Rücktritt des Bundespräsidenten

Letzter Auftritt in Schloss Bellevue

Alle Blicke im Großen Saal des Schlosses Bellevue richten sich auf eine geschlossene Tür. Kurz vor elf Uhr kehrt Ruhe ein. Die meisten im Raum wissen ziemlich genau, was in den nächsten Momenten passieren wird.

Eine Minute nach elf Uhr werden beide Flügel der Tür geöffnet. Der Hausintendant des Bundespräsidenten eilt durch die Tür an das Rednerpult und legt eine schmale schwarze Mappe nieder. Es ist derselbe Mitarbeiter des Präsidialamts, der vor eineinhalb Jahren schon einmal Unterlagen auf diesem Pult drapierte. Das war am 31. Mai 2010. Bundespräsident Horst Köhler griff damals zu dieser Mappe, und als er sie zurücklegte, war er nicht mehr Bundespräsident. Köhler war zurückgetreten "mit sofortiger Wirkung".

Kaum liegt an diesem Freitag die Mappe auf dem Pult mit dem Präsidentenadler, da betreten Christian und Bettina Wulff den Raum. Sie gehen jeder für sich. Horst und Eva-Luise Köhler waren Hand in Hand erschienen. Christian Wulff bewegt sich rasch, weniger gravitätisch als gewöhnlich, er schaut ernst. Bettina Wulff lächelt, ihre Augen wirken traurig.

"Liebe Bürgerinnen und Bürger", setzt Wulff an, "gerne habe ich die Wahl zum Bundespräsidenten angenommen und mich mit ganzer Kraft dem Amt gewidmet." Wulff stützt beide Hände auf das Pult, ganz so, als wolle er sich noch ein letztes Mal klammern an das Amt, das ihm so viel bedeutet.

Über den "Zusammenhalt unserer Gesellschaft" spricht Wulff, den er oft beschworen hat. "Alle sollen sich zugehörig fühlen", wiederholt er eine oft verwendete Formel. Ein trotziger Unterton schwingt da mit. Er reißt sein Lieblingsthema Integration an, ganz so, als wolle er zeigen, dass er an seinen Überzeugungen festhält, selbst wenn alles andere im Fluss ist. Vielleicht sollen diese spärlichen Worte das Vermächtnis eines Bundespräsidenten sein, der wohl als Fußnote eingehen wird in die Geschichte, als ein Art Ausrutscher nach Theodor Heuss, Gustav Heinemann, Richard von Weizsäcker - und, ja selbst Horst Köhler; der stand immerhin sechs Jahre an der Spitze des Staates.

Kampf gegen den Verlust

Zwei Monate lang kämpfte Christian Wulff gegen den Verlust seines Amtes. Er ist schlanker und grauer geworden in dieser Zeit, das Gesicht ein wenig fahl. Es muss unmenschlich anstrengend gewesen sein, psychisch vielleicht nur zu ertragen mit einer gewissen Form der Abschottung. Wulff verwies stets darauf, er sei erst im dritten Anlauf Ministerpräsident geworden - und erst im dritten Wahlgang Bundespräsident. Ich bin hart im Nehmen, ich stehe immer wieder auf, lautete die Botschaft. Ziemlich genau in der Mitte seines dreieinhalbminütigen Auftritts spricht Wulff jene Worte, die alle erwarten und derentwegen er am Morgen, um 8.48 Uhr, zu seiner "Erklärung" einlud. "Ich trete deshalb heute vom Amt des Bundespräsidenten zurück, um den Weg zügig für die Nachfolge frei zu machen" - mit diesen Worten verlässt ein zweiter Präsident binnen zweier Jahre das Schloss Bellevue. Doch es handelt sich bei beiden Fällen um denkbar unterschiedliche Umstände. Köhler floh von einem auf den anderen Tag, weil er überempfindlich war. Wulff indes war unempfindlich. Er wird nach einer zwei Monate währenden, zähen, Amt und Person belastenden Affäre mit immer neuen Enthüllungen und Details von Parteifreunden vertrieben.

Es ist nicht etwa der Rücktrittssatz, es ist ein anderer Satz, der den dicht gedrängten Reporterpulk hörbar aufatmen lässt. Einige nicken, als Wulff erwähnt, Angela Merkel werde die Rede halten bei dem Gedenken an die Opfer der Nazi-Mordserie. Merkel, jene Frau also, die ihn zum Präsidenten gemacht hat, über die er auch danach noch gern spottete, vertritt ihn nun. Merkel betreut Wulff gewissermaßen rundherum. Eine halbe Stunde später wird die Kanzlerin nur die besten Worte über Wulff finden. Doch schon bald wird es vermutlich heißen, die kühle Technikerin habe mit Wulff einen weiteren westdeutschen, katholischen CDU-Mann um die Ecke gebracht.

Während ihr Mann spricht, richtet Bettina Wulff ihren Blick in die Schar der Journalisten. Sie fixiert einzelne Reporter gefühlt eine Ewigkeit lang. Bettina Wulff, die junge, fröhliche und ziemlich unprätentiöse Frau, war die jüngste First Lady. Nun ist sie mit gerade einmal 38 Jahren eine ehemalige First Lady, und ihr 52-jähriger Mann ein Altbundespräsident.

Wulff war einst ein Medienliebling, der es verstand, sich inszenieren zu lassen, der gewiss auch mit der "Bild"-Zeitung für seine Zwecke kooperierte. Er hat die Nähe zu Journalisten gesucht, sie mit seiner freundlichen Art und doch manchmal bissigen Sottisen umgarnt. "Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt", sagt Wulff. Es ist ein offener Satz, der einen Schuldigen benennen soll. Die Überbringer schlechter Botschaften sollen zu den Verursachern der schlechten Botschaften gemacht werden. Es ist ein durchsichtiger Versuch, doch Wulff dürfte im Volk auf Zustimmung stoßen im Wettern gegen "die Presse". Horst Köhler hatte zuweilen "die Politik" verurteilt, auch das bediente Klischees und kam gut an.

Abermals trotzig klingt es, wenn der eben zurückgetretene Bundespräsident sich überzeugt gibt, dass die Ermittlungen "zu einer vollständigen Entlastung führen". Jene Ermittlungen führen Wulff also mittelbar dazu, sein Amt niederzulegen - und das, obwohl er mit einer Entlastung rechnet. Dieser logische Widerspruch legt nahe, wie groß der Druck war, den andere auf ihn ausübten. "Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten", sagt Wulff: "Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig." Ähnlich hatte er sich am 22. Dezember vergangenen Jahres geäußert. Die Szene wirkt, als liege sie eine halbe Ewigkeit zurück. Wird in vielen Jahren einmal über Bundespräsident Wulff gesprochen, so fällt vielleicht sein Satz "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland". Vor allem aber bleibt wohl haften ein unwürdiges Ende dieser Präsidentschaft.

Knapp eine Stunde nach Wulffs Rücktrittsrede beziehen die ersten Fotografen vor der Präsidentenvilla in Dahlem Stellung. Hektisches Klicken ertönt aus den Kameras, die das weiße Haus mit den drei ovalen Fenstern in der Mitte erfassen, den Rasen davor und die Auffahrt, an deren Rand ein gelber Plastikeimer mit einem roten Schäufelchen liegt. Vier Polizisten laufen am Eisenzaun auf und ab.

Nein, er werde seinen berühmten Nachbarn nicht vermissen, sagt Raffael Radebusch, der gerade mit seinem Dackel Gassi geht. "Der Rücktritt war überfällig", sagt der 54-Jährige, der ein paar Häuser weiter wohnt. Gegenüber kommt eine ältere Dame aus dem Garten gelaufen. "Vor zehn Wochen habe ich noch gesagt, der hält das keine drei Monate mehr durch", erzählt die Nachbarin, die ihren Namen nicht nennen will. "Ob er nun juristisch schuldig ist oder nicht, es ist gut, dass er sich endlich aus der Schusslinie begibt." Sie selbst hat Wulff nie persönlich gesehen. "Die Autos rasen hier in einem Affenzahn rein und wieder raus. Den hat man nie mitgekriegt."

Wie auch an diesem Tag. Um punkt 13.16 Uhr jagen zwei schwarze Wagen mit Blaulicht die Straße herauf. Ein Polizist öffnet hastig das eiserne Tor, die Autos preschen die Auffahrt direkt bis vor die Haustür hinauf. Wulff steigt aus, er ist allein. Mit gesenktem Kopf eilt er schnellen Schrittes zur Tür. Nach kaum 15 Sekunden ist es wieder ruhig.

Die vier Schaulustigen, die sich an der gegenüberliegenden Straßenseite aufgestellt haben, sind enttäuscht. "Das ging alles viel zu schnell", sagt Kerstin Müller, die versucht hat, den Präsidenten mit ihrer Handykamera zu erwischen. "Immerhin habe ich ihn jetzt mal live gesehen. Er ist viel kleiner als im Fernsehen", findet Manuela Meyer. Sie und ihr Freund Max wollen noch warten, bis Wulff wieder herauskommt. Am Morgen haben sie seine Rücktrittsrede im Radio gehört. Da sie nicht weit weg wohnen, sind sie gleich hergekommen. Auch die beiden finden es gut, "dass er jetzt endlich geht". "Er hat sich zu viele Fehler geleistet", sagt Manuela Meyer. "Hätte er die wenigstens gleich zugegeben. Aber diese Salamitaktik, die war einfach katastrophal." Ungeduldig blicken die beiden zur Villa herüber. Hinter den Fenstern rührt sich nichts. "Wie lange braucht der denn, um seine Zahnbürste zu packen?" sagt Max Meyer.

Eine Stunde später, um 14.16 Uhr, springen die Motoren der beiden Wagen wieder an. Einen kurzen Augenblick erscheint Wulffs Profil hinter den getönten Scheiben, dann ist die Eskorte schon wieder weg. Ein paar Meter weiter die Straße runter läuft ein Mann mit Umzugskartons unterm Arm die Straße entlang. "Es wird nicht lange dauern, bis hier jemand Neues einzieht", ist Radebusch überzeugt. Wen er sich zum neuen Nachbarn wünscht, weiß er schon. "Norbert Lammert", sagt er bestimmt. "Der steht über allen Parteien." Aber Merkel müsse jetzt schnell handeln, sagt er. "Sonst entsteht Chaos."

Chaos hat der Rücktritt des Präsidenten auch den Karnevalisten in Köln, Düsseldorf und Mainz bereitet. Dort laufen die Vorbereitungen für die Rosenmontagszüge auf Hochtouren, in Mainz sind es nur noch wenige Stunden bis zum Fernseh-Klassiker "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht".

Schon seit mehreren Monaten laufen die Planungen für den Höhepunkt der fünften Jahreszeit. Wulff spielt in diesem Jahr eine Hauptrolle in den Kommentaren der rheinischen Narren. Nun macht der Präsident den Karnevalisten einen Strich durch das Drehbuch.

Am Abend traf Familie Wulff dann in Großburgwedel im Nordosten Hannovers ein, in jenem Haus, mit dem die Affäre um den Bundespräsidenten ihren Anfang genommen hat. Die Presse wartete schon auf die Familie. Sie fuhr im privaten Skoda vor, am Steuer Bettina Wulff.