Karriere

Ende einer Dienstfahrt

Er wirkte verträumt und sprungbereit zugleich, beinahe wie aus zwei Charakterschalen zusammengesetzt. Im Sommer 2011 zum Beispiel, an einem wunderbaren Sommerabend, hatte Christian Wulff eine Runde zu einem abendlichen Hintergrundgespräch ins Schloss Bellevue geladen. Das Gespräch fand auf der Seitenterrasse des Schlosses statt. Wulff war ein charmanter Gastgeber.

Mit nüchtern-kehliger norddeutscher Stimme, stets wie im Nachdenken begriffen, zählte er gerade seine Termine des endenden Tages auf, als sich ein Kaninchen auf den Rasen wagte. Wulff unterbrach seine Schilderung, wies auf das Kaninchen, und seine Stimme bekam andeutungsweise einen anderen, einen härteren Klang. "Die Kaninchen hier werden manchmal von Füchsen geschlagen." Wulff setzte hinzu: "Das ist nichts für Zartbesaitete. Wer jetzt ins Haus gehen will, kann es tun." Für Sekunden war da der Jurist mit den stählernen Nerven zu sehen, der sträflich unterschätzte Mann mit starkem Händedruck.

Am richtigen Platz

Christian Wulff hat sich in Schloss Bellevue am richtigen Platz gefühlt. Das Amt war für ihn nicht nur ein protokollarisch krönender Abschluss einer Karriere. Es war die Erfüllung seines Lebens an einem seit der Jugend angepeilten Ort (das andere Wunschziel wäre das Bundeskanzleramt gewesen). Als Staatsoberhaupt hat er Deutschland einen Stempel aufdrücken wollen, den er in der Schulzeit zu schnitzen begonnen hat. Mit 16 trat er 1975 in die CDU ein, ein weltanschaulicher Schritt. Zwei Jahre zuvor von Helmut Kohl übernommen, war die CDU damals für junge Nichtlinke die einzige verlässliche Kraft der Mitte. Diese CDU war für Wulff Lebensheimat und Familie.

Es müsste eigentlich mehrere Bundespräsidenten geben - so umriss er die Fülle seiner Aufgaben im Schloss Bellevue. Wulff skizzierte damit zugleich seine Ambitionen in einem Amt, das er als ungeheure Chance begriff. Die erodierende demokratische Legitimation der EU trieb ihn um, die Griechenland-Krise und die Integrationsfragen trieben ihn an. Er hatte eine Einladung, im Athener Parlament zu sprechen. Dazu ist es nicht mehr gekommen, denn die Umsetzung hing von etlichen Unwägbarkeiten ab. An den Ösen und Haken solcher Situationen beharrlich zu arbeiten verschaffte dem Juristen ersichtlich Genugtuung. Das war sein Metier, das war seine Berufung.

Endlich war Wulff dort, wo er Deutschland zum Guten verändern zu können glaubte. Und glaube niemand, er habe das nicht gewollt. Das Land würde er nicht im Stich lassen - er, der sich im Stich gelassen fühlte. Zwei Väter sind in seiner Schulzeit vor seinen Augen davongelaufen, erst der leibliche, dann der Stiefvater. Wulff übernahm mit 16 Jahren die Pflege seiner schwer kranken Mutter und die Betreuung seiner Halbgeschwister. Er ist damals schweigsam geworden, vorsichtig, misstrauisch und ehrgeizig in einem positiven Sinn. Er hatte nie die unbeschwerte Disco-Jugend, die andere genossen haben; er kniete sich stattdessen in medizinische Fachbücher und in die Politik. Seit 1979 ist er durchgehend in der Bundespolitik aktiv gewesen.

Er durfte als Chef der Schüler-Union an den Vorstandssitzungen der Mutterpartei teilnehmen. Mit 24 führte er die Junge Union Niedersachsen und wagte sich mit offenen Worten zur damaligen Affäre um Zahlungen des Flick-Konzerns an politische Parteien hervor. Mit 34 wurde Wulff CDU-Chef seines Bundeslandes. Nach drei verbissenen Anläufen zur Macht eroberte er 2003 die Staatskanzlei in Hannover. Am Tag seiner ersten Regierungserklärung fing das TV für Sekunden Wulffs persönliche Einsamkeit ein. Auf der Tribüne starrte seine Frau Christiane teilnahmslos ins Plenum. Wulffs Tochter hatte sich ausgestreckt und sah aus, als schlafe sie. Der introvertierte Politiker hatte in seiner größten Stunde im Familienkreis keine Fans.

Als Ministerpräsident von Niedersachsen wurde Wulff Miteigentümer von VW. Der Gigant von Wolfsburg ist der einzige deutsche Ort, an dem entschlossen zwar nicht die Weltherrschaft, aber in einem sehr umfassenden Sinn die Weltspitze angestrebt wird. Die Wirkung solcher Dynamik, die Wirkung ungebrochener, expansiver Macht auf einen ambitionierten Politiker ist beträchtlich. Maßstäbe verschoben sich. Upgrades und Einladungen, Glanz und Gloria sowie die Trennung zwischen Wesentlichem und Nachrangigem bekamen womöglich eine neue Dimension.

Im Kanzleramt liefen Hinweise ein, Wulff äußere sich sehr selbstbewusst über die Bundeskanzlerin. In der Presse gingen Hinweise ein, er verändere sein Privatleben. Mit der Publikmachung seiner Trennung und der neuen Bindung zu Bettina Körner 2006 wurde der neue Christian Wulff zum Medienthema. Politisch hatte er damals Niedersachsen geräuschlos in den Griff bekommen, nicht zuletzt durch eine interne Politik eiserner Härte. Wulff hat begeisterte Anhänger, aber auch viele Enttäuschte und Verbitterte an seinem Weg zurückgelassen.

Aus heiterem Himmel Ende Juni 2010 Staatsoberhaupt geworden, hatte er mit Angela Merkel einen Modus Vivendi akzeptiert. Obama, Sarkozy, Medwedjew und Hu gehörten in Merkels Beritt. Wulff setzte derweil beharrlich auf die Prägewirkung seiner christlichen Liberalität. Seine Präsidentschaft war auf lange Sicht angelegt; er würde mit Angela Merkel schon noch auf Augenhöhe kommen.

Entglittene Kontrolle

Die Hauskreditaffäre machte all dem am 13. Dezember ein Ende. Wulff hat einmal gesagt, er opfere alles der Politik außer sein Privatleben. Die harsche Reaktion auf den ersten "Bild"-Artikel ließ erkennen, wie er das meinte. Was privat war, suchte Wulff selber zu bestimmen - er, der seit 1979 recht erfolgreich selbst bestimmt hat, was die Öffentlichkeit von ihm wissen sollte. Der Versuch scheiterte am 16. Dezember mit Zitaten seines "väterlichen Freundes" Egon Geerkens im "Spiegel".

Drei Tage später musste der Bundespräsident anwaltlich zugeben, dass seine Version in einem weiteren Punkt nicht zutreffend gewesen war. Wulff entglitt die Kontrolle, und die Reflexe eines Mannes, der sich früh im Stich gelassen gefühlt hat, wurden übermächtig. Der Jurist verschanzte sich hinter Formeln und ziselierten Wortgebilden, er wurde noch schweigsamer, noch misstrauischer, und er war noch mehr gewillt denn je, sein Land nicht im Stich zu lassen.

Die Tragik wurde täglich greifbarer. Hätte Wulff sofort, noch am 13. Dezember, zugegeben, dass er einen Privatkredit aus dem Hause Geerkens anlässlich einer Fragestunde im Niedersächsischen Landtag im Winter 2010 nicht erwähnt hatte, weil er ihn nicht für eine "Geschäftsbeziehung" gehalten hatte - die meisten Medien hätten sich kurz vor Weihnachten vom Thema abgewandt. Erst Wulffs Beharren auf seiner eigenen, wenig plausiblen Version brachte Journalisten und dann Staatsanwälte dazu, argwöhnisch zu werden.

Wulff hat die Neonazi-Morde mit Entsetzen zur Kenntnis genommen. Der Staatsakt am kommenden Donnerstag sollte der zweite große Moment seiner Amtszeit werden. Stattdessen ist er nun, äußerlich binnen weniger Wochen um Jahre gealtert, aus dem Amt geschieden.