Interview mit Christian von Stetten

"Ungeheuerlicher Ausfall des Staatspräsidenten"

Die griechische Kritik an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sorgt für Empörung in den Reihen der Union. Der griechische Präsident Karolos Papoulias hatte am Mittwoch gesagt, er könne nicht hinnehmen, dass Schäuble sein Land verhöhne.

Schäuble hatte die Griechen zu stärkeren Sparanstrengungen aufgefordert und gesagt, Griechenland dürfe kein Fass ohne Boden werden. Robin Alexander sprach darüber mit dem CDU-Politiker Christian von Stetten.

Berliner Morgenpost: Herr von Stetten, der griechische Präsident Karolos Papoulias behauptet, der deutsche Finanzminister verhöhne sein Land.

Christian von Stetten: Das ist doch unglaublich! Der höchste Repräsentant des griechischen Staates beleidigt ausgerechnet den Mann, der doch der größte Fürsprecher der Griechen in Deutschland ist. Denn genau diese Rolle hat Finanzminister Wolfgang Schäuble. Wieder und wieder hat er in- und außerhalb des Parlamentes für die Unterstützung der Griechen geworben.

Berliner Morgenpost: Bisher hat der Bundestag die immer neuen Griechenland-Hilfen mit deutlichen Mehrheiten beschlossen.

Christian von Stetten: Ja, und es war ausgerechnet Wolfgang Schäuble, der viele skeptische Abgeordnete überzeugt hat, Griechenland weiter zu helfen. Deshalb ist der Angriff auf ihn ja auch so widersinnig: Die Griechen beschimpfen einen Mann, der unendlich viel für sie getan hat. Das kommt bei den deutschen Abgeordneten gar nicht gut an und wird sicher Auswirkungen auf die Abstimmung am 27. Februar haben. Zahlreiche Abgeordnete, die bisher zustimmen wollten, werden nun in sich gehen und neu darüber nachdenken, ob sie den EFSF-Rettungsschirm, der bisher nur Portugal und Irland schützt, tatsächlich auf Griechenland ausdehnen wollen. Es geht ja darum, ob das Land es schafft, Schuldentragfähigkeit zu erreichen. Bis heute ist das objektiv nicht gegeben.

Berliner Morgenpost: Dem Präsidenten scheint das nicht bewusst zu sein. Er hat provokant gefragt: Wer ist Wolfgang Schäuble?

Christian von Stetten: Das ist eine Unverschämtheit. Der griechische Staatspräsident müsste wissen: Ohne Wolfgang Schäuble wäre Griechenland heute schon zahlungsunfähig. Schäuble ist mit seinem persönlichen Engagement für Griechenland an die Grenzen der physischen und psychischen Belastung gegangen, die sich ein Mensch überhaupt zumuten kann. Das wissen alle Abgeordneten, und deshalb haben sie einen Riesenrespekt vor Schäuble. Auch die Abgeordneten übrigens, die wie ich weiteren Hilfen für Griechenland sehr kritisch gegenüberstehen. Dass dieser Respekt ausgerechnet beim griechischen Staatspräsidenten fehlt ist unglaublich. Der ungeheuerliche Ausfall von Herrn Papoulias ist nur dadurch zu erklären, dass die Nerven in Athen völlig blank liegen.

Berliner Morgenpost: In der Tat. Die Griechen fühlen sich ihrerseits beleidigt - von den Deutschen und von Schäuble.

Christian von Stetten: Schäuble hat niemanden beleidigt, sondern nur auf einen einfachen Sachverhalt hingewiesen: Es gibt festgelegte Bedingungen, die erfüllt sein müssen, bevor Griechenland neues Geld bekommt. Diesen Bedingungen hat die griechische Regierung zugestimmt. Aber sie sind nie erfüllt worden. Das hat Wolfgang Schäuble ausgesprochen, und das erwartet der Deutsche Bundestag auch vom deutschen Finanzminister. Wenn das Feststellen von Realitäten in Griechenland als Beleidigung empfunden wird, müssen wir uns große Sorgen machen.

Berliner Morgenpost: Griechenland scheint eine Welle des Deutschenhasses zu erleben.

Christian von Stetten: Wir wissen um die schwierige Lage in Griechenland. Aber die Griechen müssen auch wissen: Es gibt eine Grenze dessen, was die deutsche Bevölkerung bereit ist, sich anzusehen und anzuhören. An Nazi-Vergleiche in Zeitungen und brennende Deutschland-Fahnen auf Demonstrationen haben wir uns gewöhnt. Beleidigungen von höchsten Regierungsstellen können wir aber nicht hinnehmen.

Berliner Morgenpost: Fordern Sie eine Entschuldigung?

Christian von Stetten: Eine Klarstellung wäre schon sehr hilfreich.