreibt. Kufi sieht mit Sorge, dass die ausländischen Truppen sich auf ihren Abzug vorbereiten. "Es gibt eine große Unsicherheit, was die Zukunft anbelangt", sagt sie. Es sehe so aus, als wolle die internationale Gemeinschaft Afghanistan "in großer Eile" verlassen. Daher gebe es im Moment eine große Verwirrung bei der Bevölkerung.

Dazu passt ins Bild, dass die Bundeswehr ihren Stützpunkt in Talokan räumt und die rund 50 Soldaten samt Fahrzeugen, Waffen und Munition ins Feldlager in Kundus verlegt. Auch mehrere deutsche Mitarbeiter von Auswärtigem Amt und Bundesentwicklungsministerium ziehen sich nach Kundus zurück. Rund 300 Menschen haben vor dem Lager gegen die Koranverbrennungen auf dem US-Stützpunkt Bagram demonstriert. Ein Bundeswehrsprecher sagte, die Räumung des Lagers in der Hauptstadt der Provinz Takhar sei eine "reine Vorsorgemaßnahme mit deeskalierendem Charakter" gewesen. Medienberichte, wonach es bei der Demonstration in Talokan auch zu Gewalt kam, will er nicht bestätigen.

Im vergangenen Jahr waren bei Protesten vor dem Camp in Talokan mindestens zehn Menschen gestorben. Die Bundeswehrsoldaten dort waren am 15. Februar ihres militärischen Auftrages entbunden worden - sie sollten das Lager nur noch bis spätestens Ende März abbauen. Der Bundeswehrsprecher sagte, derzeit sei unklar, ob die Bundeswehr in das Lager zurückkehren werde, etwa um dort verbliebenes Material abzuholen. Das werde "lageabhängig" entschieden.

Grundsätzlich will die Bundesregierung am Abzugsplan aus Afghanistan festhalten. Der Zeitplan sei durch die Gewalt der vergangenen Tage "in keiner Weise infrage gestellt", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Zwar würden die gewaltsamen Proteste in Afghanistan bei der Lageeinschätzung berücksichtigt, sagte der Außenamtssprecher in Berlin. Es gebe aber keinen Anlass für eine "grundsätzliche Veränderung" dieser Einschätzung. Die Sicherheitslage habe sich insgesamt "eher verbessert".

Sorge vor Attentaten

Die Bundeswehr will sich gemeinsam mit den anderen an der Isaf beteiligten Staaten bis Ende 2014 aus Afghanistan zurückziehen und die Sicherheitsverantwortung bis dahin schrittweise den Afghanen übergeben. Die USA und die Nato kämpfen seit mehr als zehn Jahren am Hindukusch gegen die radikal-islamischen Taliban.

Viele Afghanen sehen den Abzug mit Sorge, weil sie nicht glauben, dass die afghanischen Kräfte für Sicherheit sorgen können. Andere wiederum wünschen sich die Fremden so schnell wie möglich weg, weil sie hoffen, dass die Taliban dann keinen Grund mehr haben, Attentate zu verüben und die Bevölkerung zu terrorisieren.

"Es gibt eine große Unsicherheit, was die Zukunft anbelangt"

Fauzia Kufi, Politikerin aus Kabul