Anschläge auf Christen

Wenn die Polizei Kirchen schützen muss

Die Bomben der Anschlagsserie in Nigeria explodierten mit einer unglaublichen Zerstörungskraft. Noch am Tag nach den Attentaten auf katholische Kirchen am ersten Weihnachtstag waren Sicherheitskräfte mit Aufräumarbeiten beschäftigt. In Madalla nahe der Hauptstadt Abuja standen Passanten fassungslos vor Knäueln aus Blech und Draht, die nur mit Mühe als Autowracks erkennbar waren.

Mindestens 40 Menschen starben durch die Detonationen. Zu der Tat hat sich die islamistische nigerianische Terrororganisation Boko Haram ("Westliche Bildung ist Sünde") bekannt.

Einsatzkräfte bargen allein aus der schwer beschädigten katholischen St.-Theresa-Kirche in Madalla 35 Tote, wie ein Sprecher des Katastrophenschutzes berichtete. Augenzeugen berichteten, dass eine Bombe nach dem Morgengottesdienst vor der Kirche explodiert war. Einige Familien hätten bereits in ihren Autos gesessen und seien verbrannt. Mehr als 50 Menschen wurden durch die Explosion verletzt.

Vier weitere Menschen fielen einem zweiten Anschlag auf eine Kirche in Gadaka in der nordöstlichen Provinz Jobe zum Opfer. Eine weitere Explosion ereignete sich nahe einer Kirche in der zentralnigerianischen Stadt Jos. Bei dem folgenden Feuergefecht wurde ein Polizist getötet, vier mutmaßliche Islamisten wurden festgenommen. Zudem stellten Soldaten mehrere Sprengsätze sicher, die in nahe gelegenen Gebäuden versteckt waren. In Jos war es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Gewalt zwischen Muslimen und Christen gekommen. Weitere Explosionen ereigneten sich in Gadaka und Damaturu, wo Sicherheitskräfte und Boko-Haram-Milizen sich seit Tagen schwere Gefechte liefern.

Opfer "absurder Gewalt"

Die Radikal-Islamisten von Boko Haram, die sich als "nigerianische Taliban" bezeichnen, wollten mit den Anschlägen angeblich Vergeltung für den Tod von Muslimen während des islamischen Freudenfestes Eid al-Fitr Anfang September üben.

Die Anschläge haben weltweit Empörung und Entsetzen hervorgerufen. Der Sprecher von US-Präsident Barack Obama, Jay Carney, betonte in einer Erklärung: "Wir verurteilen diese sinnlose Gewalt und diesen tragischen Verlust von Leben am Weihnachtstag." UN-Generalsekretär Ban sprach den Angehörigen der Opfer und dem nigerianischen Volk sein Beileid aus. Ban forderte erneut das Ende der religiös motivierten Gewalt in dem Land. Papst Benedikt XVI. drückte am Montag seine tiefe Trauer aus. "Auch in diesem Jahr haben Angriffe am Tag der Geburt Jesu Trauer und Schmerz in mehrere Kirchen Nigerias getragen", sagte das Kirchenoberhaupt in Rom. Er bat darum, für die Opfer der "absurden" Gewalt zu beten. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton reagierte in Brüssel ebenfalls schockiert auf die "terroristischen Anschläge".

Westerwelle forderte Freunde, Partner und Gleichgesinnte aus aller Welt auf, sich dem Übel von Terrorismus, Gewalt und Unterdrückung mit ganzer Kraft entgegenzustellen.

Kein "Randthema" mehr

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) kündigte zudem an, er werde UN-Generalsekretär Ban dazu auffordern, dass sich die UN-Vollversammlung mit dem Thema Christenverfolgung befasst. Dies sei "kein Randthema mehr". Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, kritisierte: "Zu keiner anderen Zeit sind Christen wegen ihres Glaubens so zahlreich verfolgt worden wie heute." Der Grünen-Politiker Volker Beck pflichtete Zollitsch bei: "Wegen wirtschaftlicher und politischer Interessen gibt es für eine Reihe von Staaten offensichtlich einen Rabatt bei Verletzungen der Religionsfreiheit." So wolle die Bundesregierung die Lieferung von 200 Panzern nach Saudi-Arabien genehmigen, obwohl dort auf brutalste Weise Menschenrechte verletzt würden. Erst in den vergangenen Tagen seien 42 Christen in Saudi-Arabien verhaftet worden.

Der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan sicherte zu, die Attentäter ihrer Strafe zuzuführen. Vier Verdächtige wurden festgenommen. Dennoch wurde Jonathan wegen seiner zögerlichen Reaktion im eigenen Land kritisiert.

Nigeria ist mit etwa 150 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Im Süden leben hauptsächlich Christen, im Norden Muslime. Polizeiminister Caleb Olubumi kündigte an, mehr Sicherheitskräfte vor den Kirchen im Land zu postieren. Nach den heftigen Gefechten zwischen Regierungstruppen und den Kämpfern von Boko Haram im Nordosten des Landes bleibt die Lage in Nigeria gespannt.

"Mögen die Hände der Gewalttäter innehalten, die Tod säen, und mögen auf der Welt Gerechtigkeit und Frieden herrschen"

Papst Benedikt XVI.

"Besonders verabscheuungswürdig ist es, dass sich die Anschläge gegen Menschen richteten, die sich friedlich an Weihnachten in ihren Gotteshäusern versammelt hatten"

Christian Wulff, Bundespräsident

"Das war ein Angriff auf diejenigen, die ihr Leben hingeben, um anderen zu helfen. Es gibt kein Ziel, das diese Taten rechtfertigt"

Ban Ki-moon, UN-Generalsekretär