Prozess

Zerrissen zwischen den Welten

Am Morgen des 31. Mai 2011, es ist ein Dienstag, taucht Kadir B. im Polizeipräsidium am Tempelhofer Damm auf. Der 38-Jährige zittert am ganzen Körper. In der Hand hält er einen Koran, in dem ein blutverschmierter Gegenstand liegt. "Brotmesser, einseitig geschliffen" notiert ein Ermittlungsbeamter später.

"Ich habe meine Freundin getötet", stößt Kadir B. hervor. Kurze Zeit später bricht die Polizei die Wohnung der 28-jährigen Dilek T. in Lichtenrade auf. Sie findet die junge Frau sterbend auf einer Matratze im Wohnzimmer. Der Notarzt kann nichts mehr für die zweifache Mutter tun.

Ab heute muss sich Kadir B. vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Berlin für den Tod von Dilek T. verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, die junge Frau aus niederen Beweggründen getötet zu haben. Vor Gericht wird es nicht nur um die Frage Mord oder Totschlag gehen. Sondern auch um die Schwierigkeiten der dritten Generation türkischer Einwandererfamilien. Zerrissen zwischen zwei Welten und zwei Wertesystemen, bleiben einige von ihnen im Nirgendwo hängen. Dilek T. hat das mit dem Leben bezahlen müssen.

Im Gerichtssaal wird auch Can Senyüz sitzen. Er ist der Vater des Opfers und Nebenkläger in dem Prozess. "Ich will ihm in die Augen sehen", sagt der 49-Jährige über den Täter. Senyüz sitzt in einem Café in Braunschweig, nach dem Tod seiner Tochter ist er aus Berlin weggezogen. Der kräftige Mann mit dem kahlen Kopf wirkt gefasst, wenn er über das Schicksal von Dilek spricht. Trauer zu zeigen ist nicht die Art des früheren Bodyguards. Nur in wenigen Momenten bricht dem Mann, der sehr gut Deutsch spricht, die Stimme. Etwa dann, wenn er darüber spricht, dass er Dilek nicht schützen konnte.

"Dilek" heißt übersetzt "Wunsch"

Die Geschichte der Familie Senyüz beginnt wie die einer typischen Gastarbeiterfamilie: In den 60er-Jahren ziehen die Eltern von Can Senyüz von Istanbul nach Braunschweig, wo der Vater Arbeit in der Metallbranche gefunden hat. Senyüz ist damals noch ein Kind, kommt hier in die Schule. Als junger Mann lernt er während eines Urlaubs in der Türkei seine erste Frau kennen, heiratet sie 1980. Drei Jahre später wird Dilek geboren. Der Name ist nicht zufällig gewählt. "Dilek" heißt übersetzt "Wunsch". Als das Mädchen sechs Jahre alt ist, beschließt Can Senyüz, mit seiner Frau in die Türkei zurückzukehren. Dort scheint ihm die Chance größer, Geld zu verdienen. Ihre Tochter lassen die Eltern bei ihrer Großmutter in Braunschweig. "Die Situation in der Türkei war mir zu unsicher", sagt Senyüz.

Doch das vermeintlich sichere Zuhause hat seinen Preis. Weil es illegal ist, dass ein Kind ohne seine Eltern in Deutschland lebt, geht Dilek zunächst nicht zur Schule. Als sie verspätet eingeschult wird, hat sie den Anschluss bereits verpasst. Später verlässt sie die Schule ohne Abschluss, heiratet mit 17 und ist kurz darauf schwanger. Doch die Ehe hält nicht lange. Nach der Scheidung zieht Dilek zu ihrem Vater, der mittlerweile selbst geschieden und nach Deutschland zurückgekehrt ist. Mit seiner zweiten Frau lebt er nun in Berlin.

Ein Jahr lang wohnt Dilek mit ihrem kleinen Sohn beim Vater in Neukölln. Die beiden verstehen sich gut, Dilek hat ihre Eltern und die beiden jüngeren Brüder regelmäßig in der Türkei besucht. Die Bindung in die Heimat der Familie ist stark. So ist auch Kadir B., den sie 2008 in einem Berliner Café kennenlernt, türkischstämmig. Davor hatte Dilek noch eine andere Beziehung, sie bekam ein zweites Kind, doch mit dem Vater klappte es erneut nicht. Die junge Mutter ist mit den Kindern überfordert, der Ältere lebt zwischenzeitlich bei seinem Vater, der Jüngere kommt in eine Pflegefamilie. Kadir B. ist der dritte Mann in Dileks Leben. Der Mann, der sie später umbringen wird.

Can Senyüz hat ein Foto von seiner Tochter auf dem Handy. Es zeigt sie auf einem gemeinsamen Ausflug, wenige Wochen vor ihrem Tod: Eine hübsche junge Frau lächelt in die Kamera, in ihrem Blick meint man Zuversicht erkennen zu können. "Sie war immer fröhlich und sehr hilfsbereit", sagt Can Senyüz. "Und sie wollte ihre Kinder zurückbekommen - dafür hat sie gekämpft." Deshalb hatte Dilek ein Jahr vor ihrem Tod einen Deutschkurs angefangen. Denn obwohl hier geboren, beherrschte sie die Sprache nur mäßig - mit der Großmutter hatte sie immer Türkisch gesprochen. Bei einem ihrer letzten Gespräche erzählte Dilek ihrem Vater, sie wolle ihren Hauptschulabschluss nachholen und eine Ausbildung beginnen. Die junge Frau schien entschlossen, endlich in Deutschland anzukommen.

Doch da hatte sie schon Kadir B. in ihr Leben gelassen. Anders als Dilek war er nicht dazu bereit, anzukommen. Er hatte sich wohl schon zwischen den Welten verloren. Dabei weisen die Biografien einige Parallelen auf. Auch er wurde in Deutschland geboren, wuchs teilweise bei den Großeltern in Istanbul auf. Als er elf Jahre alt ist, zieht die Familie mit ihm wieder nach Berlin. Später pendelt er zwischen Deutschland und der Türkei, versucht sich hier wie dort als Unternehmer und scheitert. Als er mit Dilek T. zusammenkommt, lebt er von Hartz IV und hat mehrere Vorstrafen, die meisten wegen Betrugs.

Can Senyüz hält von dem neuen Bekannten seiner Tochter nicht viel: "Ich habe Dilek gesagt: Der ist nicht normal." Aber er will der Tochter nicht vorschreiben, mit wem sie sich trifft. Und die ist froh darüber, dass Kadir B. sie bei Behördengängen begleitet und ihr die Wohnung tapeziert. Doch dann beginnt Kadir B., seine Freundin zu bedrohen. Er gerät schnell in Rage, zum Beispiel wenn Dilek sich verspätet. Hinzu kommen finanziellen Probleme, denn Kadir B. soll regelmäßig viel Geld beim Glücksspiel verloren haben. Außerdem ist er noch mit einer anderen türkischstämmigen Frau verheiratet, mit der er zwei Kinder hat. Immer wieder sorgt sein Doppelleben für Streit mit der Ehefrau, die er ebenfalls mehrfach geschlagen haben soll. Diese verlässt ihn schließlich.

Er glaubt, er habe ein "Recht" auf sie

Aber auch Dilek will die Beziehung bald beenden. Mehrfach erstattet sie Anzeige gegen Kadir B., meldet sich dann aber nicht mehr bei der Polizei. Es ist ein Phänomen, das Polizisten häufig bei misshandelten Frauen mit Migrationshintergrund erleben. Dabei droht Kadir B. auch vor Zeugen weiter damit, er werde Dilek und ihre Kinder umbringen, wenn sie ihn verlasse.

Can Senyüz kann B.s Treiben nur hilflos mit ansehen. Denn er ist inzwischen selbst im Gefängnis gelandet, wegen räuberischer Erpressung. Er sei da nur zufällig mit hineingezogen worden, behauptet er. Einmal bestellt er Kadir B. zu sich und warnt ihn: "Lass meine Tochter in Ruhe." Es nützt nichts. Er habe alles für Dilek aufgegeben, sogar seine Familie, klagt B. gegenüber dem Vater. Er glaubt, ein "Recht" auf Dilek zu haben.

Diese lässt ihren Ex-Freund immer wieder in die Wohnung, vermutlich aus Angst vor seinen Drohungen. Doch irgendwann macht sie einen Schnitt und lässt die Schlösser auswechseln. Als Dilek dann in der Nacht zum 31. Mai vergangenen Jahres zu ihrer Frühschicht als Reinigungskraft in einem Supermarkt aufbrechen will, steht B. mit seinem Auto vor ihrer Tür. Trotz des Streits lässt Dilek sich von ihm zur Arbeit fahren. Während ihrer Schicht wartet Kadir B. im Auto und fährt sie anschließend wieder zurück. In der Wohnung kommt es erneut zu Streit. Dilek sagt B., dass es endgültig aus sei.

Was dann geschieht, dazu gibt es zwei Versionen. Bei der Vernehmung erzählt B., er sei in die Küche gegangen, habe das Brotmesser geholt und es Dilek auf die Brust gesetzt. Aber sie habe sich nicht umstimmen lassen, da habe er zugestochen. Der zweite Stich geht mitten ins Herz. Dileks Vater jedoch ist überzeugt, dass die junge Frau im Schlaf überrascht wurde: "Meine Tochter hätte sich gewehrt."

Während Dilek T. verblutet, legt ihr Ex-Freund die Tatwaffe in den Koran, den Dileks Vater einmal liegen gelassen hat, und verlässt die Wohnung. Kurz danach stellt sich Kadir B. der Polizei.

Can Senyüz hat sich kurz nach dem Tod seiner Tochter einem Trauerverein angeschlossen. Er versucht, das Sorgerecht für seine beiden Enkel zu bekommen: "Meine Tochter ist tot, sie sind das Einzige, was mir geblieben ist." Sorgen bereitet ihm Dileks jüngerer Bruder. Der lebt in der Türkei und hat Rache geschworen, sollte der Mörder seiner Schwester nicht "lebenslänglich" erhalten. Dann werde er die Kinder von Kadir B. töten. Warum die Kinder? Can Senyüz zuckt die Achseln. Solch archaische Gedanken kann oder will er nicht erklären. Er selbst denkt anders: "Ich will ihn nicht sterben sehen. Er soll hinter Gittern jeden Tag ein wenig sterben."

Seine Tochter ist als Türkin gestorben. Dilek T. hatte nie einen deutschen Pass. Sie habe sich aber in Deutschland zu Hause gefühlt, zumindest glaubt Senyüz das. Er selbst hat seit fast fünf Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft. Er hilft jetzt viel seiner Mutter, die Herzprobleme hat und immer noch kaum Deutsch spricht. Ans Grab der Tochter kann er nicht gehen. Dilek wurde in Istanbul begraben.

"Ich will dem Mörder meiner Tochter in die Augen sehen"

Can Senyüz, Vater der ermordeten Dilek T.