Der Rockerkrieg

Ein Sturm zieht auf

In Berlin herrschte höchste Alarmbereitschaft. Die Hells Angels waren bereit zum Angriff, und solche Angriffe können schnell blutig ausgehen. Ihre Gegner: die Mitglieder des Rockerklubs Bandidos. Die Sicherheitsbehörden hatten Hinweise bekommen. Und so warteten in Berlin, aber auch in ganz Deutschland, Spezialeinsatzkommandos (SEK) und Mobile Einsatzkommandos (MEK) in den vergangenen Tagen auf ihren Einsatz.

Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) rechnete mit dem "Äußersten", dass der Streit zwischen den verfeindeten Rockerbanden eskaliert, es Verletzte und vielleicht sogar Tote geben könnte. Nur wo es dazu kommen sollte, das war ungewiss.

Berlin war dann nicht Ort des Kampfes. Stattdessen kam es zu mehreren Attacken in Nordrhein-Westfalen.

Zuerst in der Mönchengladbacher Altstadt. Dort lieferten sich die beiden Rockerklubs am Sonnabend eine Messerstecherei. Vor einer Diskothek standen sich auf jeder Seite 50 Rocker gegenüber. Insgesamt wurden vier von ihnen verletzt, einer schwer. Nur wenige Stunden später explodierte vermutlich eine Handgranate vor einem Bandidos-Vereinsheim im rund 100 Kilometer entfernten Herten, Kreis Recklinghausen. Und in der Nacht zu Montag wurde schließlich der Rockerklub des MC Äschmänn in Bergheim in der Nähe von Köln angezündet. Die Täter sind noch unbekannt, ebenso das Motiv: Momentan hat die Polizei keine Hinweise, dass der Klub MC Äschmänn in Verbindung mit den Hells Angels oder den Bandidos steht. Nach Informationen dieser Zeitung gab es noch weitere Übergriffe: So sollen Unbekannte in Essen auf ein Bandidos-Klubhaus und in Leverkusen auf einen Bandido geschossen haben.

Angesichts der nicht abreißenden Serie von Gewaltattacken werden auch in Berlin die Rufe nach einem härteren Umgang mit den Bruderschaften wieder laut. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert ein Verbot der Hells Angels, Innensenator Frank Henkel (CDU) bestätigt Bemühungen, lokale Gruppierungen in Berlin verbieten zu lassen. Denn in den letzten Wochen hatten auch in der Hauptstadt brutale Übergriffe der Hells Angels Berlin City unter der Führung des polizeibekannten Kadir P. zugenommen. Offenbar gehe es dem ehemaligen Boxer darum, den Ruf zu erlangen, deutschlandweit das härteste Charter der Hells Angels zu führen.

Laut LKA sind in Berlin derzeit etwa 1000 Personen in der Rockerszene aktiv. Wie groß das Problem tatsächlich ist, belegen Zahlen, die der Morgenpost exklusiv vorliegen. So wurden in den Jahren 2004 bis 2011 durch die Berliner Polizei 1532 Ermittlungsverfahren gegen Mitglieder der Klubs eingeleitet. In dieser Zeit wurden 524 Personen festgenommen, nicht selten wurde dabei das SEK angefordert. Richter sprachen Urteile, aus denen sich insgesamt 387 Jahre Haft ergaben.

Immer wieder blutige Kämpfe

"Man kann nicht die gesamte Rockerszene über einen Kamm scheren. Es gibt aber einen kleinen, wachsenden Teil, der uns Sorgen bereitet. Sie fallen durch hohe kriminelle Energie und Gewaltbereitschaft auf", bestätigt Innensenator Frank Henkel. Die Sicherheitsbehörden würden diese Entwicklung sehr ernst nehmen. "Die Mitglieder krimineller Motorradklubs treten in der Hauptsache sowohl im Handel mit Betäubungsmitteln als auch im Rotlichtmilieu, durch Verstöße gegen das Waffengesetz und durch Gewalt- und Rohheitsdelikte in Erscheinung. Es wird derzeit geprüft, inwieweit einzelne lokale Gruppierungen verboten werden können." Der innenpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Benedikt Lux, begrüßt Henkels Ankündigung, gibt aber zu bedenken, dass ein Verbot nur ein Mittel im Kampf gegen die kriminellen Rocker sein könne. "Wichtig ist vor allem, den Verfolgungsdruck hoch zu halten", so Lux.

Die Bruderschaften der Hells Angels und der Bandidos sind seit Jahren verfeindet, immer wieder kam es zu blutigen Kämpfen. Zwar war 2010 ein Friedensabkommen geschlossen worden, aber mit dem "Auslaufen der Milieuvereinbarung zwischen dem Bandidos MC und dem Hells Angels MC im Mai 2011 ist ein Anstieg von Auseinandersetzungen zwischen diesen Gruppen zu verzeichnen", so Bernd Finger, beim Landeskriminalamt für organisierte Kriminalität zuständig. Dass die Anzahl der Auseinandersetzungen bald sinkt, erwartet Finger nicht. Ein Gespräch mit dem Leitenden Kriminaldirektor wurde dieser Zeitung von der Polizeiführung nicht gestattet, Fragen wurden lediglich schriftlich beantwortet.

Seit Anfang 2000 nahmen die Probleme mit den Rockerbanden wieder zu. "Ende der 90er-Jahre hatte sich das Ganze eigentlich erledigt", so ein Kriminalbeamter. "Dann erkannten Kriminelle aber wieder, dass das Tragen einer Kutte Angst und Schrecken verbreitet und somit der Garant für Macht und Druckausübung ist. Neben der Gefahr durch die kriminellen arabischen Großfamilien sind die Rocker das größte Problem für die Sicherheitsbehörden in der Hauptstadt." Obwohl sich Bandidos und Hells Angels in puncto Gewaltbereitschaft und Aggression nichts nehmen würden, seien die jüngsten Attacken in Berlin den Hells Angels Berlin City unter Kadir P. zuzuschreiben. Der Türke war mit knapp 80 Gefolgsleuten von den Bandidos übergelaufen und gilt in der Szene als sehr gefährlich. "Wir wissen, dass es die interne Anweisung gibt, sich bei Kontrollen durch die Polizei zu widersetzen", so ein Beamter. "Damit soll zum einen der Ruf der Furchtlosigkeit gestärkt, zum anderen die Polizei verunsichert werden. Ziel ist es, dass sich eine normale Funkstreifenbesatzung nicht mehr traut, eine Kontrolle beispielsweise wegen eines Verkehrsdelikts durchzuführen." Denn in letzter Zeit würden neben Hieb- und Stichwaffen bei Razzien auch vermehrt scharfe Pistolen sichergestellt, darunter Maschinenpistolen und Pumpguns.

"Der Staat muss klare Kante zeigen. Wir fordern ein Verbot der Hells Angels, wenn die Polizeivizepräsidentin erklärt, dass die Ermittlungsergebnisse der Polizei dafür ausreichen", sagt der GdP-Landesvorsitzende Michael Purper. Eine einheitliche Linie der Innenministerkonferenz hält er für zwingend notwendig. "Die Landeskriminalämter der Länder müssen angewiesen sein zu beweisen, dass es sich um kriminelle Vereinigungen handelt, damit die Verbote durchgesetzt werden können." Damit würde bereits die Mitgliedschaft in einer solchen Bruderschaft zum Straftatbestand, die Polizei hätte mehr Möglichkeiten, gegen sie vorzugehen.

Dass es sich bei Hells Angels und Bandidos um kriminelle Vereinigungen handelt, ergibt sich laut einem Polizeiführer bereits aus bestimmten Insignien. "Die Bandidos verleihen für einen Angriff auf einen Feind mit schweren Verletzungen den ,Expect no mercy'-Patch", so ein Polizist. Dies steht für "Erwarte keine Gnade". Bei den Hells Angels werde das "Filthy Few"-Abzeichen für das Töten eines Feindes vergeben. "Es gibt auch in Berlin Rocker, die dieses an der Weste tragen."

"Sie fallen durch hohe kriminelle Energie und Gewaltbereitschaft auf"

Frank Henkel, Innensenator