Berliner Spaziergang

Der Gentleman aus Kreuzberg

Präsident Barack Obama hat zehn seiner Krawatten im Schrank hängen, Angela Merkel hat für ihren Mann Joachim Sauer die Smoking-Schleife aus seiner Manufaktur gekauft, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit trägt dann und wann eine extra für ihn designte und handgenähte Seidenkrawatte aus der Skalitzer Straße in Kreuzberg.

Er, das ist Jan-Henrik Scheper-Stuke. Seit zwei Jahren ist er dabei, einer der ältesten deutschen Krawatten-Manufakturen zu neuem Glanz zu verhelfen. Das 102 Jahre alte Unternehmen war unter dem Namen "Krone Marke" einst kaiserlicher Hoflieferant. Als Monarchie, erster deutscher Demokratieversuch und endlich auch Hitler- Deutschland vorbei waren, schien in der Zeit danach der Name "Krone" für das Inlands- wie Auslandsgeschäft mit Ressentiments behaftet. Etwas Neues musste her. Und da stand der eleganteste Gentleman der 50er-Jahre, Edward Duke of Windsor, Pate. (Zur Erinnerung: Der war als Edward VIII. aus Liebe zu der bürgerlichen und zudem geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson 1936 als britischer König zurückgetreten.) Aus den Anfangsbuchstaben seines Vornamens und der Endsilbe seiner hochwohlgeborenen Herkunft entstand der neue Markenname Edsor.

Edsor ist nicht nur Name für edle Produkte vorwiegend aus Seide, es hat auch ein Gesicht. Das von Jan-Henrik Scheper-Stuke. Der junge Mann, der in neun Tagen 30 Jahre alt wird, hat es binnen zwei Jahren geschafft, das angestaubte Unternehmen seines Patenonkels neu auszurichten und sich selbst als Aushängeschild und Werbeträger zu inszenieren. Kaum ein großes Feuilleton der Republik, das diesem Paradiesvogel aus der eher vernachlässigten Branche der Herrenmode keine große Story gewidmet hat.

Wir haben uns am Flughafen Tempelhof verabredet. Natürlich der Messe wegen. Bei der Bread & Butter hat auch Edsor in den vergangenen Tagen zwischen der eher lässigen Jeansmode mit Urban- und Casual-Outfit oder Street Style seine so ganz andere klassisch-elegante Kollektion der Herren-Accessoires von der Krawatte (Langbinder) über Schleife (Querbinder), Schal bis zum Kummerbund und neuerdings auch eine bunte, natürlich edle Schuhkollektion präsentiert. Frei nach dem Edsor-Anspruch: "Wir bieten alles, was aus einem Mann einen Gentleman macht."

Aber wie passt das zusammen - Schlabberlook und Gentleman-Outfit? "Es hat sich gelohnt. Bread & Butter hat wieder international sehr viele Käufer und Händler angezogen. Davon profitieren auch wir als Kontrastprogramm. Mit unserer Manufaktur im Hangar 7 waren wir die wahren Paradiesvögel, die neugierig gemacht haben. Allen voran die Japaner sind wild wie der Deibel auf Handgemachtes."

Aus der Geschichte gefallen

Als wir uns vor dem Haupteingang des einstigen Berliner Zentralflughafens treffen, steht mir ein junger Mann gegenüber, der aus der Geschichte gefallen zu sein scheint. Ein wahres Unikat. Jan-Henrik Scheper-Stuke verkauft nicht nur edlen Habitus, er lebt ihn auch. Eng geschnittener brauner Kurzmantel, dreiteiliger mittelblauer Cordanzug, beides mit orangefarbener Seide gefüttert, zum hellblauen Hemd mit weißem Kragen und weißen Manschetten die obligatorische Schleife, auch die Socken orange, darüber dunkelbraune Halbschuhe aus Wildleder. Die Haare sind streng zurückgekämmt, in der Hand hält er eine mittelgroße Tasche von Louis Vuitton. Das hat was Dandyhaftes, sieht nach Selbstinszenierung aus. Der jungenhafte Krawattenkönig aus dem schrägen Kreuzberg - eine Kunstfigur? "Ich werde wegen meiner klassischen Aufmachung auch in der eigenen Branche von vielen kritisch gesehen, sogar veralbert. Was ich tue, ist ja schon paradiesisch. Aber ich sage dann meinen Kritikern: Freunde, ich bin für euch gern der Krawatten-Kaspar aus Berlin. Und wisst ihr, warum? Weil ich es gerne bin. Weil ich es lebe; jeden Tag. Ich muss nichts spielen. Das ist doch alles gewollt. Ja, ich bin selbstverliebt und ich finde gut, wie ich bin." Dass so viele Medien Interesse an ihm gefunden haben, erklärt er sich auch so: "Vielleicht hat der deutschen Modebranche, auch der deutschen Medienlandschaft, einer gefehlt, der anders ist; kein Harald Glööckler oder Wolfgang Joop."

Daraus spricht nicht nur ein ungeheures Selbstbewusstsein, es könnte der Eindruck der Überheblichkeit, gar der Arroganz entstehen. Letzteres entpuppt sich während des Spaziergangs schnell als Trugschluss. Ein Mann, der weiß, was er will, höflich im Umgang, tolerant gegenüber Modemuffeln, bodenständig in vielen Ansichten. Dazu von einer Erzähllust, die zu bremsen er selbst auffordert.

Das Wetter ist wieder einmal sauschlecht an diesem späteren Nachmittag. Wir entscheiden uns, den Mehringdamm hinunterzuspazieren und dann irgendwo in der Bergmannstraße in einem Café Schutz vor dem Dauernieselregen zu suchen. Eine Gegend, die nicht gerade modeaffin ist. Lösen schlecht gekleidete Menschen Aversionen bei ihm aus? Er schüttelt den Kopf: "Geschmack ist immer das, was gefällt. Kleidungsstil ist aber auch immer eine Frage der Gesellschaftsschicht, der Sozialisierung. Wenn ich in Kreuzberg oder Neukölln Jugendlichen begegne, die zu große T-Shirts, weite Jeans und Turnschuhe tragen, finden die mich in meinem Outfit auch lächerlich. Aber das sollte weder die noch mich stören. Und im Übrigen: Der deutsche Mann hat es schwer. Es gibt kaum noch Herrenausstatter wie früher, die den Kunden beraten und eingekleidet haben: diese Hose, dazu das passende Hemd samt farblich abgestimmter Krawatte. Heute steht der Mann im dritten Stock eines Departementstores vor 5000 Hosen, aber weit und breit allenfalls ein Azubi. Woher soll der arme Tropf wissen, welche Hose er kaufen soll?"

Das wusste der junge Jan-Henrik Scheper-Stuke schon ziemlich früh. Aufgewachsen auf einem großen Bauernhof in Lohne bei Oldenburg, interessierten ihn Schweine, Rinder und zu reparierende Weidezäune weit weniger als die Perspektiven, die sich durch die Mode eröffnen. "Über Mode kann man sich ausdrücken, ein Image generieren, sich positionieren, eine Haltung zeigen - das hat mich immer fasziniert."

Das begann schon in frühen Jahren. Für seine Jugendfreunde war er deshalb der Exot, der durch sein etwas anderes Äußeres von sich reden macht. Ein orange eingefärbtes Brillengestell etwa oder das Burberry-Hemd mit dem Burberry-Pullover darüber - das fiel eben auf dem flachen niedersächsischen Land arg aus dem Rahmen. "Und später als Lehrling bei der Kreissparkasse Diepholz musste ich aufpassen, dass ich nicht besser angezogen war als der Chef."

Als wir im Café "Milagro" nach einem ruhigen Eckchen Ausschau halten, scheint die für dieses Quartier eher etwas seltsame Aufmachung meines Mitspaziergängers den anwesenden Gästen keinen überraschten Blick wert. Tolerante Kreuzberger Bergmannstraße. Nachdem wir Wasser, Espresso und ein Stück Streuselkirschtorte bestellt haben, erzählt der Mann vom Lande, dass er 2006 nach Berlin gekommen ist, um Jura zu studieren. Damit er nicht gleich im Großstadtdschungel untergeht, bat die Mutter Patenonkel Günther Stelly, schützend eine Hand über Jan-Henrik Scheper-Stuke zu halten. Der Onkel, stark im Designbereich, schwach im Kaufmännischen, war damals Chef im traditionsreichen Familienunternehmen. Neben seinem Studium begann der Neffe, als studentische Hilfskraft bei ihm zu jobben. Weil es ihm einerseits Spaß machte, andererseits das Geschäft nicht mehr so florierte, wie es sollte, wurde aus dem Nebenbei-Job mehr und mehr eine Vollzeitbeschäftigung. "Kunden brachen weg. Das Image der Manufaktur war angestaubt. Wenn es geschäftlich schwieriger wird und man dieser Tatsache ins Auge blicken muss, dann muss man auch mal auf das hören, was der Junior sagt ..."

Der Onkel erhörte sein Patenkind. Der änderte den Kurs, weitete die Angebotspalette aus, polierte das Markenimage auf und sicherte sich die Dienste eines erfahrenen Kaufmanns. Außerdem ist kürzlich noch ein modebewusster Manager aus der Sanitärbranche als Investor eingestiegen. "Bei der Suche hat uns die Medienberichterstattung der vergangenen Monate sehr geholfen. Wir sind jetzt auf Kurs, können arbeiten, wie wir wollen. Edsor ist ein bekanntes altes Label, unter dem wir langfristig viel verkaufen können. Nach Schuhen als Nächstes vielleicht Parfüms..." Er trägt die Verantwortung für PR und Marketing. "So, wie ich es will, sieht die Marke, sehen unsere Produkte aus." Erst jetzt, da er sich unternehmerisch auf einigermaßen sicherer Seite glaubt, hat sich Jan-Henrik Scheper-Stuke als Jurastudent der Humboldt-Universität exmatrikulieren lassen.

Das hört sich alles sehr folgerichtig, problemlos an. War es aber nicht. "Ich bin mit 27 Jahren ins Haifischbecken Mode geworfen worden. Ich hab viele Fehler gemacht und viel Dresche bekommen. Ich habe aber auch viel gelernt und guten Freunden und Förderern viel zu verdanken: dem Geschäftsführer der Modekette Sinn Leffers, Patrick Feller, Gerhard Wörl vom gleichnamigen Modehaus, dem Aufsichtsratschef von Partner Berlin, Peter Zühlsdorff oder Bread-&-Butter-Veranstalter Karl-Heinz Müller. Wenn sich herumsprach, dass dieser Jungspund solche Förderer hat - das hat mir geholfen."

Seit drei Jahren kein Urlaub

Er ist aber auch ein Typ von der Sorte "mach, mach, mach". Seit drei Jahren kein Urlaub, zwischen Weihnachten und Neujahr hat er sich ein paar freie Tage im Spreewald im Hotel "Zur Bleiche" gegönnt. "Es war wunderschön. Aber ich hab jeden Tag am Telefon gesessen." Ein Workaholic, der nicht still sitzen kann. Kaum zu glauben, dass er es mit mir gut zwei Stunden ausgehalten hat und sein Handy nur zweimal störte. Zudem hatte ich, ein traditioneller Schlipsträger, für diesen Spaziergang angesichts des kaltfeuchten Wetters einen Rollkragenpullover gewählt. Da liegt die Frage nicht fern, ob es ihm geschäftlich wie ästhetisch Kummer bereitet, dass immer mehr Männer auch in leitenden Positionen statt Krawatte offenes Hemd tragen? "Nee, muss ja jeder wissen, wie er es gern hat. Ich bin der Allerletzte, der sagt, du musst eine Krawatte tragen. Aber wenn einer sie trägt - aus welchen Gründen auch immer -, dann sollte er bedenken, dass eine Krawatte das einzige auffällige modische Statement ist, das ein Mann abgeben kann. Die Krawatte ist eines der ganz wenigen für Männer akzeptablen Schmückstücke; neben dem Ehering, einem familiären Siegelring, einer guten Uhr und Manschettenknöpfen." Und - clever, wie er ist - fügt hinzu: "Und außerdem mögen Frauen Krawatten."

So schick, modisch und teuer er in seinem 20er-Jahre-Look als Max Raabes modischer Bruder im Geiste daherkommt - er kann sich auch bescheiden. Er wohnt noch in seiner 55 Quadratmeter großen Studentenwohnung an der Sophienstraße in Mitte - die Ikea-Möbel sind allerdings gegen Höherwertiges ausgetauscht. Er hat kein eigenes Auto, fährt bei Wind und Wetter begeistert Rad, aber auch S-Bahn und - wenn es eilt - Taxi.

Sein Vater, mittlerweile 78 Jahre alt, hatte, wie so viele Väter, anderes mit seinem jüngsten Sohn vor. Er hat sich damit abgefunden, dass Jan-Henrik Scheper-Stukes Profession nicht Schweine- und Rinderställe geworden sind, sondern Modeateliers. Mittlerweile macht der alte Herr sogar den einen oder anderen Spleen des "Ausreißers" mit. Erst zu Weihnachten hat sich der Vater und passionierte Jäger über ein Paar grüne Stiefelletten aus der jüngst kreierten Kollektion des Sohnes gefreut. "Und nachdem mein Vater dabei war, als vor ein paar Wochen Vizekanzler Philipp Rösler unseren Edsor-Flagstore in den Hackeschen Höfen eröffnete, hat er auch eingesehen, dass nicht so ganz schlecht sein kann, was ich mache."