Seelsorge

Den Pfarrer? Den bezahlen wir selbst

Ein Pfarrer kostet. Mehr als 60 000 Euro werden jährlich für das Gehalt eines evangelischen Geistlichen im Gemeindedienst fällig. Hätten die 22 Landeskirchen in Deutschland nicht pro Jahr gut vier Milliarden Euro an Kirchensteuereinnahmen, wüssten sie nicht, wie sie ihre rund 20 000 Pfarrer bezahlen sollten. Einige Gemeinden beginnen allerdings zu lernen, dass es auch ohne Kirchensteuern gehen könnte.

Etwa die evangelische Gemeinde Zum Heilsbronnen in Schöneberg. Diese formbewusst-konservative, dabei theologisch liberale und bürgerliche Gemeinde will durch Spenden die Voraussetzung dafür schaffen, dass an der traditionsreichen Kirche im Bayerischen Viertel auch noch nach 2013 garantiert ein Pfarrer tätig sein kann. Amtsinhaber Christian Hövermann wird dann pensioniert, und "es ist nicht gesichert, dass wir danach noch eine volle Stelle für zehn Jahre aus Kirchensteuermitteln werden bezahlen können", sagt der pensionierte Schöneberger Superintendent Wolfgang Barthen, der bis vor Kurzem noch am Heilsbronnen arbeitete und die Initiative "Pfarrer aus eigener Kraft" ins Leben gerufen hat. Mit bemerkenswertem Erfolg: 260 000 Euro an Spenden hat die Gemeinde mit ihren knapp 4000 Mitgliedern bereits gesammelt.

"Damit werden wir schon mal auf jeden Fall eine halbe Stelle für zehn Jahre finanzieren können", sagt Barthen. Der Zeitraum ist wichtig, weil in der evangelischen Kirche mittlerweile die Regel gilt, dass Pfarrer nur zehn Jahre lang in einer Gemeinde bleiben und dann die Stelle wechseln sollen. Für jene zehn Jahre will man am Heilbronnen von 2013 an gerüstet sein, wenn die Pfarrstelle zwar nicht notwendig entfallen muss, aber die Gemeinde möglicherweise nur noch so wenige Kirchensteuerzuweisungen hätte, dass sie eine ganze Stelle nur finanzieren könnte, wenn sie anderweitig kürzt. Etwa bei der Kirchenmusik oder der Altenarbeit. Dann lieber ein Pfarrer aus eigener Kraft.

Für eine ganze Stelle müsste die Gemeinde monatlich etwa 5000 Euro brutto - je nach Dienstalter und Gehaltsstufe der Pfarrerin oder des Pfarrers - aufbringen, wobei die Zahlungen für die Beihilfe sowie die in zehn Jahren anfallenden Pensionsrückstellungen wohl zum Teil noch aus Kirchensteuern kommen müssten. Doch geht es Barthen nicht darum, sich unabhängig von der Kirchensteuer zu machen, sondern um "ein Pilotprojekt, mit dem wir aus der Defensive kommen". In der Kirche, so sagt er, "deuten ganz viele Zeichen darauf hin, dass alles weniger wird, alles schrumpft. Und wenn wir aus der passiven Betrachtung dieses Niedergangs nicht rauskommen, dann betreiben wir selbst das Geschäft des Verschwindens." Und deshalb gibt er sich kämpferisch: "Wir müssen jetzt einen Grundstock der Selbsthilfe bilden. Denn wenn das Haus brennt, ist es zu spät."

"Die Leute ermuntern"

Daher betrachtet Barthen das Vorhaben auch nicht nur unter finanziellen Gesichtspunkten, sondern auch als Motivationsprojekt: "Es ist eine Form der Mission, wenn wir die Leute ermuntern können, dazu beizutragen, dass die Gemeinde attraktiv bleibt und attraktiver wird." Am liebsten sind Barthen daher die langfristigen Zusagen von Gemeindegliedern oder auch Berlinern aus anderen Stadtteilen, die sich bereit erklären, jeden Monat zehn Euro für die Pfarrstelle zu spenden. "Wenn das 500 Leute tun, haben wir das Geld zusammen, und gleichzeitig haben wir damit 500 Leute, die ein echtes und dauerhaftes Interesse am lebendigen Fortbestand der Gemeinde haben."

Zwar freut sich der ehemalige Superintendent natürlich auch über die 50 000 Euro, die dem Projekt unlängst völlig überraschend von einem eher gemeindefernen Mann aus Spandau nach dessen Tod vererbt wurden. "Aber es ist mindestens genauso gut, wenn eine Frau mir sagt, dass sie durch die monatlich zehn Euro wieder eine Bindung an die Gemeinde findet."

Hinzu kommen Einzelaktionen, etwa die einer Frau, die selbst gemachte Postkarten zugunsten des Projekts verkauft, sowie Einzelspenden, die in einem schönen alten Kollektenkasten gesammelt werden. Dieser Kasten, in der Gemeinde "Bundeslade" genannt, stand bis vor Kurzem noch ohne rechten Zweck im Eingangsbereich der neugotischen Kirche. Nun dient er dem Projekt "Pfarrer aus eigener Kraft".

Werden aber Spenden wichtiger, dann wird für die Christen die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde natürlich teurer. Das lässt sich an den Freikirchen erkennen, wo ja alles an freiwilligen Gaben hängt. Als Faustregel lässt sich sagen, dass deren Gemeindeglieder pro Person rund 30 Prozent mehr zahlen, als es die Mitglieder der evangelischen, katholischen und altkatholischen Kirche per Steuerabzug tun. Und viele Katholiken und Protestanten entrichten wegen eines geringen Einkommens gar keine Kirchensteuern.

Schon aus Sorge um höhere Belastungen denkt in den Leitungsgremien der 22 evangelischen Landeskirchen niemand daran, das für die Kirchen, ihre Mitglieder und den Staat billige Kirchensteuersystem grundsätzlich infrage zu stellen und Spendenmodelle als Zukunftsalternative zu propagieren. Spenden sollen der Erweiterung dienen und allenfalls entstehende Lücken schließen.

In der katholischen Kirche wird zwar neuerdings verstärkt über eine Emanzipation vom staatlichen Kirchensteuerreglement diskutiert, aber die Konsequenz aus der Emanzipation - die Eigenfinanzierung der Pfarrstellen - wird dort nicht erprobt. Das machen die Protestanten, bei denen es mittlerweile in mehreren Landeskirchen Einzelbeispiele gibt. Dort wird aber meist nur ein Teil eines Pfarrergehalts aus Gemeindegaben aufgebracht. In der Mehrheit handelt es sich um evangelikale Gemeinden. Fast überall aber gibt es mittlerweile Spendenaktionen für Gebäudesanierungen oder Orgelreparaturen.

An der Kirchenspitze ist man gegenüber Spenden-Pfarrstellen noch vorsichtig. Der theologische Vizepräsident des EKD-Kirchenamts, Thies Gundlach, lobt die Vollfinanzierung einer ganzen Pfarrstelle aus Spenden als "ein hohes ehrenamtliches Engagement, das man nur würdigen kann". Doch könne dies, sagt Gundlach der "Berliner Morgenpost", nur "einzelnen Gemeinden mit einem entsprechenden Umfeld gelingen". Denken lässt sich etwa an die Gemeinde der Berliner Gedächtniskirche, die eine zusätzliche Pfarrstelle nicht zuletzt deshalb finanzieren kann, weil sie auf ihrem Gelände am Kurfürstendamm hohe Mieteinnahmen etwa von den Verkaufsständen des Weihnachtsmarktes erzielt.

Und dann ist da noch der Faktor Ungleichheit. Gundlach möchte nicht, "dass durch solche Spendenmodelle Pfarrstellen entstehen, die viel besser dotiert sind als andere". Die Finanzierung durch Kirchensteuer müsse "die Regel sein", und an den Tarifen dieser Regel müsse "sich auch die Besoldung spendenfinanzierter Stellen orientieren".

Gleichwohl ist den Spitzengremien nur allzu bewusst, dass angesichts sinkender Mitgliederzahlen und absehbar zurückgehender Kirchensteuereinnahmen die Spendenfinanzierung wichtiger werden wird. Und noch ein Grund spricht dafür: Die Pfarrstellen können für Bewerber interessanter werden, wenn ein hohes Spendenaufkommen beweist, wie wichtig der Gemeinde ein Pfarrer ist. An solcher Aufwertung besteht durchaus Bedarf in der evangelischen Kirche, weil der Pfarrberuf derzeit nicht sonderlich attraktiv für den Nachwuchs ist.

Dramatischer Priestermangel

Dabei haben die Protestanten nicht solche Sorgen wie die Katholiken mit deren dramatischem Priestermangel, aber auch bei den Evangelischen ist die Lage nicht rosig: Die Zahl der angehenden Theologen ist kaum noch größer als die der frei werdenden Stellen, und die bevorstehenden Pensionierungswellen werden die evangelischen Landeskirchen mit der Frage konfrontieren, wie man denn den Pfarrberuf so anziehend machen kann, dass genügend junge Leute Theologie studieren.

Zur Lösung dieses Problems, sagt Gundlach, können Spendenmodelle beitragen, weil damit "Gemeinden die Möglichkeit haben, für eine besonders herausgehobene Tätigkeit auch ein wenig draufzulegen oder durch Spenden bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Insofern können solche Spendenmodelle auch Möglichkeiten bieten, die Attraktivität des Berufes zu steigern."

Das reine Gehalt spiele nur eine untergeordnete Rolle, sagt Gundlach. Wichtiger sei es "die großen Gestaltungsfreiräume, die Pfarrerinnen und Pfarrer ja haben, wieder deutlicher zu machen und gegebenenfalls zu erweitern durch zusätzliche Mitarbeitende oder moderne Kommunikationstechnik". Mit solcher Hilfe könnten sich Pfarrer "als Intendanten der Gemeinde erleben, die auf der Basis ihres akademischen Wissens die wichtigen Weichenstellungen vornehmen und je nach Begabung einzelne Arbeitsbereiche vertiefen", sagt Gundlach. "Dazu benötigen sie jedoch Entlastungen und Hilfen, zu denen solche Spendenmodelle ebenfalls beitragen können."

Was alles möglich ist, zeigt die evangelische Gemeinde am Lutherhaus im Jenaer Stadtteil Wenigenjena. Dort wird seit 2004 eine der beiden Pfarrstellen komplett aus Spenden finanziert, nach Landeskirchentarif inklusive Pensionsrückstellungen und Beihilfe für die Krankenversicherung. An freiwilligen Gaben kommt sogar so viel zusammen, dass Geld für Bürokräfte übrig ist, die sich eine Zweidrittelstelle teilen. Insgesamt 8000 Euro monatlich tragen durchschnittlich 200 Spender zusammen.

"Wir sehen das aber nicht als Hochleistungssport im Spendensammeln", sagt Jörg Gintrowski, der die freiwillig finanzierte Pfarrstelle in Jena innehat, während sein Kollege Andreas Möller aus Kirchensteuern bezahlt wird. "Das Geld ist wichtig", sagt Gintrowski, "aber nicht das Primäre. Am Anfang steht die Bereitschaft von Menschen, in der Gemeinde Verantwortung zu übernehmen." Das könne beim freiwilligen Engagement in der Konfirmandenarbeit oder beim Saubermachen im Gemeindehaus geschehen, sich aber auch in Spenden ausdrücken.

Missionarischer Gemeindeaufbau

Entsprechend begann die Jenaer Spendengeschichte in einer Zeit, da die Gemeinde nicht anders konnte, als selbst Verantwortung zu übernehmen. 1996/97 gab es dort keinen Pfarrer, die Gemeinde organisierte vieles selbst, rückte zusammen - und entwickelte Selbstbewusstsein. Beherzt entschied man sich, als 1998 eine erste Besetzung möglich wurde, für Andreas Möller, der bereits andernorts Erfahrungen damit gesammelt hatte, durch eine neue und offene Art der Verkündigung - "missionarischer Gemeindeaufbau" nennen es die Theologen - die Gemeinde attraktiv für Jüngere und Außenstehende zu machen und dabei die Eigeninitiative zu stärken.

Als dieses Prinzip dann so erfolgreich wurde, dass Möller die Arbeit nicht mehr allein bewältigen konnte, kam 2004 mit Gintrowski ein zweiter Pfarrer, der auf seiner durch den Förderverein finanzierten Stelle ebenfalls das Engagement möglichst vieler Christen zu wecken wusste. Wodurch auch die räumlichen Grenzen überschritten wurden: "Wir definieren uns nicht einfach durch die Zahl der Kirchenmitglieder auf dem Gemeindegebiet", sagt Gintrowski, "sondern sind offen dafür, dass zusätzlich zu diesen rund 2000 Menschen auch andere von außerhalb zu uns kommen."

Die Menschen finden am Lutherhaus eine intensive Kinder- und Jugendarbeit, es gibt Hauskreise von besonders interessierten Christen, aus Taufen werden zuweilen bewegende Events am Saale-Ufer, und allsonntäglich strömen rund 300 Menschen ins Lutherhaus. Schon aus Platzgründen finden drei Gottesdienste am Sonntag statt, davon abends ein "Aufwind-Gottesdienst" vor allem für Jüngere. "Eine Gemeinde ist so stark wie ihre Gottesdienstbesucher", sagt Gintrowski, der sich sicher ist, dass die Leistungsfähigkeit der Gemeinde in erster Linie aus Glaubenskraft erwächst.

"In den traditionellen Kirchenstrukturen ist solche Eigeninitiative eigentlich nicht vorgesehen", sagt Gintrowski, "aber wenn die Gemeinde aus Überzeugung will, ist vieles möglich, auch beim Geld." Wie viel möglich ist, erfuhr Gintrowski vor Weihnachten persönlich. Der verheiratete Vater von drei Kindern musste umziehen, weil er als Spendenpfarrer keine Dienstwohnung hat, sondern privat zur Miete wohnt.

In seiner alten Wohnung bekam Gintrowski eine Eigenbedarfskündigung und musste sich in Jena eine neue Bleibe suchen. "Beim Umzug haben mir ganz viele Leute aus der Gemeinde geholfen."

"Wenn das 500 Leute tun, haben wir das Geld zusammen und gleichzeitig 500 Leute, die ein Interesse am Fortbestand der Gemeinde haben"

Wolfgang Barthen, ehemaliger Superintendent und Organisator der Pfarrstellen-Spenden in Schöneberg

"Wenn die Gemeinde aus Überzeugung will, ist vieles möglich, auch beim Geld"

Jörg Gintrowski, spendenfinanzierter Pfarrer am Lutherhaus Jena