Václav Havel

Ein immer freier Mann

Vielleicht war es seine größte Stunde nach Ablauf der Amtszeit als Präsident: Am 20. Jahrestag der Samtenen Revolution betritt Václav Havel unter dem Jubel von Zehntausenden eine Bühne in der Prager Innenstadt und singt mit Joan Baez den unsterblichen Song "We Shall Overcome".

In diesem Moment liegen ihm die Prager, die Tschechen, die diese Bilder live im Fernsehen sehen, noch einmal zu Füßen. Da ist er wieder, der Mann, der Held, der sie befreit hat von der kommunistischen Totalität. Mit seinen Fingern formt er das Victory-Zeichen, ruft: "Ich bin immer mit euch!" Und die Prager rufen zurück: "Vasek, wir sind immer mit dir!" Havel lächelt wie immer etwas verlegen, aber auch verschmitzt. Eigentlich mag er solche Huldigungen nicht. Aber in diesem Augenblick hat er sie doch mehr genossen als erlitten.

Es sind diese Bilder, die seit Sonntagmittag auf allen Kanälen des tschechischen Fernsehens immer und immer wieder gezeigt werden. Fernsehen und Radio haben ihre Programme geändert, die Zeitungen füllen ihre Internetausgaben: Václav Havel, ihr "Vasek", ist nicht mehr. Der 75-Jährige starb in der Nacht zum Sonntag friedlich, im Schlaf. Auch wenn die Nachricht nicht unerwartet kam; sie hat die Tschechen bis ins Mark getroffen.

Seit Monaten ging es dem früheren tschechoslowakischen und tschechischen Präsidenten sehr schlecht. Lange litt er unter schweren Atemproblemen. Seine öffentlichen Auftritte wurden immer seltener. Vergangene Woche kam er von seinem Landhaus in Nordböhmen, wo die Luft besser ist als im Kessel der Moldau, noch einmal nach Prag, um einen seiner engsten politischen und persönlichen Freunde zu treffen, den Dalai Lama. Man sah ihm die Schwäche an. Und doch äußerte er sich noch einmal politisch, sorgte sich nach den Wahlen in Russland um den Zustand der Demokratie dort. Bis zuletzt blieb er sich so treu.

"Havel auf die Burg!"

Mit Václav Havel verliert das Nachbarvolk der Tschechen einen Mann, den es sehr verehrt, teilweise regelrecht angebetet hat, der dem Land großes internationales Renommee eingetragen hat. Und Europa und die Welt einen Politiker, wie es nur wenige gab und gibt.

Am 2. Februar 2003 endete die letzte seiner möglichen Amtszeiten, in denen er als Präsident gleich zwei Staaten vorstand, der Tschechoslowakei und nach der Teilung dann der späteren Tschechischen Republik. Eigentlich wollte er gar nicht Staatsoberhaupt werden, am Ende jener verrückten, alle Welt bezaubernden Tage der Samtenen Revolution 1989. "Olga ist auch dagegen", zitiert ihn seine Biografin Eda Kriseová. Havels erste Ehefrau habe gedroht, sie werde sich scheiden lassen. Und Olga selbst zur Biografin: "Das ist unmöglich, dass er Präsident wird. Du weißt doch auch, dass er sich nicht dafür eignet." Doch Václav und Olga hätten da schon nicht wirklich mehr Nein sagen können. "Havel na hrad!"- Havel auf die Burg! - skandierten Zigtausende auf dem Prager Wenzelsplatz und hätten ihn notfalls auch auf ihren Schultern ins Amt getragen.

Man kann auf verschiedene Art Bilanz der Jahre mit Havel ziehen. Eine lässt sich allein über Bilder malen, die im kollektiven Gedächtnis seiner Landsleute bleiben werden: Havel, wie er als Dissident aus einem verqualmten Hinterzimmer seines Theaters "Laterna magica" heraus den politischen Umsturz leitet und Abend für Abend von einem Balkon über dem Wenzelsplatz symbolisch das Ende des kommunistischen Regimes einläutet. Havel, wie er als frisch gewählter, von einer wahnsinnigen Aufgabenfülle gehetzter Präsident, die keine Zeit zum Kauf von Maßanzügen lässt, in deutlich zu kurzen Beinkleidern durch die Lande eilt. Jener Havel, der im fernen Australien ein Empfangskomitee auf dem Flughafen ignoriert, um mit den Rolling Stones, seiner Lieblingsband, zu plaudern, die er zufällig auf dem Rollfeld trifft. Der Havel, der im Juli 1992, als klar wird, dass der gemeinsame Staat mit den Slowaken nicht mehr zu halten ist, Journalisten aus einem Burgfenster "Auf Wiedersehen in besseren Zeiten!" zuruft. Oder der Havel, der auf dem ersten Nato-Gipfel in einem früheren Ostblockland bescheiden und wie immer etwas verlegen Ehrungen und Ovationen der Großen dieser Welt für sein politisches Lebenswerk entgegennimmt.

Sein politisches Comeback nach dem Zerfall der Föderation mit den Slowaken wurde überschattet, als die im Volk hochverehrte Olga Havlová an Krebs starb. Später, das erste Mal selbst knapp dem Tod entronnen, fand Havel in der Schauspielerin Dagmar "Dasa" Veskrnová eine neue Liebe. Viele mochten die hübsche Frau als Theater- oder Leinwandstar; als First Lady hielten sie sie für untragbar. Den erforderlichen Lebensmut in gesundheitlich schweren Tagen bezog Havel dennoch vor allem von Dasa.

Seine Landsleute werden sich vor allem an Havels Reden erinnern, die sich bis zuletzt ganz anders anhörten als Reden "normaler" Politiker. Wenn der Präsident seinen Landsleuten ihre "schlechten Eigenschaften" vorhielt, von "nationaler Gehässigkeit", "Rassismus", "Demagogie", "Intrigantentum" oder "Mangel an Toleranz, an Geschmack, Sinn für Maß und Bedachtsamkeit" sprach, fühlten sie sich missverstanden und beleidigt. Bis heute fällt es der tschechischen Gesellschaft nicht leicht, den eigenen Anblick im moralischen Spiegel zu ertragen.

Von den Bühnen im Land verbannt

Doch Havel ging es nie darum, die Menschen in der Art eines Oberlehrers anzuklagen, weil sie sich - wie er sagte - plötzlich in mancher Hinsicht schlechter verhielten als in der Zeit der Unfreiheit. Der geborene Anti-Schwejk Havel wollte sie vielmehr aufrütteln, sie an die Tugenden erinnern, die sie im Glückstaumel der Revolution so einzigartig bewiesen hatten.

Havel appellierte gern an die Menschen, ein "grundsätzliches Gefühl der Mitverantwortung für den Zustand der Welt" zu entwickeln. Ein Versuch, seinen Landsleuten sein eigenes Gefühl nahezubringen, das ihn zeitlebens bewegte und ihn spätestens in den 60er-Jahren zwangsläufig in Konflikt zum damaligen Regime geraten ließ. Ein Regime, das ihn allein schon wegen seiner bürgerlichen Herkunft ewig benachteiligt, ihn später als Mitinitiator der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 verfolgt, mehrfach, insgesamt fast fünf Jahre eingekerkert und den Dramatiker von den Bühnen im eigenen Land verbannt hatte. "Lehren wir uns selbst und andere, dass Politik auch die Kunst des Unmöglichen sein kann, sich selbst und die Welt besser zu machen", hatte Havel sein Credo in seiner ersten Neujahrsansprache in Worte gefasst. Anstand, Vernunft, Verantwortung, Aufrichtigkeit, Kultur und Toleranz seien nur auf eine einzige Weise durchsetzbar: anständig, vernünftig, verantwortlich, aufrichtig, kultiviert und tolerant. Sätze, die die Tschechen aus Politikermund zuvor so nie gehört hatten und die man auch im Ausland begierig aufnahm. So wurde Havel zu einer der großen, unverwechselbaren, weitsichtigen Gestalten auf dem politischen Weltparkett.

Havel hatte jedoch auch keinen Mangel an harten politischen Widersachern. Legendär sind vor allem die Auseinandersetzungen mit Václav Klaus gewesen, die von völlig unterschiedlichen Politikmodellen herrührten. Auch Havel selbst war nie unfehlbar, muss sich vor allem anrechnen lassen, dass er im Konflikt mit den Slowaken stellenweise naiv und unüberlegt gehandelt hat. Völlig überfordert hat er anfangs sein Volk auch mit seinem Wort vom "unmoralischen Unrecht" der Nachkriegsvertreibung. Später, auch wegen des mangelnden Echos in Deutschland, hat er dies etwas korrigiert und wechselte zur traditionellen tschechischen Position, wonach das Übel der Vertreibung nur eine traurige Folge des Übels gewesen sei, das dem vorausgegangen war. Trotzdem gebührt Havel das Verdienst, die Aussöhnung mit den Deutschen wie auch die innertschechische Debatte über eigenes geschichtliches Versagen wie kein anderer angestoßen zu haben. Als Havel aus dem Amt schied, hinterließ er eine vertrauenswürdige und respektierte Demokratie. Tschechien war da auf dem Weg, zu einem ganz "normalen" Land zu werden, das den Zauber der Revolutionszeit lange hinter sich gelassen hat.

"Europa ist ärmer geworden, wir alle sind es"

Hans-Dietrich Genscher, Ex-Außenminister

"Er hatte den Mut, die Vision und die Hingabe, für eine bessere Zukunft seines Landes zu kämpfen"

Anders Fogh Rasmussen, Nato-Generalsekretär

"Wie Millionen rund um die Welt, bin ich von seinen Worten und seiner Führungskraft inspiriert worden"

Barack Obama, US-Präsident

"Er war ein Symbol des modernen tschechischen Staates. Durch ihn ist Tschechien zu einem Teil der Gemeinschaft freier und demokratischer Länder geworden"

Václav Klaus, tschechischer Staatschef

"Er war ein großer Kämpfer für die Freiheit der Nationen und die Demokratie"

Lech Walesa, polnischer Friedensnobelpreisträger