Interview mit Michael Wildt

"Die Wannseekonferenz hatte einen hohen Stellenwert"

Michael Wildt lehrt seit 2009 an der Humboldt-Universität Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt Nationalsozialismus. Mit ihm sprach Sven Felix Kellerhoff.

Berliner Morgenpost: Die Wannseekonferenz gilt als Weichenstellung des Holocaust - obwohl am 20. Januar 1942 der Judenmord im Deutschen Reich bereits im Gange war.

Michael Wildt: Anders als man früher annahm, fand auf der Konferenz nicht die Entscheidung zur sogenannten Endlösung statt. Schon im Herbst 1939 wurden polnische Juden ermordet, und seit Juni 1941 im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wurden sowjetische Juden durch SS-Einsatzgruppen und Wehrmacht systematisch getötet. Es gab nicht eine einzige Entscheidung, die den Holocaust in Gang setzte. Vielmehr bestand er aus einer Kette und Verflechtung von Mordentscheidungen an vielen Stellen des NS-Regimes. In diesem Radikalisierungsprozess besaß die Wannseekonferenz zweifellos einen hohen Stellenwert.

Berliner Morgenpost: SS-Chef Heinrich Himmler nahm an der Konferenz selbst nicht teil, ließ sich aber am nächsten Tag von Reinhard Heydrich telefonisch unterrichten. Spricht die schnelle Information für die Bedeutung der Besprechung - oder Himmlers Abwesenheit dagegen?

Michael Wildt: Himmler konnte von der Hierarchie her nicht teilnehmen. Dann hätten entsprechend die Reichsminister und auch Göring als Leiter der Vierjahresplanbehörde eingeladen werden müssen. Die Konferenz fand auf Heydrichs Ebene statt. Aber natürlich zeigt das Telefonat zwischen ihm und Himmler am nächsten Tag, wie wichtig diese Konferenz war.

Berliner Morgenpost: Sie haben in Ihrer Antrittsvorlesung angekündigt, vor allem Berlin in der Zeit des Nationalsozialismus erforschen zu wollen. Gibt es schon Ergebnisse?

Michael Wildt: Ja, in einem ersten Forschungsprojekt mit der Universität Jerusalem wird Verfolgung und Selbstbehauptung der Juden in Berlin untersucht. Ein zweites großes Forschungsprojekt zum Thema Berlin im Nationalsozialismus, gemeinsam geplant mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU, ist bei der Einstein-Stiftung beantragt. Ich hoffe, dass wir das Geld für die notwendige Forschung bekommen. Und mit einer Reihe kompetenter Autoren sind wir dabei, ein grundlegendes Buch über Berlin im Nationalsozialismus zu schreiben, das Anfang 2013 erscheinen wird.

Berliner Morgenpost: Im kommenden Jahr will der Senat einen kulturpolitischen Schwerpunkt auf die Machtübernahme der Nazis 1933 legen. Sie gehören zu den Koordinatoren des Projektes. Was erwartet die Berliner?

Michael Wildt: 2013 jähren sich sowohl die Machtübernahme 1933 wie der Novemberpogrom 1938. Zahlreiche Institutionen und Initiativen, Geschichtswerkstätten, Bezirksmuseen, Gedenkstätten, das Deutsche Historische Museum, aber auch Unternehmen, Gewerkschaften oder der RBB und Deutschlandradio Kultur werden vielfältig an die NS-Zeit erinnern. "Zerstörung der Vielfalt" heißt das Motto, also die Erinnerung an die kulturelle, besonders jüdische Vielfalt Berlins, die durch das Bestreben des NS-Regimes, eine einheitliche "Volksgemeinschaft" zu schaffen, zerstört wurde. Da werden Ausstellungen zu sehen sein, Lesungen zu hören, Theaterstücke zu erleben sein. Aber es wird auch Apps für das Handy geben, damit man selbst auf Stadterkundung gehen kann.

Berliner Morgenpost: Fast alle Berliner Gedenkstätten zur NS-Geschichte erfreuen sich großen Interesses beim Publikum, das Haus der Wannseekonferenz ist "an der Kapazitätsgrenze". Was muss, was kann man überhaupt noch verbessern?

Michael Wildt: Es sollten mehr als bisher moderne Formen der Kommunikation einbezogen werden. Eine vielfältig zu nutzende Internetseite ist im Rahmen des Projekts 2013 in Arbeit. Aber warum nicht auch Apps oder Audioguides als Downloads, um jüdische Orte in Berlin, ehemalige wie gegenwärtige, zu besuchen? Oder um entlang der Wilhelmstraße die einstigen Machtzentralen des Deutschen Reiches kennenzulernen? Man sollte die vielen Besucher Berlins, gerade die jungen, ruhig in ihrer Selbstständigkeit ernst nehmen und ihnen Möglichkeiten geben, die Geschichte Berlins auf eigenständige, individuelle Weise zu erfahren.