Mumia Abu-Jamal

Leben lassen

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Ansgar Graw

Er nannte sich die "Stimme der Stummen". Damals, in den 70er-Jahren, als er für Radiosender arbeitete und die Diskriminierung der Schwarzen in den USA aus der radikalen Perspektive der Black-Panther-Bewegung kritisierte. Doch wirklichen Einfluss auf die öffentliche Meinung bekam Mumia Abu-Jamal erst nach einem Polizistenmord, für den er 1982 zum Tode verurteilt wurde.

Der Afroamerikaner, der trotz etlicher Beweise immer seine Unschuld beteuerte, wurde zu einem Wahrzeichen nationaler wie internationaler Bewegungen gegen die Todesstrafe. Weltweite Appelle, auf die Hinrichtung zu verzichten, und die unermüdlichen juristischen Schritte, die Abu-Jamal unternahm, hatten jetzt Erfolg. Fast auf den Tag genau 30 Jahre nach den tödlichen Schüssen auf den Polizisten Daniel Faulkner erklärte die Staatsanwaltschaft, sie verzichte auf die Exekution des 1954 als Wesley Cook geborenen Mannes.

Der heute 57-jährige Abu-Jamal habe "nicht länger die Todesstrafe zu erwarten, aber er bleibt für den Rest seines Lebens hinter Gittern, und da gehört er auch hin", verkündete Seth Williams, der erste schwarze Distriktstaatsanwalt von Philadelphia. Das Drängen auf eine Exekution würde den Fall für eine "unbestimmte Zahl von Jahren" offenhalten. Auch die Witwe Faulkners, die jahrzehntelang auf die Hinrichtung Abu-Jamals gewartet hatte, stimmte dem Erlass zu. Williams machte aber klar, er habe "nie irgendeinen Zweifel" daran gehabt. "dass Mumia Abu-Jamal den Beamten Faulkner niederschoss und tötete". Das Todesurteil sei daher richtig gewesen.

Ikone des Antiamerikanismus

Ganze Generationen von Studenten an den Universitäten weltweit wurden mit dem Konterfei des bärtigen Abu-Jamal konfrontiert. Flugblätter, T-Shirts und Kaffeetassen machten den Mann mit den charakteristischen Reggae-Zöpfen zu einer Ikone des subtilen Antiamerikanismus. Die US-Justiz sei rassistisch, und Schwarze bekämen keinen fairen Prozess. Die "Free Mumia"-Bewegung, der sich weltweit Gegner der Todesstrafe anschlossen, machte sich für den Verurteilten stark. Selbst aus Hollywood bekam Abu-Jamal Unterstützung. Schauspieler Mike Farrell und Tim Robbins unterzeichneten eine Anzeige in der "New York Times", in der ein Berufungsverfahren verlangt wurde. Die Beastie Boys spielten ein Benefizkonzert und sammelten Geld für die Verteidigung. Abu-Jamal dürfte der einzige verurteilte Mörder sein, der Ehrenbürger von 25 Städten wurde, darunter Paris, Montreal und Kopenhagen, und zum Namensgeber für Straßen und Plätze. Menschenrechtler und linke Gruppierungen nahmen sich seiner an und erhoben ihn dabei zu einer Lichtgestalt im Kampf gegen ein unterdrückendes System. Mit Artikeln und Radiobeiträgen, die Abu-Jamal im Gefängnis verfasste, befeuerte der Politaktivist seinerseits die Debatte über die Todesstrafe in den USA.

Am 9. Dezember 1981 hatte Faulkner morgens gegen vier Uhr in einer heruntergekommenen Gegend Philadelphias ein unbeleuchtetes Auto mit derangiertem Kennzeichen gestoppt. Abu-Jamal, der neben seiner journalistischen Tätigkeit als Taxifahrer arbeitete, beobachtete die Szene vom Straßenrand aus seinem Wagen. Als er erkannte, dass am Steuer des gestoppten Autos sein Bruder saß und Faulkner ihn festnehmen wollte, lief er nach den damaligen Ermittlungen über die Straße und schoss mit seinem Revolver auf Faulkner. Der Beamte erwiderte das Feuer, traf Abu-Jamal einmal und wurde dann durch Schüsse in Kopf und Brust getötet. Abu-Jamal sank am Bordstein zusammen. Sein Revolver lag wenige Meter entfernt.

Drei Zeugen, ein Taxifahrer, eine Prostituierte und ein Passant, identifizierten Abu-Jamal als Täter. Ein Gutachten bestätigte, dass die Kugeln in Faulkners Körper zu Abu-Jamals registrierter Waffe passten.

Der Beschuldigte leugnete die Tat. Abu-Jamal trat vor Gericht rüpelhaft auf und bekam das Recht abgesprochen, sich selbst zu verteidigen. Er bezichtigte den Pflichtverteidiger mangelnder strafrechtlicher Kenntnisse und der Zusammenarbeit mit der Anklage. Nach seiner Darstellung war Abu-Jamal zu dem Auto geeilt und ohne jede Veranlassung von dem Polizisten angeschossen worden.

Ein Zeuge berichtete vor Gericht von einem unbekannten Mann, der vom Tatort fortgelaufen sei. Abu-Jamals Anhänger vermuten in dieser Person den wahren Mörder. Er habe, so ihre Theorie, in dem Auto des wegen Drogendelikten bereits mit dem Gesetz in Konflikt geratenen Bruders von Abu-Jamal gesessen und auf den Polizisten gefeuert. Die kriminaltechnische Untersuchung der Munition bezeichnen sie als fehlerhaft. Aussagen von Polizisten, Abu-Jamal habe sich im Krankenhaus zufrieden geäußert, dass er den "Motherfucker" Faulkner niedergeschossen habe, wurden von Medizinern in Zweifel gezogen. Abu-Jamal sei nicht in der Verfassung gewesen, sich zu äußern.

"Unschuldig im Sinne der Anklage"

Andere Zeugen wichen später von ihren ursprünglichen Belastungsaussagen ab. 18 Jahre nach der Tat behauptete gar ein wenig glaubhafter Mann, er habe Faulkner zusammen mit einem Komplizen im Auftrag der Mafia ermordet. Die Prostituierte, die Abu-Jamal belastet hatte, soll einer späteren Zellengenossin gesagt haben, sie habe aus Angst vor der Polizei Abu-Jamal als Täter identifiziert.

Während des Prozesses hatte der Angeklagte vergeblich gefordert, die Zeugen einem längeren Kreuzverhör zu unterziehen. Auch die zwölfköpfige Jury, der in einer Stadt mit einer zu 44 Prozent schwarzen Bevölkerung nur drei Afroamerikaner angehörten, lehnte Abu-Jamal ab. "Macht es einen Unterschied, ob ein weißer Mann des Mordes an einem schwarzen Mann oder ein schwarzer Mann des Mordes an einem weißen Mann angeklagt wird?", fragte rhetorisch der in der Bürgerrechtsbewegung sozialisierte und mit dem Maoismus sympathisierende Abu-Jamal in einer schriftlichen Erklärung und fügt an: "Ich bin unschuldig im Sinne der Anklage." Die wachsende Sympathisantenbewegung Abu-Jamals forderte immer wieder, den Fall erneut zu verhandeln. Der Supreme Court der USA lehnte eine Neuaufnahme jedoch ab. Der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates Pennsylvania kam nach einer Anhörung zu dem Ergebnis, das Urteil sei korrekt ergangen.

Akzeptanz der Todesstrafe nimmt ab

Dennoch fällt der Verzicht auf die Exekution von Abu-Jamal in eine Zeit, in der die Akzeptanz der Todesstrafe in den USA abnimmt. 43 Hinrichtungen wurden 2011 in nur noch zwölf der 50 US-Bundesstaaten ausgeführt, hauptsächlich im Süden des Landes. In den 90er-Jahren gab es etwa doppelt so viele Exekutionen und dreimal mehr Todesurteile als heute.

Eine Kommission in Kalifornien kam 2008 zu dem Ergebnis, dass Todesstrafen entgegen landläufiger Meinung teurer seien als lebenslange Haft. Pro Jahr müsse der Staat für seine Gefangenen in den Todeszellen 137 Millionen Dollar ausgeben, weil die juristischen Verfahrenswege und Einspruchsmöglichkeiten lang und aufwendig sind. Für alle Lebenslänglichen fielen hingegen lediglich 11,5 Millionen Dollar im Jahr an.

16 Bundesstaaten haben die Todesstrafe bereits förmlich abgeschafft. Kalifornien, Maryland, Connecticut und Oregon könnten sich bereits im kommenden Jahr hinzugesellen. "Staat für Staat gibt es eine Erosion der Unterstützung für die Todesstrafe", sagt Richard Dieter vom US-Informationszentrum zur Todesstrafe.

Erst vor wenigen Tagen erklärte der Gouverneur von Oregon, John Kitzhaber, zumindest während seiner Amtszeit werde es keine Hinrichtungen mehr geben. Er sei, so sagte der demokratische Politiker, zu dem Schluss gekommen, "dass wir moralisch im Unrecht sind".