Katastrophe

Angst auf dem Albtraumschiff

Auf einmal war der Zauberer weg. Mitten in der Show. Die Zuschauer dachten sich erst nicht viel dabei. Als sich dann der Vorhang auf der Bühne wie von selbst bewegte, wie von Geisterhand zur Seite rutschte, da glaubte Mike van Dijk aus Südafrika an einen Trick, an einen Teil der Show. Doch es blieb nicht beim Vorhang, auf einmal kippten Mülleimer um. "Das war keine Welle", dachte Bernd Lohs aus Chemnitz, als ein mächtiges Rumpeln das 290 Meter lange Schiff erschüttert.

Alan Willits aus Amerika fiel beinahe vom Stuhl. Der Gesichtsausdruck eines Technikers am Bühnenrand ließ nicht darauf schließen, dass es sich hier um eine Showeinlage handelte.

Mit mehr als 4229 Menschen aus 60 Nationen an Bord, darunter 566 Deutsche, havarierte am Freitagabend um 21.30 Uhr das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" vor der toskanischen Insel Giglio. Es war auf den vor Ort gut bekannten Felsen "Le Scole" aufgelaufen, der den Schiffsrumpf aufschlitzte. Das eindringende Wasser ließ den 112 000-Tonnen-Liner zur Seite kippen. In sechs Sprachen sagte der Kapitän durch den Lautsprecher "Keine Panik", aber da war es längst zu spät. Die Passagiere waren außer sich, das Chaos begann. "Es war so unorganisiert", sagt Melissa Goduti aus Connecticut in den USA. Die Besatzung habe kaum Anweisungen gegeben, wie das Schiff zu evakuieren sei. Eine entsprechende Übung sei ohnehin erst für den Sonnabend geplant gewesen. "Wir haben noch Witze darüber gemacht, was wäre, wenn heute (am Freitag, dem 13.) etwas passieren würde", sagte Goduti. Viele Passagiere werfen der Crew vor, die Aussetzung der Rettungsboote verzögert zu haben, bis sie wegen der Schräglage des Schiffs nicht mehr ausgebracht werden konnten. Andere sagen, Besatzungsmitglieder hätten den Passagieren 45 Minuten lang erzählt, der Lichtausfall sei durch ein einfaches technisches Problem verursacht worden. Doch es war ernst.

Gegen Kapitän Francesco Schettino gibt es schwere Vorwürfe. Er habe eine Route gewählt, die zu nah an der Küste verlaufen sei. Der Kapitän wehrte sich in einem Interview: "Wir navigierten etwa 300 Meter von den Felsen entfernt", sagte er der Sendergruppe Mediaset. "Ein solcher Felsen hätte dort gar nicht sein sollen." Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen fahrlässiger Tötung, Verursachung eines Schiffbruchs und wegen des Verlassens des Schiffs vor anderen. Auch diesen Vorwurf wies Schettino zurück. "Wir waren die Letzten, die das Schiff verlassen haben", sagte er.

Riskante Suche unter Wasser

Die Küstenwache befürchtete einen vollständigen Untergang der "Costa Concordia". Das Wrack könne in tieferes Gewässer abrutschen und sinken. Die Suche nach Überlebenden im Rumpf sei deshalb eine "riskante Operation".

"Ich werde nie wieder ein Schiff betreten", sagt Melissa Goduti. "Alles, was ich besitze, ist in diesem Schiff." Ihr Handy, ihr Pass, die Speicherkarten ihrer Kamera und auch die Rosenkränze, die sie und ihre Mutter im Vatikan gekauft hatten, bevor sie die Kreuzfahrt antrat.

Fünf Passagiere haben bei dem Unglück ihr Leben verloren: zwei Franzosen, ein Peruaner und zwei mit noch unklarer Identität. Unter äußerst riskanten Bedingungen haben Rettungsteams nach überlebenden Schiffbrüchigen im Wrack gesucht. In der Nacht zum Sonntag, mehr als 24 Stunden nach der Havarie, gelang es, ein südkoreanisches Paar aus seiner Kabine im Rumpf des Schiffs zu retten, die 29-Jährigen wollten ihre Flitterwochen auf dem Schiff verbringen.

Am Sonntagmorgen fanden seine Kollegen auch das Besatzungsmitglied Marrico Giampetroni - der Italiener hatte mehr als 36 Stunden nach dem Unglück aus den Tiefen des gefluteten Schiffsrumpfs verzweifelt um Hilfe gerufen. Er hatte sich ein Bein gebrochen. Mit einem Hubschrauber bargen die Rettungskräfte den Verletzten und brachten ihn ins Krankenhaus von Grosseto. "Ich habe einen 36 Stunden langen Albtraum hinter mir", sagte Giampetroni. Spezialeinheiten mit Tauchern versuchen weiter, jede einzelne Kabine des Kreuzfahrtriesen zu überprüfen, der von Civitavecchia bei Rom zu einer einwöchigen Reise durch das westliche Mittelmeer aufgebrochen waren. Am Nachmittag fanden sie in einer Kabine die Leichen zweier Männer. Zu Redaktionsschluss war die Identität nicht geklärt.

Wer gerettet wurde, wurde nach Porto Santo Stefano auf der Halbinsel Argentario gebracht. Georgia Ananias ist den Tränen nahe, als sie sich erinnert, wie ein argentinisches Paar ihr deren drei Jahre alte Tochter in die Arme drückte. "Nehmen Sie mein Baby", sagte der Mann zu der 61-Jährigen, als sich das Schiff immer weiter neigte und er sein Gleichgewicht nicht mehr halten konnte. "Ich nahm das Baby", erzählt Ananias, als sie Stunden später eingehüllt in eine Wolldecke in einem Notlager in Porto Santo Stefano sitzt. "Aber dann wurde ich nach unten gedrückt. Ich wollte nicht, dass das Baby die Treppe hinunterfällt. Ich gab ihnen das Baby zurück. Ich konnte es nicht halten", sagt Ananias mit Tränen in den Augen. "Ich dachte, das wäre das Ende und sie sollten bei ihrem Baby sein."

Die junge Mutter Anna Veroni wollte ihren 15 Monate alten Sohn jemandem übergeben, der den kleinen Filippo vom Schiff bringen könnte. "Die Rettungsboote waren alle voll. Wir wollten ihn jemandem geben, weil wir selbst nicht an Bord konnten", sagt sie. "Niemand wollte ihn nehmen. Es war wie 'Titanic'."

Zwei der vermissten Menschen fanden sich auf sehr überraschende Weise: Zwei japanische Touristen meldeten sich am Sonntag bei den Verantwortlichen; ohne sich registrieren zu lassen, waren sie direkt nach dem Unglück nach Rom gereist.

Nach 15 Menschen wird weiter gesucht, neun Passagiere und sechs Crewmitglieder. Einem Zeitungsbericht zufolge werden auch zwei Frauen aus Baden-Württemberg vermisst. Die beiden sollen einer 41-köpfigen Reisegruppe angehört haben, wie die "Augsburger Allgemeine" berichtete. Das Blatt beruft sich auf entsprechende Angaben eines Allgäuer Kreuzfahrt-Unternehmens. Jedoch war unklar, ob die Vermissten nach der Hektik des Unglücks womöglich auf eigene Faust zurückgekehrt waren oder sogar noch in Italien sind. Das Außenministerium hatte am Sonntag von "einigen ungeklärten Fällen" aus Deutschland gesprochen.

Die Suche nach Überlebenden hat jetzt oberste Priorität, aber es tauchen noch weitere Gefahren auf: In den Tanks befinden sich laut der Zeitung "Repubblica" 2380 Tonnen Diesel. Der Treibstoff solle am Montag abgepumpt werden, um eine Umweltverschmutzung zu verhindern, erklärte der italienische Umweltminister.

Was das Schiff so nah an der Küste zu suchen hatte, ist immer noch unklar. Spekulationen zufolge hatte der Kapitän den Kurs geändert, um einen besonderen Gruß an die Insel Giglio zu schicken. Es sei eine Tradition, die ein Kapitän eingeführt habe, der auf Giglio zu Hause war. Sergio Ortelli, Bürgermeister der Insel, bestätigte, es sei schon ein paar Mal vorgekommen, dass Kreuzfahrtschiffe als kleines Spektakel für die Touristen sich der Küste nähern und die Sirene heulen lassen. Noch nie aber sei dabei der Sicherheitsabstand verletzt worden. Der Verband der Kreuzfahrtpassagiere wirft dem Reedereiunternehmen jetzt Versagen vor.

"Wir mussten unser Baby jemandem geben, weil wir selbst nicht in die Rettungsbote konnten"

Anna Veroni, Passagierin auf der "Costa Concordia"