Syrien

Die entzauberte Hoffnungsträgerin

Die Frau auf dem Bild in der "Vogue" wirkt zerbrechlich, doch entschlossen. Sie steht auf einem Berg am Rande von Damaskus, in ein karmesinrotes Kaschmirtuch gewickelt. "Eine Rose in der Wüste", so betitelte die amerikanische Ausgabe des Modemagazins das Porträt der Frau von Präsident Baschar al-Assad.

"Asma al-Assad ist eine seltene Mischung", heißt es, "eine schlanke, langgliedrige Schönheit mit einem geschulten analytischen Geist, die sich mit schlauem Understatement kleidet."

Doch das Hochglanzbild zeigt nur einen Ausschnitt, ein Trugbild, wie so viele Bilder Syriens. Kurz nachdem der Beitrag über die "frischeste und magnetischste aller First Ladies" im März 2011 erschien, brachen die Proteste gegen das autoritäre Regime in Damaskus aus. Und während die "Vogue"-Leser über ihre stilvolle Garderobe informiert wurden, eröffnete die Armee das Feuer auf friedliche Demonstranten. Inzwischen hat der Konflikt mehr als 7000 Todesopfer gefordert. Seit Freitag führt die Armee einen gnadenlosen Feldzug gegen die Protesthochburg Homs.

Es sind Berichte, die so gar nicht zu dem Bild zu passen scheinen, dass sich die Öffentlichkeit von der eleganten First Lady gemacht hatte. Die 36-Jährige galt lange als das Gesicht eines modernen, liberalen Syrien, das seine verkrusteten Strukturen aufbricht und sich der Welt öffnet. Asma al-Assad wurde in Acton im Westen von London geboren, als Tochter einer Diplomatin und eines renommierten Kardiologen. Während ihrer Schulzeit an der privaten Eliteschule Queen's College ließ sie sich von ihren Mitschülern "Emma" rufen. Nach ihrem Studium in Informatik und französischer Literatur begann sie eine Karriere als Investmentbankerin, zunächst bei der Deutschen Bank, dann bei JP Morgan. Es gibt widersprüchliche Angaben darüber, wie sie Baschar al-Assad traf. Sie lernten sich während eines Familienurlaubs in Syrien kennen, sagen die einen. Andere Quellen behaupten, die Ehe der beiden sei auf traditionelle Art von ihren Familien arrangiert worden.

Genauso schlimm wie ihr Mann

Nach ihrer Hochzeit im Jahr 2000 traf Asma al-Assad in Syrien ein. Ihr Mann hatte gerade die Präsidentschaft von seinem Vater Hafis übernommen. Anders als ihre Vorgängerinnen nahm die erst 25-jährige First Lady eine sehr öffentliche und aktive Position ein. Wegen ihrer vielen Hilfsprojekte wurde sie als "Syriens Lady Diana" verehrt.

Dieses Bild ist seit dem Beginn des Aufstandes jedoch gekippt, denn Asma al-Assad schweigt zu den Gräueltaten, für die ihr Mann verantwortlich ist: Daher wird sie nun nicht mehr mit der britischen "Königin der Herzen" verglichen, sondern mit einer modernen Marie Antoinette, die im Luxus lebt, während ihr Land im Chaos versinkt. "Ich habe ihr auf Facebook einmal eine Nachricht geschrieben, um ihr für alles zu danken, was sie für die Bevölkerung tut", sagt Omar al-Thani, ein demokratischer Aktivist in Damaskus. "Doch jetzt denke ich, dass sie genauso schlimm wie Baschar al-Assad ist."

Nicht nur ihr kosmopolitischer Glamour steht im Widerspruch zur mörderischen Gewalt, mit der ihr Ehemann gegen die Protestbewegung vorgeht. Hinzu kommt, dass Asma al-Assad selbst aus einer sunnitischen Familie aus Homs stammt. Der Assad-Clan hingegen gehört der alawitischen Minderheit an. Wie die Frau all diese Brüche bewältigt, kann niemand wissen: Baschar al-Assad hat den inneren Kreis der Macht auf seine unmittelbaren Angehörigen beschränkt.

Der Autor Patrick Seale zählt zu den wenigen, die Einblicke in dieses System gewinnen konnten. Als Verfasser einer Biografie über Präsident Hafis al-Assad ist er dem Clan so nahe gekommen wie kaum ein anderer westlicher Beobachter. "Ich bin sicher, dass sie entsetzt ist. Das Ganze ist ein fürchterlicher Schock für sie. Doch ihr steht kein leichter Ausweg offen", meint der britische Experte. "Sie hat das Gefühl, sie müsse loyal zu ihrem Mann stehen." Nach Seales Informationen ist ihr Vater vor einigen Monaten nach Damaskus gereist, um nach ihr zu sehen. Asma habe sich jedoch geweigert, Syrien mit ihm zu verlassen. Die ägyptische Zeitung "al-Masry al-Youm" schrieb vergangene Woche, sie habe versucht, mit den drei Kindern zu flüchten. Eine Brigade desertierter Soldaten habe ihren Wagen aber auf dem Weg zum Flughafen aufgehalten und zum Umkehren gezwungen.

Der Bericht lässt sich nicht prüfen. Es ist nicht das erste Mal, dass solche Gerüchte aufkommen. Im Mai schrieben Zeitungen, Asma habe sich nach London abgesetzt. Die Behauptung erwies sich als falsch: Asma hat sich seither mehrfach an der Seite ihres Mannes gezeigt. Zuletzt begleitete sie ihn, mit den Kindern, Anfang Januar zu einer Demonstration seiner Anhänger in Damaskus. "Baschars Frau und Kinder jubeln für Daddy, den Diktator", spotteten Regimegegner auf Twitter.

"Vogue" hat das Porträt längst von ihrer Website gelöscht. Doch trotz der peinlichen Schwärmereien sagt der Beitrag viel über die Rolle aus, die Asma al-Assad in dem Regime spielt. Denn die "Vogue"-Journalistin war nicht die Einzige, die dem Charme dieser klugen, schönen Frau erlegen ist. Die französische Zeitschrift "Paris Match" nannte sie einmal ein "Element des Lichts in einem Land voller Schattenzonen". Sogar die "New York Times" geriet 2005 über das "große, schlanke, junge" Paar in Verzückung: "Sie wirken wie die Essenz einer säkularen westlich-arabischen Fusion, der elegante Doktor, der Präsident, und seine bezaubernde, in Großbritannien geborene Frau."

Das syrische Regime, das genau in dieser Zeit und wegen seiner Verbindungen zu militanten Islamisten in die Isolation geriet, konnte die Imagepolitur gut gebrauchen. "Alle diese Artikel sind von ihrem Büro organisiert worden, und es ist kein Zufall, dass es darin immer um ihre Schuhe ging", sagt Andrew Tabler vom Washington Institute, der früher als Medienberater für eine von Asma al-Assads Wohltätigkeitsorganisationen tätig war. Laut der Zeitung "The Hill" hat die syrische Regierung einer US-Lobby-Firma 5000 Dollar im Monat gezahlt, damit das "Vogue"-Porträt zustande kommt.

Sie hat sich verändert

Zudem kann es ihr nicht entgangen sein, dass sie die First Lady in einem Polizeistaat ist, wo Dissidenten schon vor dem Ausbruch der Revolte in den Gefängnissen verschwanden. Tabler beschreibt die Präsidentengattin als eine sehr selbstbewusste Frau, deren Persönlichkeit sich im Laufe der Zeit jedoch deutlich veränderte: "Ich habe definitiv gemerkt, dass sie dem Glamour mehr und mehr verfallen ist." Dass sie sich nicht von der brutalen Niederschlagung der Proteste distanziert hat, wundert ihn daher nicht: "Sie interessiert sich mehr dafür, Prinzessin zu sein."

Damit erscheint plötzlich auch ihr soziales Engagement in einem neuen Licht. Nicht nur, dass all die Louboutin-Schuhe und Chanel-Kostüme unpassend wirken in einem Land, wo weite Teile der Bevölkerung in bitterer Armut leben. Es kommt auch ein schwerer Verdacht auf, denn Asma al-Assad setzte sich nicht nur für Waisenkinder, Frauen und die Landbevölkerung ein, sondern auch für eine Stärkung der Zivilgesellschaft. Tabler ist sich sicher: "Ihre Organisationen wurden benutzt, um die Zivilgesellschaft zu kontrollieren, nicht um sie zu fördern."