Berliner Spaziergang

"Ich habe einfach zu viel Energie"

Sie will jetzt erst Mal nach Australien reisen. "Distanz schaffen, um in Ruhe trainieren zu können", sagt sie. Das klingt skurril. Birgit Fischer wohnt in Bollmannsruh, das ist ein Ortsteil des abgelegenen, ruhigen Dorfes Päwesin, rund 20 Kilometer von der Stadt Brandenburg entfernt. Und ihr Haus wiederum steht am Rande von Bollmannsruh.

Fast jeder, der zum ersten Mal zu ihr kommt, verpasst die Abzweigung zu ihrem Grundstück. Es ist eine Art Feldweg. Ihr Haus steht ganz vorn an einem lang gezogenen Garten, ans andere Ende grenzt der Beetzsee.

Auf diesem See hat sie Tausende Stunden in ihrem Kajak trainiert. Birgit Fischer ist die erfolgreichste deutsche Olympionikin der Sportgeschichte. Aber sie ist auch die Ungewöhnlichste. In einer Zeit, in der die 25-jährige Biathletin Magdalena Neuner ihren baldigen Rücktritt erklärt und alle das auch ganz okay finden, will die 50 Jahre alte Birgit Fischer nach mehrjähriger Unterbrechung mit dem Hochleistungssport wieder beginnen. Angedacht ist ein Start im nächsten Jahr bei den Olympischen Spielen in London. Und wenn Birgit Fischer antritt, will sie auch gewinnen. Viele schütteln angesichts dieser Pläne den Kopf. Andere sagen: Wenn es eine in diesem Alter schaffen kann, dann Birgit Fischer.

In Australien will sie sich nun "die nötige Power" holen für die deutschen Ausscheidungskämpfe im Frühjahr nächsten Jahres. In wenigen Tagen soll es losgehen. Aber vieles ist noch zu erledigen. Birgit Fischer wirkt angespannt, als wir pünktlich vor der Tür stehen, irgendwie auch gehetzt. Sie habe schnell noch die Unterlagen für die Steuererklärung vorbereiten wollen, erklärt sie. Dann müsse auch noch das Haus, in dem sie nach dem Auszug der erwachsenen Kinder allein wohnt, winterfest gemacht werden. Und die Koffer sind auch noch nicht gepackt. "Das schiebt sich jetzt alles zusammen", sagt sie. "In den letzten sechs Wochen habe ich auch gar nicht mehr trainieren können."

Eine erfolgreiche Karriere

Wir suchen jetzt erst einmal einen Standort für das Foto. Es ist zwar sonnig, aber kalt und windig. Der Beetzsee schimmert bleigrau und lässt uns unsere Idee, Birgit Fischer im Kanu zu begleiten und dort auch zu fotografieren, schnell vergessen. Also nichts mit dem Sonntagsspaziergang auf dem Wasser. Wir gehen in Richtung eines wenige Hundert Meter entfernten Hotels, wo es einen Steg gibt und vielleicht ein Motiv für den Fotografen. Birgit Fischer wirkt sofort lockerer, als sie sich bewegen kann - weg von diesem Haus, wo in den wenigen verbleibenden Tagen vor der Abreise noch so viel Arbeit auf sie wartet. Sie ist schlank, wirkt durchtrainiert, läuft geschmeidig. Eine Sportlerin eben, denke ich. Es sei ja eine ideale Gegend zum Joggen hier, stelle ich fest. Sie schüttelt den Kopf. Sagt: "Theoretisch ja, aber in meinem Fall ..." Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: "Ich bin ja eher ein Nicht-Sportler. Ich bin noch nie morgens aufgewacht und habe den Wunsch verspürt, jetzt sofort zu trainieren. Joggen oder so etwas. Das ist nicht mein Ding. Dafür muss ich mich schon sehr motivieren."

Das passt nicht in mein Bild von der Sportlerin. Der Name Birgit Fischer ist ja fast schon Synonym für ein sportliches Leben und eine erfolgreiche Sportkarriere. Da gab es die Eltern, die beide als ehrenamtliche Übungsleiter in der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Stahl Brandenburg, Sektion Kanu, tätig waren. Da war ihr älterer Bruder Frank, vierfacher Weltmeister im Kanurennsport. Und auch Birgit, wird erzählt, hatte schon als kleines Kind eine quasi angeborene Affinität zum Wasser. Ein Beleg dafür ist diese lebensbedrohliche Situation bei einem Urlaub in Plau am See. Sie war drei Jahre alt, konnte noch nicht schwimmen. "Mein Vater wollte mit Freunden angeln fahren, und ich wollte unbedingt mit", erinnert sich Birgit Fischer. Als das Boot ohne sie ablegte, sprang sie vom Steg aus einfach hinterher. "Sie wollten mich natürlich retten, waren aber schon zu weit weg." Aber es ging auch so. Sie strampelte und merkte, dass sie sich über Wasser halten konnte. Gepaddelt hatte sie schon ein Jahr zuvor. In einem Gummiboot, mit zwei Stöckchen, um den Bauch einen Schwimmring. "Ich war immer eine Wasserratte", sagt sie.

Mit sechs Jahren wurde auch Birgit Fischer Mitglied der BSG Stahl Brandenburg. Sie hatte großes Talent, "ein unglaubliches Wassergefühl", sagen Experten auch heute noch. 1979, da war sie 17, gewann sie den ersten Weltmeistertitel. Ein Jahr später holte sie bei den Olympischen Spielen in Moskau im Einer-Kajak über 500 Meter zum ersten Mal Gold und war jüngste Kanu-Olympiasiegerin aller Zeiten. In den Jahren danach errang sie sieben weitere olympische Goldmedaillen und gewann noch 26 Mal bei Weltmeisterschaften. Das reichte für einen Eintrag im "Guinnessbuch der Rekorde". Keine andere Sportlerin war über einen so langen Zeitraum derart erfolgreich in einer olympischen Sportart.

Es hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit noch mehr Olympiasiege sein können, wäre nicht der Boykott der Sommerspiele in Los Angeles dazwischengekommen. "Da war ich ungeschlagen und auf dem Höhepunkt meiner sportlichen Leistungsfähigkeit", sagt Birgit Fischer. Vermutlich seien ihr so "zwei weitere Goldmedaillen durch die Lappen gegangen". Sie stellt das sachlich fest. Ohne Bedauern. Mit einem Blick, als wolle sie sagen: Es ist eben, wie es ist. Und es geht immer weiter. Aber so, wie sie es will.

Auf Fotos wirkt Birgit Fischer oft ein wenig verträumt. Ich hatte eine Frau erwartet, die eher zurückhaltend ist, abwartend. Doch Birgit Fischer strotzt geradezu vor Selbstbewusstsein. Sie hat sich für unseren Besuch auch nicht extra umgezogen, sondern offenbar bis zur letzten Minute in ihrem Haus gearbeitet. Und sie streicht sich auch nur mal kurz das Haar zurück, kein kurzer prüfender Blick in einen Spiegel, bevor sie auf dem Steg fotografiert wird.

Sehr wichtig, das wird bei unserem Gespräch immer wieder deutlich, ist ihr Selbstständigkeit. Sie erzählt von ihrer Sportfirma Kanufisch, die sie 2004 gründete. Den durchaus lukrativen Job als Bundestrainerin habe sie nur zwei Jahre ertragen können, weil ihr "da zu viel vorgeschrieben wurde". Und sie beschreibt ihre schier unbändige Kraft. "Wenn ich wach bin, springe ich regelrecht aus dem Bett. Ich habe einfach zu viel Energie." Aber sie könne ja auch in anderen Wettkämpfen siegen, schlage ich vor. Auch im Kanusport gebe es doch Turniere mit Altersbegrenzung. Wie beim Tennis: Ü 45, Ü 50. "Das weiß ich", erwidert sie in ihrer unnachahmlichen selbstsicheren Art. "Aber es interessiert mich nicht. Ich will mich mit den Besten messen, nicht mit den Alten."

Birgit Fischer war mal mit einem Kanusportler verheiratet, er ist auch der Vater ihrer beiden Kinder. Später war ein Cheftrainer ihr Lebensgefährte. Derzeit, so scheint es, ist sie Single. Als ich mich vergewissere, ob sie den Ausbau des Hauses wirklich ganz allein durchgeführt hat, so sei es in Medien jedenfalls berichtet worden, schaut sie mich lange an. Es ist klar, was ich wissen möchte. Und sie gibt dann auch eine unmissverständliche Antwort: "Ich bin gern allein. Ich bin wirklich sehr gern allein. Weil ich mich auch mit mir selbst beschäftigen kann, was ja viele nicht mehr können."

Und offenbar typisch für sie ist auch die prosaische Lagerung ihrer Medaillen, Urkunden, Pokale und Trikots. Ihr Haus würde durchaus Platz bieten für einen eigens dafür eingerichteten Raum. Doch es gibt ihn nicht. Einiges sei bei Bekannten eingelagert, sagt sie. Anderes habe sie vor Kurzem zugunsten von SOS Kinderdorf versteigern lassen. Und die kostbaren Olympia-Medaillen liegen fernab vom Haus in Bollmannsruh in einem Safe.

Es gibt auch andere Athletinnen, die bei Olympia unglaublich viele Medaillen gewonnen haben. Die ukrainische Kunstturnerin Larissa Latynina errang sogar neun Mal Gold. Doch bei ihr war es eine beständige Karriere, die von 1956 bis 1964 über drei Olympische Spiele führte. Bei Birgit Fischer dagegen gab es immer wieder Neuanfänge. 1989, ihre Tochter Ulla wurde geboren, trat sie als Leistungssportlerin zum ersten Mal zurück. Drei Jahre später folgte das erste Comeback. Die Olympischen Spiele in Barcelona lockten. Birgit Fischer holte Gold und Silber.

Den zweiten Neubeginn, in den Medien als "Sensation", "unglaubliche Rückkehr" und "Comeback des Jahres" gefeiert, gab es 2003. Birgit Fischer hatte drei Jahre zuvor ihren nunmehr endgültigen Abschied vom Leistungssport verkündet und "mit aller Konsequenz pausiert".

Damals war sie acht Jahre jünger als heute. Als sie wieder zu trainieren begann, schaffte sie kaum zwei Klimmzüge und hatte große Probleme beim Joggen. "Nach fünf Minuten musste ich schon das erste Mal Gehschritte einlegen", schreibt sie in ihrem Buch ,Mein Weg zum Gold - In 303 Tagen zum olympischen Triumph'. "Ich versuchte dann wieder, einige Minuten zu laufen, um dann wieder zu gehen. Mein Gott, war ich schlecht drauf! Die Luft war knapp, und die Oberschenkel taten weh. Mir kamen ernsthaft Zweifel, ob ich mit 42 wirklich noch einmal Olympia aktiv im Kajak erleben könnte."

Hall of Fame

Sie konnte. Sie holte 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen Gold und Silber, wurde im gleichen Jahr in Deutschland zur Sportlerin des Jahres gewählt und avancierte 2008 zum Mitglied der Hall of Fame des deutschen Sports - neben Legenden wie Max Schmeling, Franz Beckenbauer und Steffi Graf. Da waren Gerüchte, dass Birgit Fischer bei den Olympischen Sommerspielen in Peking noch einmal antreten könnte, längst ad acta gelegt. Doch Birgit Fischer ist auch hier ein Novum - sie ist bislang das einzige Mitglied der Hall of Fame, das zum aktiven Sport zurückkehrte. Ganz unvermittelt. Nur Verwandte und enge Freunde hätten von ihren Gedanken an ein neuerliches Comeback gewusst, sagt sie. "Seit zwei Jahren habe ich das Gefühl, noch nicht am Ende gewesen zu sein. Ich will wissen, was ich noch kann. Ich habe mir immer wieder gesagt: Du hattest noch nicht die große Niederlage, und warst auch noch nicht am Ende deiner Leistungsfähigkeit."

Der letzte Anstoß, erinnert sie sich, sei bei einer Bootsfahrt gekommen. Sie beleitete als Chefin ihrer Firma Kanufisch eine Männergruppe. "Die waren äußerst fit", sagt sie. "Ich musste schon ins Rennboot steigen, um mithalten zu können. Und ich dachte: Geil, das geht ja noch, das geht ja noch richtig vorwärts."

Sie habe bei diesem dritten Comeback jedoch "bewusst auf eine große Ankündigung verzichtet", sagt sie. Aber verschweigen konnte sie es auch nicht. Denn Voraussetzung für einen Start bei den Olympischen Spielen ist die fristgemäße Anmeldung bei der Nationalen AntidopingAgentur Nada. "Das geht nur über den Verband. Ich habe denen also eine E-Mail geschickt, mit dem Hinweis, das doch bitte vertraulich zu behandeln." Sie lächelt. "Die E-Mail ist am Vormittag rausgegangen, und nachmittags haben mich schon die ersten angerufen. Zunächst Freunde und Bekannte, ein paar Tage später auch die ersten Journalisten."

Birgit Fischer weiß, dass sie mit ihrem Vorhaben, mit 50 Jahren noch einmal in die Leistungsspitze zurückkehren zu wollen, alles auf den Kopf stellt. Sie hat keinen Trainer, keine Trainingsgruppe, keinen eigens für sie gefertigten Trainingsplan, keinen Manager, und sie ernährt sich ohne irgendwelche wissenschaftlichen Vorgaben: "Ich esse, was mir guttut und trinke abends gern auch mal ein Gläschen Wein." Es gibt diesmal auch keine Sponsoren: "Das wollte ich keinem zumuten, und das hätte mich auch zu sehr unter Druck gebracht", sagt sie. Aber es gebe schon Freunde, die ihr geholfen hätten - "bei dem Bau des neuen Kajaks und den Ausgaben für einen Leihwagen in Australien. Die möchten nicht genannt werden. Aber ich weiß, die glauben an mich."

Sie selbst will sich da nicht festlegen. "Ich bin nicht sicher, ob ich es noch mal schaffe", sagt sie. "Aber wenn ich die Gewissheit habe, komm Mädel, das isses jetzt nicht mehr, du bist einfach nicht mehr gut genug, dann ist es auch gut. Dann finde ich einen Abschluss. Egal, was passiert, es wird mich glücklich machen."