Interview mit Holger Krawinkel

"Es mangelt an politischem Willen für die preiswerte Wende"

Holger Krawinkel ist Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Hans Evert sprach mit ihm.

Berliner Morgenpost: Wirtschaftsminister Philipp Rösler will die Solarförderung zusammenstreichen und das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) grundlegend ändern. Kann das den Anstieg der Energiekosten bremsen?

Holger Krawinkel: Rösler will den Versorgungskonzernen Quoten für den Anteil der Erneuerbaren vorgeben. Diese könnten dann selbst bestimmen, ob sie Wind, Fotovoltaik oder etwas anderes favorisieren. Das würde dazu führen, dass die teuerste Art der Erzeugung, Strom aus Offshore-Windanlagen, den Preis definiert. Für die Verbraucher würde das vermutlich noch teurer als die derzeitige Förderung durch das EEG.

Berliner Morgenpost: Aber die Kosten laufen schon aus dem Ruder wegen der vielen Fotovoltaikanlagen.

Holger Krawinkel: Das kann man ändern. Dazu muss man genau hinschauen, wie sich die Kosten etwa für Fotovoltaik entwickeln, und dann schnell die Einspeisevergütung anpassen. Aus unserer Sicht wäre es am klügsten, wenn eine Behörde dies täte. Das wäre eine Gewähr dafür, dass die Kosten, die wir alle über die EEG-Umlage mit unserer Stromrechnung tragen, schneller sinken. Derzeit wird aber über die Kostenanpassung im Bundestag entschieden. Die aufwendige politische Prozedur verhindert eine zügige Absenkung der Einspeisevergütung. Genau das wäre aber auch aus sozialer Sicht geboten. Denn die meisten Fotovoltaikanlagen gönnen sich bayerische Hausbesitzer. Zahlen müssen aber auch die Mieter in Berlin oder strukturschwachen Gegenden Nordrhein-Westfalens.

Berliner Morgenpost: Stehen wir vor einem energiepolitischen Scherbenhaufen? Die Kosten durch das EEG treiben die Stromrechnung nach oben, und die Solarbranche ist in Existenznot.

Holger Krawinkel: Das würde ich so nicht sagen. Richtig ist zwar, dass trotz EEG die Solarindustrie gerade erhebliche Probleme hat. Aber die Preise für Solarmodule sind in den vergangenen Jahren dramatisch gefallen. Das hat diese Art der Energieerzeugung deutlich billiger gemacht.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie, dass man den Preisanstieg bei Energie mittelfristig stoppen kann?

Holger Krawinkel: Es mangelt am politischen Willen, die Energiewende so preiswert wie möglich zu gestalten. Dafür müssten die Kosten des Ausbaus von Solarenergie und Biomasse gebremst werden. Zudem muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Offshore-Anlagen der Energiekonzerne ebenfalls teuer sind und ihr störungs-freier Betrieb langfristig noch gar nicht geklärt ist. Man sollte verstärkt auf die billigste Form der Erneuerbaren setzen. Das sind Windkraftanlagen an Land. Dazu bedarf es einer Planung, die politisch mit den Ländern koordiniert werden muss. Auf jeden Fall kann man die Energiewende nicht allein den Marktkräften überlassen.