Meinungen zum Rücktritt

"Jeder macht mal Fehler"

Der Schritt war mehr als überfällig. Er hat das Amt mit Füßen getreten. Immer nur die Hand aufzuhalten ist der Würde des Amtes einfach unwürdig. Ich hoffe, es gelingt nun, sehr zügig einen würdigen Nachfolger zu finden. Thomas de Maizière oder Norbert Lammert wären sicherlich hervorragende Bundespräsidenten. Lammert wird als Bundestagspräsident allerdings noch gebraucht."

Lea Rosh, Journalistin und Initiatorin des Berliner Holocaust-Mahnmals

Dem Rücktritt von Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten gilt mein Respekt. Der Antrag auf Aufhebung der Immunität hätte nicht zugelassen, sein Amt unbelastet weiter auszuüben. Ich danke Bundespräsident Wulff, dass er sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eingesetzt hat. Zum interreligiösen Zusammenleben hat er sowohl in Deutschland als auch in der Türkei eine notwendige und weiterführende Debatte angestoßen.

Bischof Markus Dröge, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz:

Ich wünsche der Bundesrepublik, dass sie mit dem nächsten Bundespräsidenten mehr Glück hat. Genug bedeutende Persönlichkeiten für dieses Amt gibt es in unserem Lande.

Bernd Schultz, Villa Grisebach

Ich denke, Wulff hätte nicht zurücktreten müssen. Im Grunde hat er nichts falsch gemacht, juristisch kann ihm nichts angehängt werden. Das Gerede vom beschädigten Amt des Bundespräsidenten halte ich für maßlos übertrieben. Jeder lässt sich doch mal einladen. Gut, er hätte die Karten früher auf den Tisch legen sollen - aber die ganze Debatte in der Presse, die finde ich durchaus doppelmoralisch.

Franz Josef Rose (73), Rentner, Friedenau

Jeder macht mal Fehler, auch ein Bundespräsident. Ich glaube, sein Rücktritt war unumgänglich. Was mich bewegt, ist aber, dass ich mein sowieso schon schlechtes Bild, das ich von Politikern habe, einmal mehr bestätigt sehe. Das geht bestimmt vielen jungen Leuten so. In der Rücktrittsrede sprach Wulff von "innen und außen". Ich glaube, vor allem das "außen" zählte für ihn. Jetzt ist die Fassade gebröckelt, dahinter verbirgt sich Korruption.

Tata Shapar (26), Studentin, Wilmersdorf

Ich finde es schade, dass ein Mann, der nach außen hin relativ sympathisch ist, von der Presse so niedergemacht worden ist. Vor allem bin ich überzeugt, dass für jeden Menschen, auch einen Bundespräsidenten, uneingeschränkt die Menschenrechte gelten: Und dazu gehört nun mal auch das Recht auf Privatsphäre, das im Falle Wulff verletzt worden ist. Einen Mann in der Öffentlichkeit bloßzustellen - das ist nun wirklich kein guter Stil.

Silas Schwarzrock (29), Restaurantleiter, Kreuzberg

Wer von uns hat noch nicht selbst gemauschelt oder geschummelt? Aber ein Bundespräsident, der ja keine politische Macht hat, ist allein ein Repräsentant. Und in einem solchen Amt darf man sich kaum Fehler erlauben. Ich denke, Wulff sollte keinen Anspruch auf einen Ehrensold haben, sondern sich beizeiten nach einem neuen Job umschauen.

Dorothea Schulz (43), Gastronomin, Kreuzberg

Das Beste für Wulff wäre wohl gewesen, wenn er dort geblieben wäre, wo er hergekommen ist: in Niedersachsen. Ich habe den Eindruck, dass er darüber gestolpert ist, dass er zu beliebt war. Dadurch war er wohl einigen Leuten zu gefährlich, die sich vielleicht davor fürchteten, dass er zu viel politischen Einfluss bekommen würde.

Sabine Krieger (52), Versicherungskauffrau, Falkensee

Der Rücktritt war nach der Entwicklung der vergangenen Monate unvermeidlich. Deutschland braucht jetzt einen Präsidenten, der sich auf ein breites Vertrauen stützen kann. Deshalb ist es wichtig, eine Konsenskandidatur zu finden.

Klaus Wowereit (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin

Der Rücktritt ist längst überfällig gewesen. Eigentlich hätte Wulff nie das Amt des Bundespräsidenten bekleiden dürfen. Denn er war zu keiner Zeit ein würdiger Präsident. Weder intellektuell noch als Person war er dem Amt gewachsen. Er hat nichts dargestellt, war ein Regionalpolitiker. Wünschenswert wäre eine würdige Person - ein Mann vom Format Richard von Weizsäckers. Oder auch Joachim Gauck.

Markus Eggestein (45), Vertriebsmanager, Neukölln

Ich habe die ganze Diskussion nie verstanden. Sicher, es war gute journalistische Arbeit, die ganzen Dinge ans Tageslicht zu bringen. Aber ganz ehrlich: Schon eine Woche nach der ersten Meldung konnte ich davon nichts mehr hören. Das Ganze hat mich etwas gelangweilt. Rechtlich kann man Wulff nichts vorwerfen. Der erneute verfrühte Rücktritt eines Bundespräsidenten sorgt nur für Unruhe. Es ist gut, dass die Debatte endlich beendet ist.

David Kraus (29), Rechtsreferendar, Charlottenburg

Nach der Debatte gibt es nur Verlierer. Wulff, sicher kein charismatischer, dafür aber sympathischer Mensch, musste unter der Berichterstattung leiden. Dieses ganze Aufeinander-Einhacken ist für mich unverständlich. Wir sollten uns, die wir in einem wohlhabenden Land leben, endlich wieder auf die positiven Dinge konzentrieren. Ich denke, dass würde uns allen sehr gut tun.

Remó Nietzke (42), Immobilienkaufmann, Wilmersdorf

Christian Wulff hat eine persönlich schwierige, aber richtige Entscheidung getroffen. Der zunehmende Druck auf das Amt hat diesen Schritt unabwendbar gemacht. Ich nehme den Rücktritt mit Respekt zur Kenntnis. Jetzt muss es darum gehen, weiteren Schaden vom Amt abzuwenden. Vertrauen ist dabei eine ganz wichtige Kategorie.

Frank Henkel (CDU), Berliner Innensenator

Der Rücktritt hätte schon vor einigen Wochen kommen müssen. Die Zeitungen haben so lange gewühlt, bis Wulff kein anderer Ausweg mehr übrig blieb. Ich finde es schäbig, dass er sich jetzt wieder als Opfer der Medien stilisiert. Warum sucht er die Schuld immer bei den anderen? Ein solches Verhalten ist dem Amt nicht angemessen, und deshalb ist es auch gut und richtig, dass er es letztendlich niedergelegt hat. Endlich mal eine gute Aktion - die aber viel zu spät kommt.

Regine Rausch (48), Sozialpädagogin, Charlottenburg

Ich glaube nicht, dass das Amt des Bundespräsidenten dauerhaft beschädigt ist. Fast alle Präsidenten vor Wulff haben eine sehr gute Figur abgegeben - und wenn wir einen neuen Präsidenten haben, wird die ganze Affäre schnell vergessen sein. Der Rücktritt war eine logische Konsequenz, nachdem die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingeleitet hatte, waren die Weichen gestellt: in Richtung Rücktritt.

Adrian Becker (35), Marktforscher, Friedrichshain

Als Bundespräsident hat man eine Vorbildfunktion. Insbesondere wenn die Politik in der öffentlichen Wahrnehmung keinen guten Ruf hat, denke ich, nimmt diese Funktion einen sehr hohen Stellenwert ein. Natürlich ist der Druck auf einen solchen Menschen höher als auf andere, aber das gehört meiner Einschätzung nach zum Amt dazu. Ich bin erstaunt, wie lange es Christian Wulff noch im Amt ausgehalten hat. Kein Wunder, dass er die letzten Wochen so verkrampft wirkte.

Sandra Drohla (28), Beraterin, Friedrichshain

Christian Wulff hat meiner Meinung nach nicht verstanden, dass für einen Bundespräsidenten die gleichen moralischen Regeln und Grundsätze gelten, die für den Rest der Bevölkerung auch gelten. Er hätte mit den Vorwürfen von Anfang an ehrlich umgehen müssen und zu dem Kredit stehen müssen - und zwar nicht nur indirekt. Damit hat er sich in eine Einbahnstraße manövriert, die nur noch zu seinem Rücktritt führen konnte.

Jasmin Trier (26), Projektmanagerin, Schöneberg

Das Tragische, das große Problem von Wulff war, dass er die eigene Person ins Zentrum gestellt hat - und nicht das Amt. In seiner Rücktrittsrede sagte er, dass er das Amt gerne ausgefüllt hat. Das interessiert keinen - und ist nur ein neuerliches Zeichen für seinen Egozentrismus. Er hat über Wochen ein schlechtes Bild abgegeben und dadurch auch das Amt beschädigt. Dieses sollte in Zukunft von einem überparteilichen Kandidaten besetzt werden. Im Rücktritt liegt auch eine Chance.

Samir Schahadat (47), Arzt, Schöneberg

Hamlet: "Der Rest ist Schweigen"

Claus Peymann, Direktor des Berliner Ensembles

"Es wird Zeit, einen Kandidaten zu finden, der überparteilich ist und die Klasse von Richard von Weizsäcker hat."

Catherine von Fürstenberg-Dussmann, Vorsitzende des Stiftungsrats der Dussmann-Gruppe

"Es ist die Pflicht der Journalistinnen und Journalisten, über politische Affären und Skandale kritisch zu berichten"

Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes

"Christian Wulff hat mit seinem Rücktritt den Weg freigemacht für einen Neuanfang"

Rainer Brüderle, FDP-Fraktionsvorsitzender im Bundestag

"Er hat nichts anderes getan als alle anderen um ihn herum auch. Aber er ist halt der Bundespräsident"

Jürgen Vogel, Filmschauspieler und Produzent

"Die Frage nach Schuld oder Unschuld ist mit dem Rücktritt nicht beantwortet. Dies ist die Aufgabe, die der Justiz zukommt"

Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland