Interview

"Syriens Opposition ist vielstimmig"

Die Lage ist dramatisch, aber es gibt nur wenige gesicherte Informationen über die tatsächliche Stimmung im Land. Carolin Brühl sprach mit Heiko Wimmen von der Stiftung Wissenschaft und Politik über die Regimegegner und ihre Rolle nach einem Sturz des Assad-Regimes.

Berliner Morgenpost: Wer ist die Stimme der syrischen Opposition heute?

Heiko Wimmen: Die syrische Opposition ist traditionell vielstimmig. Gerade deswegen war die Damaskus-Erklärung 2005 so wichtig als Bündnis zwischen Liberalen und vielleicht moderaten Muslimbrüdern, die auch den Kern des Syrischen Nationalrats unter der Leitung von Burhan Ghaliun in Istanbul bilden. Es gibt dann noch in Damaskus den Koordinationsrat der Kräfte des demokratischen Wandels unter Hassan Abdel Azim, einem bejahrten sozialistischen Haudegen, und Haytham Manaa, einem syrischen Menschenrechtler, der in Paris sitzt. Da sind eher nationalistisch-links ausgerichtete Kräfte versammelt. Es gibt viele Gegensätze zwischen Leuten, die alle Brücken hinter sich abgebrochen haben, weil sie genau wissen, dass sie dran sind, wenn das Regime wieder fest im Sattel sitzen sollte, und Leuten, die in Damaskus aktiv sind und noch immer glauben, dass sie mit Teilen des Regimes einen geordneten Übergang hinkriegen können. Ich halte das für relativ aussichtslos.

Berliner Morgenpost: Assad hat für März ein Verfassungsreferendum angekündigt?

Heiko Wimmen: Ich glaube nicht, dass die Leute in Homs davon beeindruckt sein werden. Und wie man unter diesen Umständen so eine Abstimmung durchführen lassen kann, ist auch fragwürdig.

Berliner Morgenpost: Wie tief ist die Revolution in der syrischen Gesellschaft und wie groß die Angst vor dem Chaos, wie es im Irak oder in Libyen herrscht?

Heiko Wimmen: Das kann niemand zurzeit sagen. Die Doha Debates, ein Diskussionsforum in Katar, will bei einer Umfrage ermittelt haben, dass 55 Prozent der syrischen Bevölkerung das System nach wie vor unterstützen. Aber ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie irgendjemand dort eine Umfrage machen und guten Gewissens zu solchen Aussagen kommen will. Mit der Angst ist das so eine Sache. Es gibt viele, die seit Jahrzehnten auf das System schimpfen, aber sie haben kein Vertrauen darauf, dass es einen guten Übergang gibt.

Berliner Morgenpost: Wenn das Regime Assad stürzen oder zurücktreten würde, wer würde das Machtvakuum füllen?

Heiko Wimmen: Das weiß niemand, das hängt natürlich auch damit zusammen, wie der Umsturz und die Transformation verläuft. Es gibt keine politischen Strukturen, die das ausfüllen könnten, selbst die Baath-Partei ist kaum noch präsent.