Wissenschaftsstandort

Perfekter Lebensraum für Forscher

Haarlos, schrumpelig, blind und mit spitzen Nagezähnen, so purzeln die Nacktmullen in ihren Glasschalen durcheinander. Das Zuhause der gewöhnungsbedürftigen Tierchen aus Zentralafrika ist ein Heizschrank im Keller des Max-Delbrück-Centrums (MDC) für Molekulare Medizin in Berlin-Buch. Dort liegen auch Hoffnungen für Berlins Wissenschaft.

Gary Lewin, ein Professor für medizinische Genomforschung, der an der FU lehrt, spricht fast zärtlich über seine Schützlinge. "Die sind eigentlich nicht hässlich." Nacktmullen seien außergewöhnliche Tiere, 99 Prozent der Gene sind identisch mit denen von Mäusen. Und doch weist der Nacktmull einige für Mediziner hoch interessante Eigenschaften auf. Er empfindet bei Kontakt mit Säure keinen Schmerz. Und er bekommt keinen Krebs. Wie diese Unterschiede zustande kommen, will der Brite Lewin, der seit 15 Jahren in Berlin tätig ist, erforschen. "Wir haben den Plan, eine Maus zu erzeugen, die ein Kaltblütler wie der Nacktmull ist", sagt Lewin. Das möge auf den ersten Blick spaßig aussehen. Aber langfristig gehe es um neue Erkenntnisse in der Schmerz- und Krebstherapie.

Die Arbeit des Berliner Briten ist auch weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus nicht unbemerkt geblieben: Unter anderem für das Nacktmull-Projekt hat Lewin vom Europäischen Forschungsrat (European Research Council, ERC) 2,5 Millionen Euro als ERC-Grant bekommen. Gary Lewin und seine Nacktmullen sind ein Beispiel dafür, wie sehr Wissenschaft und Forschung in Berlin boomen. Seit einigen Jahren gibt es kräftige Finanzspritzen aus Töpfen des Bundes und der EU, Berliner Forscher erhalten zahlreiche Preise, es gibt hochkarätige Berufungen, die Budgets für Forschung und Entwicklung steigen, und es werden vermehrt Patente angemeldet. Zudem verzeichnet Berlin stetig mehr Studienanfänger und Absolventen.

Berlin setzt sich sukzessive ab

Lewin ist dabei nur einer von allein acht MDC-Forschern, die aus Europa eine hoch dotierte Förderung erhalten haben. Nikolaus Rajewsky, ein Physiker, der Biologie und Mathematik verbindet, wird für seine Forschungen zur Systembiologie in diesem Jahr obendrein den renommierten Leibniz-Preis erhalten.

Die Hauptstadt hat sich seit 2007 von anderen deutschen Wissenschaftsstandorten deutlich abgesetzt. Das ergibt sich aus noch unveröffentlichten Zahlen des Förder-Rankings 2012 der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Demnach bewilligte die DFG zwischen 2005 und 2007 für Berliner Antragsteller 521 Millionen Euro. München, zum Vergleich, lag da noch fast gleichauf auf Platz zwei mit 517 Millionen. Von 2008 bis 2010 hat Berlin deutlich zugelegt, laut DFG auf 630 Millionen Euro. München kommt auf 590 Millionen. "Berlin setzt sich sukzessive von München ab", sagt DFG-Experte Daniel Bovelet, nachdem die Hauptstadt in der Vergangenheit "ein wenig hinterherhinkte".

Auch andere Studien belegen die Dynamik in den Labors und Rechenzentren der Hauptstadt. Die Technologiestiftung Berlin (TSB) hat den Aufschwung in der Stadt aus der Statistik des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft herausgearbeitet. Berlin hat demnach seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung zwischen 2007 und 2009 kräftig aufgestockt, um 16,4 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro. Im Bundesdurchschnitt lag der Anstieg bei neun Prozent. 28 400 Menschen forschten Ende 2009 in der Hauptstadt, 10,4 Prozent mehr als 2007. Damit stieg die Zahl der Wissenschaftler in Berlin doppelt so schnell wie im Rest des Landes.

Der Aufschwung wird international wahrgenommen. "Berlin hat sich tatsächlich zu einer der kreativsten und innovationsfreudigsten Forschungsregionen in Deutschland entwickelt, und seine Bedeutung wird zunehmen", sagt Isaiah Arkin, Vizepräsident der Hebrew University in Jerusalem. David Mooney, der an der US-Eliteuni Harvard Bioengineering lehrte, stimmt zu: "Die Forschungsaktivitäten an der Charité und den Universitäten genießen in den USA große Wertschätzung."

Die Stadt zieht zunehmend Wissenschaftler aus dem Ausland an. Nikolaus Rajewsky, der Leibniz-Preisträger, der 2006 aus den USA kam, ist nur ein Beispiel - wie übrigens auch sein Vater Klaus, ein berühmter Krebsforscher, der seinem Sohn direkt folgte. "Wir können häufig Konditionen bieten, die wirklich wettbewerbsfähig mit den USA sind", sagt Professor Walter Rosenthal, wissenschaftlicher Direktor des Max-Delbrück-Centrums. Ein großes Plus für Berlin sei neben der wissenschaftlichen Exzellenz auch die Internationalität der Stadt. "Wir haben für die nächsten Jahre hervorragende Aussichten", sagt Rosenthal.

Dass aber die neue rot-schwarze Koalition in Berlin die Zuständigkeiten für Wissenschaft und Forschung auseinandergerissen und auf zwei verschiedene Ressorts aufgeteilt hat, empört die Szene noch immer: "Aber das wird den Lauf der Welt nicht aufhalten", sagt MDC-Chef Rosenthal. "Es gefährdet nichts, aber es macht uns das Leben im Einzelnen schwerer und wird außerhalb Berlins belächelt."

Nacktmull-Forscher Lewin bestätigt die Einschätzung seines Direktors: "Eigentlich haben wir es luxuriös hier. Gute Ausstattung, ausreichend Geld und Freiheit", sagt der Brite. In Berlin gebe es Forschung auf höchstem Niveau. Viele wollen hierher. Man könne inzwischen mit New York konkurrieren.

Zahl der Patente verdoppelt

Die Stärke der Berliner Wissenschaft beruht wegen des Fehlens forschungsaktiver Großunternehmen allerdings nach wie vor auf dem starken Anteil öffentlicher Förderung. Auch der Anteil der Ingenieurwissenschaftler ist in Berlin niedriger als in wirtschaftlich stärkeren Regionen. In der Hauptstadt dominieren laut DFG die Kultur- und Sozialwissenschaften, Informationstechnik und die sogenannten Lebenswissenschaften, also Medizin, Biologie und zunehmend auch Mathematik.

Insgesamt fließen in Berlin 3,6 Prozent der Wirtschaftsleistung in Wissenschaft und Forschung. Nur in Baden-Württemberg, wo viele Fahrzeugbauer und Hightech-Firmen riesige Entwicklungsabteilungen unterhalten, ist der Anteil größer. Die öffentlichen Hochschulen haben einen Generationswechsel bei den Professoren vollzogen und ihre Leistungsfähigkeit gesteigert. 2010 akquirierten die Unis und Fachhochschulen fast 490 Millionen Euro aus fremden Kassen. 2005 waren es erst 250 Millionen. Dabei ist es gelungen, vor allem die Fördertöpfe der EU und des Bundes stärker anzuzapfen als früher. Ein Effekt ist die steigende Zahl der angemeldeten Patente. 132 waren es 2010, doppelt so viele wie fünf Jahre zuvor.

Auch verlassen mehr Absolventen mit einem Abschluss die Berliner Hochschulen. Fast 22 000 junge Leute bauten 2010 ihren Bachelor, Master oder ihr Diplom. 2005 waren es weniger als 18 000. Die Zahl der Studienanfänger kletterte von 19 300 auf mehr als 25 000. Zudem erlebt Berlin einen Zuwachs an privaten Hochschulen. Im Jahr 2000 waren es zwei. Heute bilden 18 private Wissenschaftsorganisationen Studenten aus.

Exzellente Wissenschaftler ziehen exzellente Wissenschaftler an. Der frische Wind in der Berliner Wissenschaft hat auch Gitta Kutyniok angelockt. "Ein großer Standort ist sehr wertvoll", sagt die Mathematikprofessorin, die seit zweieinhalb Monaten an der TU lehrt. Man bekomme viel mehr Anregungen als an einer kleineren Universität. In Berlin sei es leichter als etwa in den USA, große Forschergruppen aufzubauen.

Die Mathematikerin kam mit einer Einstein-Professur an die TU. Die Stiftung zur Förderung der Spitzenforschung bringt auch ausländische Kapazitäten als "Visiting Fellows" in die Stadt. Einer davon ist James Sethian aus den USA. Die Stadt, so findet er, ist einer der begehrtesten Plätze für Wissenschaftler, die an der Spitze ihres Forschungsgebiets arbeiten. "Berlin gilt inzwischen als weltweit führendes "Gravitationszentrum der Welt mathematischer Forschung", sagt James Sethian, Professor im kalifornischen Berkeley. "Die Stadt hat über die letzten zehn Jahre einen immensen Boom erlebt, was Sichtbarkeit und die Leistungsfähigkeit der Mathematik angeht." Übergreifende Strukturen wie das Matheon oder die Berlin Mathematical School bezeichnet der Amerikaner als "beneidenswert". Sie bringen Wissenschaftler aus allen Universitäten und anderen Einrichtungen zusammen. "Es ist erfrischend", sagt Sethian, "wie all diese Wissenschaftler zusammenkommen und gemeinsam wissenschaftliche Probleme angehen."