Vorwahlkampf

Amerika sucht nach einem Gegner für Obama

Eine Erkenntnis aus New Hampshire lautet: Mitt Romney ist verwundbar. Zumindest, wenn sich die geballte rhetorische Kraft seiner Mitbewerber gegen ihn wendet. Das konnten Millionen TV-Zuschauer und ein Publikum in der Hauptstadt Concord am Sonntagmorgen erleben. Hatten die Kandidaten im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur bei der Debatte am Vorabend noch zu Romneys Vergnügen aufeinander gefeuert wie ein Erschießungskommando, das sich im Kreis aufstellt, konzentrierten sie sich nun auf den Favoriten.

Newt Gingrich beispielsweise ermahnte Romney scharf, mit dem "scheinheiligen Unsinn" aufzuhören, sich als Geschäftsmann und Außenseiter zu präsentieren, der ein paar Jahre in der Politik verbrachte. In Wahrheit kandidiere Romney, Sohn eines früheren Gouverneurs von Michigan, seit den 90er-Jahren, als er gegen Senator Ted Kennedy antrat, unentwegt. Nur eben erfolglos. Wie zuletzt 2008, als er gegen John McCain um die Nominierung der Partei stritt und verlor. Romney, der sich selten als Verlierer entblößt sieht, gefror das Lächeln.

Trotzdem hat Romney kurz vor der zweiten Vorwahl der Republikaner gut lachen. Selten waren die politischen Vorlieben der Bürger von New Hampshire, die immer stolz auf ihre Unberechenbarkeit waren, so eindeutig wie in diesem Jahr: Romney, der frühere Gouverneur des Nachbarstaats Massachusetts, wird an diesem Dienstag die Vorwahlen gewinnen. Dass seine Überlegenheit seit dem ersten Vorwahltermin in Iowa am 3. Januar von 43 auf 35 Prozent abgeschmolzen ist, werten allenfalls Demokraten als kuriose Schwäche. Romney kommt seiner Unvermeidlichkeit ein gutes Stück näher.

Eine der letzten Umfragen von Suffolk University/7News sagt für Ron Paul 20 Prozent voraus, gefolgt von Jon Huntsman (11), Newt Gingrich (9), Rick Santorum (8) und Rick Perry, der in New Hampshire aussetzt, mit einem Prozent. Sollte Romney seine Favoritenrolle auch bei den nächsten Vorwahlen in South Carolina (21. Januar) bestätigen, müssten seine Konkurrenten eigentlich aus Parteiräson aufgeben und ihre Anhänger auf ihn einschwören.

In New Hampshire leben nur 1,3 Millionen Menschen, stimmenmäßig fällt der Bundesstaat bei der Kandidatenkür damit kaum ins Gewicht. Doch es ist das große Medieninteresse, dass dem Sieger in diesen ersten Vorwahlen zuteil wird. Der kleine Staat gilt als der große politische Gradmesser.

Jähzorn verzerrt ihm die Miene

So lauschten alle dem Wortgefecht der Kandidaten, diesmal zwischen Romney und Huntsman. Darin bemühte sich Romney gar nicht um Verbindlichkeit. Die beiden Mormonen können einander nicht leiden. Nun belehrte Romney den früheren Botschafter Obamas in China, warum er disqualifiziert sei: "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass unsere Partei einen Mann gegen Obama nominiert, der ihn als bemerkenswerten Präsidenten gerühmt hat." Das klang nach Ideologie zuerst, Parteilichkeit zuerst, vor dem Dienst an der Nation. Huntsman nutzte seine Chance. Er erwiderte, er diene vor allem seinem Vaterland, erst danach einem Präsidenten, so wie seine beiden Söhne in der Marine. Mit einem Blick auf Romney fügte er hinzu, was noch häufig zitiert werden wird: "Es ist diese (Romneys) Haltung, die unser Land spaltet." Weit weniger überlegen wirkte Huntsman, als er Stunden später versuchte, seinen Sieg herbeizureden: "New Hampshire liebt den Underdog", rief er Anhängern in einem Schnellrestaurant zu, "meine Damen und Herren, hier sehen Sie ihn. Bedienen Sie sich."

Zu Romneys Schwächen zählt seine Furcht vor Kontrollverlust. Er genießt nicht die für New Hampshire typische Volksnähe, die allerdings auch kritische, feindselige Fragen zulässt. Dann verzerrt ihm Jähzorn die Miene, sein Ton färbt sich sarkastisch.

So wie an einem Abend in einer Schule in Tilton, in der Romney ein Spaghetti-Essen für 400 Anhänger gibt. Eine Frau fragt ihn, ob er (mindestens symbolisch) von seinen gut 200 Millionen Dollar privaten Reichtums und seinen vier Häusern etwas abzugeben bereit wäre, um eine Steuersenkung für die kleinen Leute zu finanzieren. "Ich besitze keine vier Häuser", weist Romney sie zurecht, "obwohl es eine gute Idee wäre." Die Frau verzieht das Gesicht. Da war sie wieder, die Herablassung des Country-Club-Republikaners, der in einer TV-Debatte Perry eine Wette um 10 000 Dollar anbot. Ein Jahresgehalt für Menschen am Existenzminimum. Amerika ist keine Neidgesellschaft. Aber die Zeiten sind hart. Und Romney zählt offenkundig zu dem einen Prozent der Superprivilegierten, dem nach dem Slogan der Occupy-Bewegung 99 Prozent gegenüberstehen. Nicht jeder Republikaner will ihm dazu gratulieren.

Die Wahlkampfveranstaltungen in New Hampshire locken auch jugendliche Guerillaverbände an. Pauls treue Garde, manchmal im Bunde mit Occupy-Aktivisten, steht vor den Hallen mit ihren Transparenten ("Ron Paul: The doctor will free you", Der Doktor wird euch befreien) und Sprechchören. Und Obamas fünfte Kolonnen infiltrieren Kundgebungen, um in strategischen Momenten zu skandieren: "Mitt vernichtet Arbeitsplätze, Mitt vernichtet Arbeitsplätze!" Die Kameras schwenken auf sie, Reporter eilen herbei.

"Ich liebe dieses Land!"

Romney beteuert, dass er die Meinungsfreiheit in den USA über alles liebe. Die Demonstranten werden aus dem Saal gedrängt. Seine Liebesschwüre zu Amerika, bei einer Veranstaltung in Derry wohl zehn Mal vorgetragen, wirken sonderbar redundant und kalkuliert: "Ich liebe Amerika, ich liebe dieses Land!" Gingrich, Santorum, Paul und die anderen müssen ihre Vaterlandsliebe nicht beteuern. Man spürt sie, setzt sie voraus. Romney, der an der Spitze des Investment-Unternehmens Bain Capital Jobs gerettet, aber auch abgebaut und ins Ausland vertrieben hat, um Aktionäre zu schützen, hat den Minnesang nötig. "Wir sind das einzige Land auf der Erde, wo die Menschen beim Singen der Nationalhymne die rechte Hand auf dem Herzen haben", belehrt er seine Anhänger. Was immer das bedeuten soll.

Das Großartige an New Hampshires Vorwahlen ist, dass alle kommen müssen: Die Politiker, mächtige wie entmachtete, die Medienstars, Polittouristen aus Nachbarstaaten pilgern in den kleinen Staat, "der Präsidenten erntet, wie sie in Iowa Mais ernten". John Sununu, Gouverneur New Hampshires von 1983 bis 1989, danach Stabschef im Weißen Haus von George H.W. Bush, hat diesen Satz geprägt, den die Leute in Iowa hassen. Wir begegnen ihm auf dem Heimweg von Romneys Veranstaltung in Derry. Allein davoneilend, lässt Sununu, Jahrgang 1939, mit sich reden. Er unterstützt Romney, den er als Anfasspolitiker ("See-me-feel-me-touch-me-Politician") für einen weit besseren Kandidaten hält als 2008.

Warum die Begeisterung fehlt, der Applaus der Amerikaner so kühl bleibt, fragen wir. Das Internet, sagte der alte Herr, habe die Wahlkämpfe für immer verändert. Auch die vielen TV-Debatten der Republikaner hätten eine andere Dynamik geschaffen, die es Kandidaten mit wenig Geld ermögliche, länger im Rennen zu bleiben. Die Amerikaner wollten einen Mann mit Mitts Erfahrung außerhalb der Politik, "denn der Staat ist außer Kontrolle, die Leute haben Angst".

Geld regiert die Vorwahlen

Sununu gibt zu, dass die "Super PACs" (Political Action Committees) ein Unglück sind. Diese Komitees arbeiten symbiotisch mit den einzelnen Kandidaten, sammeln unbegrenzt Spendengelder und finanzieren TV-Kampagnen, ohne Beschränkungen durch Wahlgesetze unterworfen zu sein. Damit regiert Geld mehr als je zuvor. Aber solange die PACs legal seien, dürfe man Romney nicht vorwerfen, wenn er dort mehr Geld sammelt als andere, so Sununu. Er glaubt, das Land brauche einen Macher und Manager. "Mitt wird diese Wahl gewinnen."

Daran zweifelt niemand. Auch wenn rund 15 Prozent der Wähler von New Hampshire sich als noch unentschieden bezeichnen. South Carolina ist die letzte Chance für den Südstaatler Gingrich und für Santorum, der in Iowa nur mit einer Handvoll Stimmen gegen Romney unterlag. Auch in New Hampshire waren Santorums Veranstaltungen überfüllt, seine im Ton freundliche Radikalität kam bei einem Termin am Sonntag gut an. Gingrich kann dort mithalten, nachdem der Casino-Magnat Sheldon Adelson am Sonntag sein PAC mit fünf Millionen Dollar gefüttert hatte. So viel ist Adelson seine Antipathie für Romney wert. Wie lange noch, wird im Süden entschieden.