Bundespräsident

Horst Seehofer übernimmt jetzt die Amtsgeschäfte

Mit dem Rücktritt von Christian Wulff ist der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) für die kommenden - 30 Tage bis zum Zusammentreten der Bundesversammlung Staatsoberhaupt.

Dazu braucht es keine Wahl, keine Ernennung; das Grundgesetz sieht vor, dass der amtierende Bundesratspräsident die Amtsgeschäfte übernimmt. Das ist Horst Seehofer.

Das Prozedere ist noch geläufig. Als Horst Köhler sein Amt aufgab, vertrat ihn der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD), der damals Bundesratspräsident war. Er tat dies mit Anstand, mit Würde und ohne sich aufzuplustern. Die rundweg wohlwollende Bewertung seiner kurzen Amtszeit resultierte bei Böhrnsen aber auch aus zwei entscheidenden Vorteilen, die Seehofer nicht hat: Zum einen war Böhrnsen außerhalb Bremens ein Unbekannter; kein Ruf eilte ihm voraus. Welcher Partei der Mann angehört, wenige hätten es spontan gewusst. Zum anderen hatte mit Köhlers Rücktritt niemand gerechnet, die Spekulationen über seine Motive und die Suche nach einem Nachfolger überlagerten alles.

Horst Seehofer ist ein ganz anderes Kaliber als Böhrnsen. Er ist der bekannteste und umstrittenste unter den Ministerpräsidenten. Er ist zudem Chef einer Partei, er polarisiert wie wenige. Seehofer ist nicht "einer" wie Böhrnsen, Seehofer ist "viele". Für welche Rolle wird er sich in den nächsten Wochen jeweils entscheiden? Und in welcher wird man ihn wahrnehmen? "Der Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten beinhaltet, die Amtsführung auf das kommissarisch notwendige Maß zu beschränken." So umriss ein Mitglied der Parteiführung Seehofers Auffassung. Soll heißen: Er wird die große Bühne nicht nutzen, um politisches Kapital herauszuschlagen.

Doch trotzdem könnte das alles ein Eiertanz werden. So stellte sich am Freitag schnell die Frage, ob Seehofer den Politischen Aschermittwoch in der kommenden Woche wird bestreiten können. Und vor allem: wie. In Passau wird traditionell bei Bier und Fischsemmeln einen Vormittag lang gepoltert, größte Distanz zu Berlin hergestellt und der politische Gegner verhöhnt. Schon jetzt ist klar: Seehofer wird seine Worte vorsichtiger wägen müssen als im vergangenen Jahr. Im Internetportal Facebook zollte er Christian Wulff für seine Entscheidung "ungeteilten Respekt".