Militär

Fest ohne Familie

Jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen rennt Ronja zu dem großen Kalender, der in ihrem Zimmer hängt. Aber nicht, wie die anderen Kinder aus ihrer Grundschulklasse, um ein neues Törchen zu öffnen - sondern um einen Tag wegzustreichen. Mit einem großen schwarzen Filzstift malt das zehnjährige Mädchen ein "X" über jedes neue Datum. 15 Tage hat sie schon hinter sich.

107 Kreuze muss sie noch machen, bis Papa aus Afghanistan wiederkommt. "Wir müssen jetzt stark sein", sagt Kristine Radtke* zu Ronja und ihrer Zwillingsschwester Alissa. Die 38-jährige Mutter und ihre beiden Töchter teilen das Schicksal vieler Berliner Soldatenfamilien, deren Vater gerade im Ausland stationiert ist - und Weihnachten nicht zu Hause sein wird. Peter Radtke hat am 20. November seinen Einsatz in Masar-i-Scharif angetreten. Vier Monate wird er insgesamt dort bleiben.

"Für meine Töchter ist das eine harte Zeit", sagt Kristine Radtke. Obwohl es nicht das erste Mal ist, dass der Vater mehrere Monate lang nicht heimkommt. Drei Mal war der Hauptfeldwebel schon in Afghanistan. "Aber so richtig gewöhnt man sich nie an diese langen Einsätze."

Auf Heiligabend freuen sich Ronja und Alissa denn auch nur mäßig. "Das wird bestimmt komisch", sagen die Mädchen. Wenn die Verbindung funktioniert, wollen sie ihren Vater mit dem Internettelefondienst Skype anrufen, dann können sie ihn über eine Webcam auch sehen. Aber wo ihr Vater genau ist, können sie sich nicht vorstellen. Nur, dass es dort sehr staubig ist, hat er ihnen erzählt. Schon jetzt haben sie ihm ein Paket geschickt: viel Schokolade und einen Miniatur-Weihnachtsbaum aus der Dose - "damit er es auch ein bisschen festlich hat." Sie selbst werden zusammen mit Mutter, Oma und Opa feiern. "Meine Eltern sind eine wichtige Stütze", sagt Kristine Radtke, die als Justizangestellte bei der Staatsanwaltschaft Berlin arbeitet. "Ohne sie hätte ich viele Einsätze meines Mannes nicht überstanden."

Hilfe von den Großeltern

2003 musste ihr Mann zum ersten Mal nach Afghanistan. Damals waren die Kinder erst zwei Jahre alt und gingen noch nicht in die Kita. "Meine Mutter hat mir geholfen, den Alltag zu bewältigen. Das war eine stressige Zeit", erinnert sich Kristine Radtke. "Inzwischen sind wir Frauen ein eingespieltes Team." Viel leichter sei es mit der Zeit jedoch nicht geworden. Denn damals waren die Mädchen noch zu klein, um die Abwesenheit ihres Vaters zu realisieren. "Spätere Einsätze haben sie nicht so gut weggesteckt."

Besonders schwierig war es 2009, als der Vater für fünf Monate nach Faisabad ging. "Ronja", erzählt die Mutter, "hat versucht, das alles von sich fernzuhalten." Wenn ihr Vater anrief, versteckte sie sich in ihrem Zimmer. Wenn die Mutter sie ans Telefon holen wollte, hielt sie sich die Ohren zu. "Jedes Mal wenn wieder ein Einsatz bevorsteht, mache ich mir Gedanken, wie meine Töchter damit umgehen"

"Es gibt immer mal wieder Situationen, in denen die Ungewissheit darüber, wie es ihm geht, unerträglich wird", erzählt Kristine Radtke. An eine erinnert sie sich heute noch genau. "Ich war gerade auf dem Weg zu der Hochzeit meiner besten Freundin, als meine Mutter mich völlig aufgeregt anrief." Das war im Juni 2003. Ein Selbstmordattentäter sprengte in Kabul einen Isaf-Bus in die Luft. Vier Soldaten starben. "Sie hatte Bilder von dem Attentat im Fernsehen gesehen und fürchtete, mein Mann könne dabei gewesen sein." Radtke rief sofort in der Kaserne an. Dort versuchte man sie zu beruhigen, konnte aber keine genaue Auskunft geben. Erst Stunden später kam der erlösende Anruf: Ihr Mann war nicht in dem Bus.

Nach diesem Erlebnis bat Kristine Radtke ihren Mann, sich nicht mehr für Auslandseinsätze zu melden. "Aber er ist mit Leib und Seele Soldat. Er hat nur gesagt: Das ist mein Beruf, und ich muss das machen." Auch von dem jetzigen Einsatz hat er sich nicht abbringen lassen. Aber bevor er nach Masar-i-Scharif aufgebrochen ist, hat er seiner Familie etwas versprochen: Es wird das letzte Mal sein.

* Name von der Redaktion geändert