Tag der Menschenrechte

Hoffen auf Menschlichkeit

| Lesedauer: 12 Minuten

Auf den ersten Blick wirkt er einschüchternd. Breite Schultern, Goldketten an Hals und Armgelenken, dazu kurzes schwarzes Haar und ein starker Bartwuchs, der sich trotz Rasur wie ein Schatten über Kinn und Wangen legt. Er spricht mit leiser Stimme.

Hooman, 34 Jahre alt, geboren in Teheran, Iran, ist ein Flüchtling. Nervös reibt er sich die Hände. Er sitzt in einem Café in Kreuzberg, die vergangenen zwölf Jahre war Berlin seine neue Heimat, Teheran ist mehr als 3500 Kilometer entfernt. Aber die Erinnerungen sind immer da.

Mit zwei jüngeren Schwestern und zusammen mit Tanten und Onkeln wuchs er in einem großen Haus auf. Der Vater arbeitete als Beamter in der Hafenbehörde, die Mutter als Krankenschwester. "Wir waren nie reich, aber wir hatten alles, was wir brauchten", sagt Hooman. Er fährt sich mit der kräftigen Hand über die Augen. Als einziger Sohn und auch, weil er nierenkrank war, sei er "ziemlich verhätschelt" worden. Als Jugendlicher wollte er nicht mehr der Schwache sein, nahm Boxunterricht, machte Bodybuilding.

Je älter und selbstbewusster er wurde, desto mehr Ärger handelte er sich ein. "Alle hatten damals Angst vor den Hisbollahis", erinnert er sich. Männer aus dem Viertel, Anhänger des Ayatollahs. Zivilisten mit Waffen, die sich selbst als Aufpasser der "Islamischen Revolution" verstanden und die Nachbarschaft schikanierten. "Das waren Islamisten, die lange Bärte und weite Kleider trugen, daran erkannte man sie sofort. Die kamen mit Autos oder Motorrädern und hielten einen einfach auf der Straße an." Hooman wollte keinen Bart und keine langen Kleider, er rasierte sich, trug westliche Kleidung, am liebsten Jeans und T-Shirts von Rockbands. Die Männer fragten also: Warum rasierst du dich? Warum trägst du die Kleidung der Ungläubigen? Was tust du in dieser Gegend? "Meine Eltern hatten dauernd Angst um mich."

Seine Freunde und er seien oft verhaftet worden. Irgendwann brachten sie ihn fast jeden Tag in ihr Hauptquartier, verbanden ihm die Augen, fesselten seine Hände auf den Rücken. Peitschten ihn aus. "Manchmal haben sie uns tagelang festgehalten. Wegen nichts! Ich war nie kriminell!" Seine Hände zittern, als er das sagt. Er spielt nervös an seinem goldenen Armkettchen. Peitschenhiebe vergisst man nicht.

Das Leben in Hoomans Heimat ist seit Jahrzehnten durch Gewalt geprägt, der Iran stand und steht wegen der Missachtung der UN-Menschenrechte immer wieder in der Kritik. 1979, als Hooman zwei Jahre alt war, endete die Herrschaft des Schahs. Ayatollah Khomeini trieb die sogenannte Islamische Revolution voran und unterdrückte oppositionelle politische Kräfte und Nicht-Muslime. Seit seinem Tod 1989 ist sein früherer Schüler, Ayatollah Chamenei, Nachfolger. Mit der Wahl von Mohammed Chatami 1997 bestand kurz die Hoffnung auf eine Besserung der Lage, die sich jedoch nicht bewahrheitete. Reformversuche wurden vom Wächterrat blockiert, die Bürgerbeteiligung bei nachfolgenden Wahlen sank auf ein Minimum.

Seit 2005 ist Mahmud Ahmadinedschad Präsident des Iran, ein Ultrakonservativer, der sein Land zunehmend isoliert. Schon bei seiner ersten Wahl wurde Manipulation vermutet, bei öffentlichen Kundgebungen gab es nach dem Eingreifen von Sicherheitskräften Tote und Verletzte. Das Wahlergebnis von 2009 löste monatelange Proteste aus, infolgedessen wieder Demonstranten starben und Oppositionelle verhaftet wurden.

Einer, der in Unfreiheit aufwuchs

Hoomans Geschichte ist die eines Jungen, der in Unfreiheit aufwuchs. Der ganz normale Wünsche und Träume hatte. Der zu Rockkonzerten gehen, später einmal heiraten, der lernen, eine Ausbildung machen, arbeiten und ein Haus kaufen wollte. Es ist die Geschichte eines Menschen, der keine Chance hatte.

Wie in jedem Jahr wird auch an diesem 10. Dezember an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vor 63 Jahren erinnert. Denn nach wie vor werden im Iran, laut Amnesty International aber auch in China, Darfur, Myanmar, Mexiko, Guantánamo und mitten in Europa - bei der Flüchtlingsabwehr in Italien und Spanien - die Menschenrechte verletzt.

Hooman beschloss vor 14 Jahren, das Land, in dem seine Rechte missachtet wurden, zu verlassen. Ein Freund war nach einem misslungenen Fluchtversuch im Gefängnis erhängt worden. Ein anderer sei eine Woche lang verschwunden gewesen, dann fanden sie ihn, neben einer Autobahn, tot. Hooman sagt, er selbst sei nie besonders politisch gewesen. Er verteilte Flugblätter für die Opposition, "weil man das eben so machte, Hauptsache, gegen die Regierung". Ein Kamerad wurde bei einer der Aktionen festgenommen. Hooman hörte nie wieder etwas von ihm.

Sechs Monate Flucht

Eines Tages hätten zwei große Limousinen vor Hoomans Elternhaus gehalten, erzählt er. Männer fragten nach ihm, behaupteten, er sei der Kopf einer Jugendbande. Als sie ein weiteres Mal kamen, floh der damals 20-Jährige durch ein Fenster über die Nachbardächer. Wochenlang habe er täglich seinen Unterschlupf gewechselt, zwischendurch überlegt, sich zu stellen, "ich hatte ja nichts getan". Aber seine Eltern seien dagegen gewesen. "Sie sagten: Hooman, das sind keine vernünftigen Menschen, mit denen kannst du nicht reden. Du musst weit weg, in Sicherheit."

Er habe nach Deutschland gewollt, in Hamburg lebt ein Onkel. "Ich wusste nicht einmal, wo Deutschland liegt, wie weit weg das ist. Im Iran sind die Türen geschlossen, es ist nicht gewünscht, dass es Kontakte zum Rest der Welt gibt." Er hatte keinen Reisepass, nach ihm wurde gefahndet - er musste es also illegal schaffen. Seine Reise dauerte sechs Monate.

Von Teheran fuhr er mit öffentlichen Verkehrsmitteln und per Anhalter in den Nordwesten des Landes. Den letzten Rest bis zur türkischen Grenze ging er zu Fuß. Irgendwie schaffte er es bis an die Ägäis. Anfangs hatte er noch Geld, seine Eltern hatten ihm ihre Ersparnisse mitgegeben. Er übernachtete in billigen Hotels und machte jeden Tag so viele Kilometer wie möglich. Mehr als 2400 hatte er hinter sich, als er im Küstenort Izmir ankam.

Hooman verlor das Gefühl für Zeit und Entfernungen. Vielleicht auch für den Ernst der Lage. In der Türkei kaufte er Geschenke für seinen Onkel. Er lernte Männer kennen, die versprachen, ihn nach Griechenland zu schmuggeln. Er bezahlte viel Geld, nachts bestieg er ein Boot, in dem Platz für vielleicht acht Menschen war. Außer ihm und dem Fahrer waren 50 irakische Kurden an Bord. 52 Menschen. Als sie Hoomans Sporttasche mit den Geschenken sahen, verspotteten sie ihn: Hey, du bist kein Tourist, schmeiß das weg! Aber Hooman wollte sich nicht trennen. Er hatte schon so viel zurückgelassen.

10 000 Exil-Iraner in Berlin

Jedes Jahr schaffen es Tausende, aus dem Iran zu fliehen. Die meisten Exil-Iraner leben in den USA, mittlerweile sollen es dort mehr als 1,3 Millionen sein. In Deutschland leben laut dem Berliner Verein Iranischer Flüchtlinge etwa 120 000, allein in Berlin 10 000. Und es werden immer mehr. 2009 sind dem Verein zufolge 1100 Iraner nach Deutschland geflohen, 2010 waren es mit 2475 schon mehr als doppelt so viele und allein bis Ende Oktober 2011 wurden 2666 neue iranische Flüchtlinge gezählt.

Gründe für diese Entwicklung seien die Verletzung der Menschenrechte, die problematische politische Lage für Oppositionelle und die schwierige Situation für Frauen. Die Menschenrechtssituation habe sich in den letzten Jahren unter Ahmadinedschad weiter zugespitzt, sagt Vereinsgeschäftsführer Hamid Nowzari. Die Verfolgten seien nicht unbedingt politisch engagierte Menschen. "Einfache Leute werden wegen ihrer Kleidung, Hobbys oder weil sie eine Party feiern schikaniert, verhaftet, misshandelt." Die meisten Flüchtlinge seien zwischen 20 und 40 Jahre alt. "Die Lage ist dramatisch."

Das Meer war unruhig, das Boot zu schwer, das Wasser stand beinahe kniehoch. Auch Rettungswesten waren zu wenige da, das Boot hüpfte auf den Wellen hoch und runter. Hooman dachte an seine Eltern. Er hatte Todesangst. Nach mehreren Stunden stoppten plötzlich die Motoren. Der Fahrer kletterte auf das Begleitboot und ließ die Flüchtlinge allein. "Sie meinten zu uns: Seht ihr die Lichter da hinten? Da müsst ihr hin." Bunte Diskolichter, bald ahnte man im Dunkeln den Strand, junge Menschen, Musik, Bars. Ein Ferienort.

Die Polizei kam. Hooman blieb, wie befohlen, neben seiner Tasche im Sand sitzen, die Hände in Handschellen. In der Morgendämmerung sah er das blaue Meer, Palmen, feinen weißen Sand. "Es war wunderschön. Jemand meinte, wir wären auf Kos, Griechenland." Die anderen sagten ihm, er solle sich auch als irakischer Kurde ausgeben. Schließlich wisse jeder, dass Saddam Hussein in seinem Land die Kurden verfolgt und tötet, niemand werde ihn zurückschicken. "Ich nannte also einen kurdischen Namen und bekam ein Ticket nach Athen." Von Athen aus schaffte er es nach Italien, von Italien nach Frankreich, von Frankreich nach Deutschland. Er wurde oft erwischt. Mehrmals schmuggelte er sich in einen Schiffscontainer, drinnen war es heiß und stickig, "wie in der Sauna". Mitflüchtlinge starben während der Überfahrt, eine Frau entband ihr Kind im Container. Ein anderes Mal sah er einen Mann sterben, der sich unter einen Lkw gehängt hatte und stürzte. Die Zeit zwischen den Fluchtversuchen verbrachte Hooman mit anderen Illegalen. Sie lebten am Strand oder im Wald, bereiteten ihr Essen auf Campingkochern, schliefen auf Pappe. "Ich konnte das nicht", sagt er, "so leben, ich bin verrückt geworden." Irgendwann war er in Karlsruhe. Ungefähr 10 000 Dollar kostete ihn die Flucht, rechnet Hooman vor.

In Karlsruhe wurde er von seinem Onkel abgeholt. Zusammen fuhren sie mit dem Auto nach Hamburg, direkt zur Polizei. Der Onkel sagte: Das ist mein Neffe, er kann nicht nach Hause zurück und wohnt jetzt bei mir. Die Polizei sperrte Hooman ein. Am nächsten Morgen sagte man ihm, er solle sich bei der Ausländerbehörde melden. Dort bekam er ein Bahnticket nach Berlin. Flüchtlinge, deren Status ungeklärt ist, werden erst mal auf das ganze Land verteilt. Es spielt keine Rolle, ob jemand Verwandte irgendwo hat, bei denen er wohnen könnte. Für Hooman war Platz in einem Wohnheim in Berlin.

Es war das Jahr 1998, Hooman war 21 Jahre alt. Hooman erinnert sich: "Plötzlich gab es regelmäßig Essen, ich hatte ein Dach über dem Kopf und war in Sicherheit. Ich habe 80 Mark im Monat bekommen und Gutscheine, mit denen ich einkaufen konnte." Er lernte Deutsch, konnte sich bald gut ausdrücken. "Es war gut, nicht mehr in Gefahr zu sein, wirklich", sagt Hooman. Sein größtes Problem war jetzt die Langeweile, denn arbeiten gehen durfte er als Flüchtling nicht.

Vor sechs Jahren lernte er seine jetzige Frau Julia kennen, eine Deutsche. Die beiden heirateten Ende vergangenen Jahres, er zog zu ihr nach Hamburg. Im Februar erwarten sie ihr erstes Kind. Hooman telefoniert regelmäßig mit seiner Familie in Iran, immerhin. Er sagt: "Ich bin glücklich." Doch eine Frage stelle er sich immer wieder: "Wie wäre mein Leben jetzt, wenn ich in Deutschland geboren wäre?"

"Einfache Leute werden wegen ihrer Kleidung, ihrer Hobbys oder weil sie eine Party feiern schikaniert, verhaftet, misshandelt"

Hamid Nowzari, Geschäftsführer des Vereins Iranischer Flüchtlinge in Berlin