Afghanistan-Konferenz

Ist die Zukunft Afghanistans die Vergangenheit?

Es ist keines der reichen Viertel von Kabul. Die steil an einem Berghang gelegene Straße besteht aus festgetretenem Sand. Hier wohnt Halima. Die 55-jährige Frau mit dem weißen Kopftuch und munteren, klaren Augen möchte ihren Familiennamen lieber nicht nennen und auch nicht die Gegend, in der sie wohnt. Die Taliban könnten herausfinden, wo ihr Haus steht.

Da ist noch eine Rechnung offen. Denn Halima ist die Schwester des früheren afghanischen Präsidenten Mohammed Nadschibullah. Sie erinnert sich noch gut an den Tag, an dem ihr Bruder getötet und seine blutüberströmte Leiche an einer Ampel am Ariana-Platz im Zentrum Kabuls aufgehängt wurde. "Es war schrecklich, das zu erleben", sagt sie.

Nadschibullah, Mitglied der Kommunistischen Partei Afghanistans, war 1987 Staatschef des Landes geworden - noch während der sowjetischen Besatzung. Doch Moskau bereitete schon den Abzug seiner Truppen vor. Alle Friedensinitiativen Nadschibullahs in den Folgejahren. Als die Taliban die Hauptstadt Kabul im Frühjahr 1992 einnahmen, war sein Schicksal besiegelt. "Mein Bruder wollte nicht fliehen", sagt Halima. "Er meinte, die Taliban seien doch Paschtunen wie wir und würden ihn darum verschonen."

Auch nach fast 20 Jahren hat Halima noch Angst. Afghanen verzeihen nicht leicht, das weiß sie. Sie will sich auf keinen Fall fotografieren lassen. Die Nachbarn wissen nichts über ihre Familiengeschichte, obwohl Halima seit 15 Jahren in dem bescheidenen Haus wohnt. Dass ihr Bruder einmal mit verhassten Ausländern kollaborierte, ist auch heute nicht vergessen. Das Land stößt Eroberer ab, wie Öl das Wasser. Armeen kamen und gingen, Alexander der Große, Dschingis Khan, die Briten und die Sowjets. Sie alle haben Blut und Tränen zwischen den graubraunen, unbezwingbaren Bergen hinterlassen. Geblieben ist keiner.

Halima hat auf ihrem Kinn drei kleine schwarze Punkte eintätowiert, eine Tradition im Süden Afghanistans, aus dem sie stammt. Dort wo sie herkomme, gebe es eben nicht viel zu tun, sagt sie und lacht. Doch zurück will sie nicht. "In Kabul ist die Sicherheit gut", sagt Halima. Aber in den Provinzen sind die Gotteskämpfer zurück. Sie bedrohen Afghanen, die mit Ausländern zusammenarbeiten. Auch in Kabul seien viele Taliban auf der Straße. "Niemand nimmt sie fest", sagt Halima. Halima ist nicht die Einzige, die klagt. Was besser geworden ist in Afghanistan, scheint fragil - zumal im Angesicht des Abzuges der Isaf-Truppen 2014. "Als die Amerikaner kamen, hatten die Leute große Hoffnungen", sagt Prinz Ali Seradsch, ein Neffe des früheren afghanischen Königs Amanullah. Doch in den letzten zehn Jahren hätten sich die Dinge zum Schlechteren entwickelt. "Es gibt mehr Armut, mehr Hunger, Ungerechtigkeit und Instabilität", klagt der stämmige, hochgewachsene Mann mit dem gepflegten, dunklen Bart. Seradsch ist ein direkter Nachfahre von neun Generationen von Königen. Sein altes Haus im Qala-Fatullah-Viertel in Kabul ist ein kleines Museum der Landeskunde: Veduten von Kabul, Stiche britischer Feldzüge, Familienporträts. Sein Onkel modernisierte das Land in den 20er-Jahren radikal, bis der Widerstand gegen seinen pro-westlichen Kurs zu seinem Sturz führte. 1978 floh Seradsch mit seiner Familie aus Afghanistan in die USA. Erst 23 Jahre später kehrte er in seine Heimat zurück.

Die Nato-Truppen brauchten 2001 - nach dem 11. September, den al-Qaida von Afghanistan aus geplant hatte - nur Wochen, um die Herrschaft der Taliban zu beseitigen. In der Zeit danach seien grundsätzliche Fehler gemacht worden, findet Seradsch. Die Bonn-Konferenz 2001, deren zehnter Jahrestag mit dem diesjährigen Gipfel in der gleichen Stadt begangen wird, habe Afghanistan ein System übergestülpt, das nicht zu dem Land passe. "Sie haben versucht ein Quadrat in einen Kreis zu zwängen." Die Stämme seien das Fundament des Landes. Der Westen habe diese Tatsache ignoriert und ein Afghanistan aufbauen wollen, das westlichen Modellen entspricht. "Man hat ein Dach gebaut, auf imaginären Wänden ohne die Basis zu kennen". Diese Fehler hätten den Raum geschaffen, den die Taliban nun für ihr Comeback nutzten.

Ali Seradsch klagt auch über die wirtschaftliche Situation des Landes, das immer noch am Tropf der internationalen Gemeinschaft hängt. Mehr als 90 Prozent des nicht einmal 13 Milliarden Euro umfassenden Staatshaushaltes kommt nach Angaben der Weltbank von ausländischen Geldgebern. Das Land könne wirtschaftlich zusammenbrechen, wenn die Nato 2014 ihre Truppen abzieht. "Sie haben nichts getan", so kritisiert Seradsch die westlichen Staaten. "Vor 30 Jahre hatten wir eine Textilindustrie, wir haben Baumwolle und Zucker exportiert."

Aber Sharif Faiz ist immer noch in Kabul. "Als ich zurückkam, war ich sehr optimistisch. Den meisten von uns ging es so", erzählt Faiz. Der 65-Jährige kann vom Fenster seines kleinen Büros auf den ausgebombten Königspalast an der Darulaman-Straße blicken, den der Onkel von Prinz Ali Seradsch einst von einem deutschen Architekten bauen ließ. Faiz war der erste Bildungsminister im neuen Afghanistan. Er gründete auch die Amerikanische Universität Afghanistans, die heute 900 Studenten hat. Noch heute ist Faiz der "spiritus rector" der modernen Hochschule und hier steht auch sein Schreibtisch noch. Eigentlich wollte der Englisch-Professor von der Universität Arizona gar nicht in seine Heimat zurückkehren. Er hatte sich nach 15 Jahren an das Leben in den USA gewöhnt. Kurz nach der Bonn-Konferenz 2001, tauchte plötzlich in der britischen BBC sein Name auf - als Minister im Kabinett von Präsident Hamid Karsai. Er sei selbst am meisten überrascht gewesen, erzählt Faiz. Faiz nahm den Posten an. Die Schwierigkeiten hätten 2004 angefangen. Da hätten sich die ersten Mullahs bei Präsident Hamid Karsai über ihn beschwert, weil er ihnen zu säkular war. "Sie haben nicht verstanden, was höhere Bildung ist. Wissen ist global, weltlich, weil Wissen universal ist", sagt der Ex-Minister. Karsai habe ihn fallen lassen. Echte Reformen habe er gar nicht gewollt. "Korruption ist inzwischen das System und es steuert die Regierung", sagt Faiz.

Nach seiner Zeit als Minister widmet er sich weiter seiner Uni. Er sei stolz auf das, was er erreicht habe. Auf dem hübschen Campus wachsen Rosen und Sonnenblumen. Die Computerräume und die Bibliothek sind gut ausgestattet. Junge Männer und Frauen sitzen in den Vorlesungen. Doch der Unterhalt der Universität sei "sehr teuer", sagt Faiz sorgenvoll. Und sie ist ein potenzielles Anschlagsziel für die Taliban. Hohe Mauern umgeben das Gelände, Wachen kontrollieren den Eingang. Allein für die Sicherheit des Campus gibt die Verwaltung eine Million US-Dollar im Jahr aus. "Ehrlich gesagt, wir können unsere eigenen Angelegenheiten nicht allein lösen", sagt Faiz. "Wir brauchen die Hilfe der internationalen Gemeinschaft".

"Sie haben versucht ein Quadrat in einen Kreis zu zwängen."

Prinz Ali Seradsch, Neffe des früheren afghanischen Königs Amanullah