Kredit- und Anrufaffäre

Die Sternsinger und der Präsident

Christian Wulff blickt sogleich nach links, als er am Freitagvormittag vor das Schloss Bellevue tritt. Das Staatsoberhaupt begrüßt die 55 bunt gekleideten Kinder aus dem Bistum Essen, die meisten mit kleinen Kronen auf dem Kopf. Erst dann schaut er lange und eindringlich nach vorn, zu den mehr als 100 Journalisten die sich am Rand der Treppe drängen.

Eigentlich ist dies ein Routinetermin. Jedes Jahr, rund um den Dreikönigstag am 6. Januar, empfängt der Bundespräsident Sternsinger. Sie segnen den Amtssitz, singen Lieder und sammeln eine Spende für Kinder in Not. Dabei wird viel gelacht. Es ist ein schöner Termin für einen Bundespräsidenten, der für das gute Gewissen im Volk stehen soll.

Doch diesmal ist der Sternsinger-Empfang mehr als nur der erste offizielle Auftritt des Staatsoberhauptes im neuen Jahr. Seit Wochen steht Wulff in den Schlagzeilen. Zunächst, weil er mehrfach Fehler zugab, als es um einen Kredit von der Frau eines langjährigen Freundes ging. Zuletzt kam die Frage auf, ob er, das Staatsoberhaupt, anfangs auch die kritische Berichterstattung darüber womöglich habe unterdrücken wollen. Manche Politiker und Kommentatoren fordern Wulffs Rücktritt.

Doch der Bundespräsident will durchhalten. Vielleicht wird der Sternsinger-Empfang irgendwann als Beginn der zweiten Periode seiner ersten Amtszeit gesehen. Als die Zeit nach dem Skandal. Am Freitag jedenfalls fand sich Wulff in der Rolle des Bundespräsidenten wieder. Er hätte es wie seine Vorgänger halten und die Kinder mit netten und ein wenig unverbindlichen Dankesworten bedenken können. Aber er macht es anders. Er geht auf den Medienwirbel um seine Person ein. Alles habe seine zwei Seiten. Die positive sei heute, "dass das Wirken der Sternsinger endlich richtig gewürdigt werde". Viele Journalisten. Liveübertragung. Die Kinder singen.

Als der kleine König seine Zeichen an die Tür des Schlosses malt, sagt der Sternsinger neben ihm: "Christus mansionem benedicat. Das heißt: Christus segne dieses Haus, auch im Jahr 2012." Bundespräsident Wulff und seine Frau Bettina können es brauchen.

Unterdessen berichtete der "Focus", deutsche Modehäuser hätten Bettina Wulff mehrfach Designerkleidung zur Verfügung gestellt. Ein Teil sei gekauft oder gegen Gebühr geliehen worden. "Einige Kleider wurden kostenlos bereitgestellt", zitierte das Magazin Wulffs Anwalt, Gernot Lehr. Dies sei bei der Steuererklärung berücksichtigt worden.

Zudem halten VW-Investoren Wulff der "Wirtschaftswoche" zufolge vor, während der Übernahmeschlacht von Porsche und VW Pflichten verletzt zu haben. So habe er - als niedersächsischer Ministerpräsident Mitglied im VW-Aufsichtsrat - nicht verhindert, dass Anleger getäuscht worden seien. Die Investoren fordern knapp 1,8 Milliarden Schadensersatz.