Kalter Krieg

Showdown auf der Agentenbrücke

Selbst bei Frost kann es tauen. Minus drei Grad Celsius zeigt das Thermometer, als James B. Donovan morgens um 8.20 Uhr die Glienicker Brücke zwischen West-Berlin und Potsdam betritt. Es ist ein Sonnabend, der 10. Februar 1962, und der Anwalt aus New York weiß: Jetzt kommt es darauf an.

Wird alles glattgehen? Werden sich seine Gesprächspartner als zuverlässig erweisen? Dann könnte politisches Tauwetter ausbrechen, der Kalte Krieg etwas weniger kalt werden.

Der dick eingehüllte Donovan geht auf die Mitte der Brücke zu, mit ihm zwei Männer. Der eine ist Diplomat, der andere Spion. Laut Pass heißt er Joseph Murphy, ist offiziell angestellt bei der Flugzeugfabrik Lockheed, wird aber in Wirklichkeit von der CIA bezahlt. Denn er fliegt Spionageflugzeuge vom Typ U-2. Genau wie Gary Francis Powers, um den es an diesem Morgen geht. Murphy begleitet Donovan, um Powers zu identifizieren. Wer weiß denn schon, ob die Sowjets auch wirklich den echten Powers freigeben.

Der Einsatz ist also hoch an diesem Morgen. Powers war am 1. Mai 1960 während eines völkerrechtswidrigen Aufklärungsflugs über der Sowjetunion abgeschossen worden. Die Sowjets hatten eine Luftabwehrrakete konstruiert, die in 18 000 Meter Höhe vordringen konnte. Ihr Sprengkopf riss Powers' Flugzeug eine Tragfläche ab - doch der Pilot drückte nicht den Selbstzerstörungsknopf. Er griff zum Fallschirm. Auch die tödliche Giftspritze, die er in einem ausgehöhlten Silberdollar bei sich trug, benutzte er nicht, sondern ließ sich festnehmen. Für den KP-Chef Nikita Chruschtschow war es eine Steilvorlage: Vor dem Obersten Sowjet gab er am 7. Mai 1960 bekannt, dass der vermisste US-Pilot am Leben und in sowjetischer Hand sei. Powers erhielt in einem Schauprozess zehn Jahre Haft für Spionage. Es war ein Triumph für die Sowjetunion und ein Tiefschlag für die USA.

20 Minuten Kräftemessen

Diese Geschichte haben die drei Amerikaner im Kopf, als sie in der Mitte der Brücke auf zwei Russen treffen: auf Iwan Schischkin, angeblich Zweiter Sekretär der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin, der in Wirklichkeit die gesamte östliche Spionage in Westeuropa befehligt, und auf einen auffällig unauffälligen Zivilisten, der mit einem nichtssagenden Namen vorgestellt wird. Die Amerikaner sind sich sicher, dass es sich ebenfalls um einen KGB-Mann handelt. Freundlich schütteln die fünf Männer einander die Hände, dann geben Donovan auf der einen und Schischkin auf der anderen Seite ein Zeichen.

Beiderseits der Brücke setzen sich zwei weitere Trios in Bewegung: Auf West-Berliner Seite sind es ein ältlicher Mann mit Halbglatze in Mantel und Hut, neben ihm ein hünenhafter Wächter und der stellvertretende Direktor der US-Gefängnisbehörde. Rudolf Abel ist 58 Jahre alt und seit Jahrzehnten im Dienst verschiedener sowjetischer Geheimdienste. Ein Top-Spion. Seit Ende 1948 hatte Abel, der unter dem Namen William Genrikowitsch Fischer geboren worden war, in den USA gelebt - als "Andrew Kayotis". Ab 1950 wohnte Abel alias "Emil R. Goldfus" in Brooklyn und leitete ein Agentennetz in den USA mit geheimen Funkstationen, konspirativen Wohnungen, toten Briefkästen und sogar in Mexiko ausgebildeten Kämpfern. Obwohl das FBI seit 1953 auf seiner Spur war, flog Abel nur durch Zufall auf: Sein Assistent, ein Trinker, fürchtete sich vor Disziplinarmaßnahmen des KGB - und offenbarte sich dem FBI. 1957 wurde Rudolf Abel festgenommen, diesmal als "Martin Collins", und zu 30 Jahren Haft verurteilt.

Auf Potsdamer Seite geht gleichzeitig ein Mann mit Fellmütze los, neben sich zwei "ehemalige Catcher", wie Donovan denkt. In diesem Moment hält es Murphy nicht mehr aus. Er marschiert los Richtung Potsdam. Als er die drei Männer erreicht, stellt er dem jungen Mann mit der Fellmütze eine ebenso simple wie essenzielle Frage: "Wie hieß dein Football-Trainer an der High School?" Doch der Befragte stockt, er überlegt, krampfhaft. Gary Powers hatte Murphy bei dem endlosen Warten auf den Start zu einer der U-2-Missionen mehrfach von diesem Trainer berichtet. Jetzt zweifelt Murphy. Sein Gegenüber sieht seinem Kameraden ähnlich - aber 21 Monate in sowjetischer Haft graben sich in jedes Gesicht ein. Weitere Minuten vergehen, bis dem Mann unter Murphys prüfendem Blick die rettende Idee kommt: Er erzählt von dem Hund, den er als Kind hatte. Eine Promenadenmischung aus Chow-Chow und Collie. Über diesen hatten Gary Powers und Murphy auf dem Stützpunkt in Peschawar gesprochen. Murphy erinnert sich, es genügt ihm als Identifikation. Der Mann mit der Fellmütze ist eindeutig Gary Powers.

Schischkin drängt Donovan nun, den Austausch zu vollziehen. Doch der Anwalt lehnt ab. Es gibt eine zweite Hürde. Denn Donovan hat mit dem DDR-Juristen Wolfgang Vogel nicht nur den Austausch von Abel gegen Powers ausgemacht. Zeitgleich soll die DDR einen inhaftierten US-Doktoranden freigeben. Weil aber die Stasi darauf besteht, den 31-Jährigen selbst zu übergeben, am Alliiertengrenzübergang Friedrichstraße, wird es kompliziert: Wolfgang Vogel und sein MfS-Führungsoffizier warten in Mitte auf ein Signal von der Glienicker Brücke, dass Powers gegen Abel ausgetauscht worden ist - und Donovan wartet darauf, dass der Doktorand auf westlicher Seite angekommen ist. Fast 20 Minuten tut sich nichts.

Schließlich gibt ein Stasi-Mann Vogel die Erlaubnis für die kurze Fahrt über die weiße Linie, die den Eisernen Vorhang symbolisiert. Nun geht es sehr schnell. Per Telefon erfährt der diensthabende Offizier der Militärpolizei an der Glienicker Brücke, dass am Checkpoint Charlie alles glatt gelaufen ist. Abel und Powers gehen die letzten Meter. Der KGB-Spion stoppt in der Brückenmitte kurz, gibt Donovan die Hand - und bittet um die Akte mit seiner formellen Begnadigung. Dann läuft er erhobenen Hauptes an Powers vorbei, der heranschlurft.

Um 8.52 Uhr ist der erste Agentenaustausch vorüber. Kein Journalist hat etwas mitbekommen, keine Kamera den entscheidenden Moment festgehalten. Donovan und Powers fahren nach Tempelhof, wo ein Flugzeug wartet. In Washington wird der heimgekehrte Pilot intensiv befragt. In einem geheimen Bericht steht später, "Powers hat sich entsprechend den Dienstvorschriften verhalten."

Keine Pflicht zum Selbstmord

Tatsächlich steht im Vertrag der U-2-Piloten nirgends, dass sie sich eher umbringen sollen als ihre Geheimnisse zu verraten. Bei der CIA ist man davon ausgegangen, dass jeder abgeschossene Luftspion selbst zu dieser Einsicht gelangen werde. Doch Powers nahm die Dienstvorschriften wörtlich. Lockheed, sein offizieller Arbeitgeber, setzt ihn als Testpilot ein, ab 1976 fliegt er für einen TV-Sender in Los Angeles Hubschrauber. Im Jahr darauf stirbt Powers dann - bei einem Absturz.

Auch Rudolf Abel ist bald nach dem Austausch unterwegs in seine Heimat Russland. Anders als Powers wird er offiziell geehrt, lebt für sowjetische Verhältnisse luxuriös und wird zum Oberst befördert. Er stirbt 1971 an Lungenkrebs.

Das Tauwetter, das dem ersten Agentenaustausch von Ost und West folgt, ist allerdings nicht von langer Dauer. In der Kubakrise im Oktober 1962 steht die Welt näher denn je am atomaren Abgrund. Die Aktionen zwischen den Geheimdiensten gehen dennoch weiter, allerdings selten auf der Glienicker Brücke. Dort werden nur noch zwei Mal, 1985 und 1986, Agenten ausgetauscht. Trotzdem hält ihr Ruf als "Agentenbrücke" bis heute. Was interessiert bei Spionagegeschichten schon die Wirklichkeit?