Irak

Befreit und alleingelassen

Rahman ist ein attraktiver Mann von 24 Jahren. Er ist groß, durchtrainiert, trägt eng anliegende schwarze Jeans und ein schwarzes Hemd. Die kurzen Haare lässt er mit Gel nach oben stehen. Seine Schuhe laufen spitz zu - das ist gerade modern bei den männlichen Jugendlichen in Bagdad.

Als Rahman Computertechnologie studierte, lernte er ein Mädchen kennen und lieben. Zwei Jahre lang dauerte die Beziehung. "Als ich sie heiraten wollte, haben ihre Eltern abgelehnt", sagt er mit gesenktem Kopf. Jetzt sei sie mit ihrem Cousin verlobt worden. Warum die Eltern die Verbindung ihrer Tochter mit ihm nicht wollten? "Weil ich aus Sadr City bin - und eine Waffe trage."

Rahman wohnt in einem der berüchtigtsten Viertel in der irakischen Hauptstadt und übt einen der wohl gefährlichsten Jobs der Welt aus: Er ist in dieser überwiegend schiitischen Enklave, in der drei Millionen Menschen leben, Polizist. "Das ist mit das Schlimmste, was dir passieren kann", sagt er lachend mit einer gewissen Selbstironie. "Da lernst du schnell, was Leben bedeutet." Tatsächlich kann er es jeden Moment verlieren, so wie zwei seiner Kollegen vor ein paar Tagen. Seit der Einnahme Bagdads durch amerikanische Truppen am 9. April 2003, der Auflösung der irakischen Sicherheitskräfte und der Neustrukturierung von Armee und Polizei sind nach Angaben des irakischen Innenministeriums mehr als 12 000 Polizisten, 4500 US-Soldaten und knapp 5000 irakische Armeeangehörige getötet worden.

Ein Polizist im Irak ist primäres Anschlagsziel aller bewaffneten Gruppen im Zweistromland. Irakische Polizisten werden von Scharfschützen gezielt erschossen, fallen Bombenanschlägen zum Opfer, müssen Sprengsätze unter ihren Dienstfahrzeugen und am Straßenrand ebenso fürchten wie Selbstmordattentäter und "friendly fire" der US-Truppen. Das gesamte Instrumentarium des Terrors richtet sich gegen die Ordnungshüter. Ob irakische Widerständler, die Milizen oder eine der gezählten 28 Terrororganisationen, die zeitweise im Irak operierten und von denen al-Qaida nur eine, wenn auch die bekannteste ist: Alle betrachten Polizisten als Feinde.

Der Job ist schwierig und gefährlich

Öffentlich will sich Rahman nicht mit Ausländern in seinem Viertel zeigen, bei der Arbeit lässt er sich nicht begleiten. "Das ist zu gefährlich! Für beide Seiten." Der Hass auf die nun abziehende amerikanische Besatzungsmacht ist vor allem in Sadr City omnipräsent. Zu Hause aber bei Tee und "Kletsche", dem typisch irakischen mit Datteln oder Pistazien gefüllten Gebäck, ist Rahman etwas offener. Seine Uniform hängt an der Schranktür, blau und braun gesprenkelt. Auf den Schulterklappen prangt ein Stern: Leutnant. Der dritthöchste von neun Dienstgraden bei der irakischen Polizei. Schon als Kind habe er von diesem Beruf geträumt. "Mein Vater wollte nicht, dass ich Polizist werde", sagt Rahman und nimmt sich eine kleine Teetasse, die seine verschleierte Mutter auf dem Tablett hereinbringt. "Ich bin heimlich zur Polizeiakademie gegangen und habe mich beworben." Drei Jahre habe das Studium gedauert. Meistens hatte Rahman amerikanische Ausbilder, aber es waren auch deutsche darunter. Im Sommer 2008 machte er seinen Abschluss.

Der Job seines Sohnes sei schwierig und gefährlich, begründet Rahmans Vater Mohammed seine anfängliche Ablehnung.

Inzwischen ist er stolz auf seinen Sohn, die Stellen seien trotz der permanenten Gefahr begehrt, sagt der Vater. Sie sind gut bezahlt. Einfache Polizisten oder Soldaten verdienen mindestens 900 000 irakische Dinar (knapp 600 Euro) monatlich, Offiziere je nach Dienstgrad bis zu neun Millionen Dinar (knapp 6000 Euro). Bei einer offiziellen Arbeitslosigkeit von etwa 20 Prozent gibt es nicht viele Alternativen. So hat fast jede Familie in Bagdad mindestens ein Mitglied bei der Polizei oder der Armee.

Wenn der junge Polizeioffizier Rahman morgens um sechs Uhr aufsteht und die Falah-Straße quer durch Sadr City zu seinem Kontrollpunkt fährt, fragt er sich oft, wann er wohl endlich hier wegziehen kann. Raus aus Sadr City, an den Stadtrand, wo es schöne Häuser und grüne Gärten gibt. In Sadr City lebt fast die Hälfte der sieben Millionen Einwohner Bagdads. Manche nennen es den größten Slum des Irak. Herr über die Stadt in der Stadt ist Muktada al-Sadr. Er ist der Sohn des von Saddam Husseins Schergen 1999 ermordeten, beliebten schiitischen Großayatollahs Mohamed Sadiq al-Sadr, des Namensgebers des Viertels. Die Anhänger Muktadas regeln alles: die Leitung der drei Krankenhäuser, die Verteilung von Gasflaschen, die Administration, die Sicherheit. "Alle Polizisten hier kommen aus Sadr City", sagt Rahman. Das habe Vor- und Nachteile. Dem Ruf der Unabhängigkeit diene es allerdings nicht. Die Polizei im Irak gilt als Klientelbehörde. "Ich würde die Polizisten regelmäßig auswechseln", sagt Rahman. Bei der Armee sei das so. Daher hätten Soldaten einen besseren Ruf im Irak als Polizisten. Doch die Soldaten zeigten keinen Respekt für die Rechte der Bürger. Die Rivalität zwischen Polizei und Armee sei groß. "Die Armee hasst die Polizei", sagt Rahman.

"Wir brauchen noch mehr Training"

Der amerikanische Generalinspekteur für den Wiederaufbau des Irak hält den Aufbau und die Ausbildung der Polizei für ein "Fass ohne Boden", ohne klaren Fokus und ohne ausreichende Unterstützung seitens des irakischen Innenministeriums. So zumindest steht es in einem Papier, das im Hinblick auf den Abzug aller US-Truppen bis zum Jahresende erarbeitet wurde. Der Bericht attestiert der irakischen Polizei einen katastrophalen Zustand. So sollen seit 2003 zwar 5,8 Milliarden Euro für die Rekrutierung, Ausrüstung und Ausbildung von Polizisten bereitgestellt worden sein, doch seien nur zwölf Prozent der Mittel in die Beratung, Strukturierung und Entwicklung des Polizeiapparats geflossen. Das meiste Geld sei für Fahrzeuge, Hubschrauber, Sicherheitsausrüstung und Bewaffnung ausgegeben worden.

Der Bericht des US-Stabs kritisiert scharf das Außenministerium in Washington, in dessen Zuständigkeit die Polizeiausbildung im Irak fällt. So sei die Zusammenarbeit mit dem für die Polizei zuständigen Bagdader Innenministerium äußerst mangelhaft. Es fehle an Zielvorgaben und Durchführungsvorschriften. Der stellvertretende Innenminister habe daher die Amerikaner aufgefordert, "das Geld lieber für soziale Zwecke in den USA auszugeben".

Der Bericht kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Anschläge haben in der Abzugsphase der westlichen Truppen wieder zugenommen. Von den ehemals bis zu 170 000 US-Soldaten sind nur noch 4000 im Irak. Auch sie sollen bis zum Jahresende das Land verlassen haben. Fünf Militärbasen müssen noch übergeben werden. Das entstandene Vakuum im Sicherheitsbereich wird von terroristischen Gruppen ausgenutzt.

Auch Sadr City ist davon betroffen. Zum Ende des Fastenmonats Ramadan wurden bei einem Doppelanschlag auf dem Hauptmarktplatz mehr als 70 Menschen getötet. "Ich fühle mich nirgends sicher", gibt Rahman zu, "überall ist es noch gefährlich." Obwohl die Zahl der Anschläge seit den schlimmen Terrorjahren 2006/07 drastisch nach unten ging, gehören sie noch immer zum Alltag in Bagdad. Doch die irakische Regierung bleibt bei ihrer Haltung, die Amerikaner müssten wie vertraglich vereinbart abziehen. "Der Irak wird dann vollständig souverän sein", kündigte Premierminister Nuri al-Maliki an. Den Abzug begrüßt auch Schiitenführer Muktada al-Sadr, dessen Miliz jahrelang Terrorattacken gegen die "Besatzer" ausführte: "Die Amerikaner müssen gehen!" Etwas kleinlaut schob er nun nach, angesichts zunehmender Probleme im Umgang mit den in den USA gekauften modernen Waffen sei es vielleicht doch ratsam, nach dem Abzug im nächsten Jahr wieder militärische Berater zu akzeptieren. "Wir sind noch nicht bereit", sagt auch Rahman, "wir brauchen noch mehr Training." Aber das dürfe man nicht laut sagen. Schon gar nicht in Sadr City.