Interview

"Ich bin der Euro-Debatte überdrüssig"

Er zählt seit Jahren zu den meistbeachteten Experten beim Weltwirtschaftsforum in Davos: Stephen Roach war von 1982 an Chefökonom der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley, seit 2007 ist er Chairman von Morgan Stanley Asia, nebenher forscht er an der Yale University.

Nur die wirtschaftlichen Perspektiven der fernöstlichen Nationen pflegt er optimistisch einzuschätzen. Mit Stephan Roach sprach Morgenpost-Redakteur Olaf Gersemann.

Berliner Morgenpost: Guten Tag, Herr Roach.

Stephen Roach: Hallo. Worüber wollen Sie mit mir reden?

Berliner Morgenpost: Natürlich über die Krise der europäischen Währungsunion.

Stephen Roach: Ach, nicht schon wieder. Ich bin der Euro-Debatte überdrüssig.

Berliner Morgenpost: Oh. Warum denn?

Stephen Roach: Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist eine europäische Veranstaltung, und so wird über jede Wendung der Euro-Krise geredet. Ich weiß nicht, ob ich da noch etwas Originelles beitragen kann.

Berliner Morgenpost: Versuchen Sie's doch mal!

Stephen Roach: Okay, dann sage ich eines: Ich bin sehr skeptisch, was die Aussichten der europäischen Wirtschaft angeht. Aber ich gehöre nicht zum Lager derer, die ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone erwarten. Oder befürworten.

Berliner Morgenpost: Was sollte denn in Davos besprochen werden, wenn nicht die Euro-Krise?

Stephen Roach: Worüber wir hier hätten konferieren sollen, ist nicht allein Europa. Wir sollten zum Beispiel auch darüber reden, was die Euro-Krise für die globalen Ungleichgewichte und die schnell wachsenden Schwellenländer, vor allem China, bedeutet.

Berliner Morgenpost: Und, was sind denn die Folgen?

Stephen Roach: Die Krise wird den Druck auf China intensivieren, den Wandel hin zu einer vom Binnenkonsum getriebenen Wirtschaft zu forcieren.

Berliner Morgenpost: Aber das wäre doch eine gute Sache, oder?

Stephen Roach: Krisen sind nie gut. Aber die Chance liegt in diesem Fall in der Tat darin, dass die Krise eine ohnedies wünschenswerte Entwicklung vorantreibt. Das chinesische Wort für Krise bedeutet zugleich Gefahr und Chance.

Berliner Morgenpost: Auf dem Weltwirtschaftsforum wurden die Europäer viel kritisiert für ihre Sparpolitik. Sie würge die globale Konjunktur nur noch mehr ab, sagten vor allem die amerikanischen Teilnehmer.

Stephen Roach: Ich gehöre zum Lager der Sparer. Ich habe übrigens in Davos eine Podiumsdiskussion über Asien moderiert mit Vertretern aus China, Indonesien, Japan, Malaysia und Thailand. Und das Resultat war etwas überraschend: Dass sich die Region Ende der 90er-Jahre so schnell von der Asienkrise erholt hat, wurde von den Diskutanten zu einem großen Teil der Tatsache zugeschrieben, dass damals, teilweise erzwungen vom Internationalen Währungsfonds, ein strikter Sparkurs gefahren wurde.

Berliner Morgenpost: Auf den anhaltend starken Wirtschaftsboom in Asien ruhen nun die Hoffnungen vieler europäischer Politiker und Wirtschafsführer. Zu Recht?

Stephen Roach: Nein. Dafür hängen die Schwellenländer im Allgemeinen und China im Besonderen im Moment noch einfach selbst zu sehr von der Nachfrage aus dem Ausland ab.