Berliner Spaziergang

Der Bürgermeister mit der Nummer 11

Mit Sven Felski am Sportforum in Hohenschönhausen unterwegs zu sein, das ist ein bisschen so, wie es mit Gott im Himmel sein muss. Jeder kennt ihn. Jeder glaubt daran, dass er für immer hier sein wird.

Jeder, der ihn anspricht, tut das mit Ehrfurcht. Und eigentlich ist die Vorstellung auch ganz schön, dass Gott auf die Frage, ob er einen im Himmel herumführen könne, antworten würde: "Wat soll ick dir hier denn zeigen?" Das jedenfalls sagt Sven Felski (37), wenn man ihn bittet, dem Besucher das Sportforumsgelände zu zeigen. Aber man muss das verstehen: Er ist seit 33 Jahren hier, fast jeden Tag. Wer so lange irgendwo lebt, der findet sein Zuhause nicht mehr besonders aufregend. Egal, ob Himmel oder Hohenschönhausen.

In der Vorhalle des Wellblechpalasts, in dem die Profis der Eisbären Berlin heute früh trainiert haben, schmeckt die Luft nach Schweiß. Drinnen dreht ein Mann auf einer Eispflegemaschine einsam seine Runden.

Sven Felski, rötlich-brauner Dreitagebart, die Haare struppig gegelt, Hände in den Jackentaschen, geht vor. Draußen ist es windstill, was seltsam ist, weil oben am Himmel die Wolken über den eisbärentrikotblauen Himmel ziehen, als hätten sie es eilig. Es dauert keine fünf Minuten, da sagt Felski, der ewige Eisbär, zum ersten Mal das Wort "Affenscheiße". Er wird es im Laufe unseres eineinhalbstündigen Spaziergangs mehrmals sagen. Was er auch noch sagen wird: Scheiße, Riesenscheiße und, ganz wichtig: Scheiß-Ossi. Die derbe Sprache wirkt nicht so erstaunlich, wenn man sich sein Image vor Augen hält: Raubein, Draufgänger, Strafminutenkönig. Kein anderer Spieler in der Geschichte der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) hat so viele Strafminuten kassiert wie er. Aber sie ist deshalb erwähnenswert, weil vor allem der Ausdruck "Scheiß-Ossi" ganz viel damit zu tun hat, wie Sven Felski auf dem Eis wurde, was er ist. Aber der Reihe nach.

Wir gehen an einer zweiten Eishalle entlang, vor zum Haupteingang des Sportforums. Es sieht trist aus hier, grauer Beton, Wellblech, Klinkerstein, über und über mit Graffiti beschmiert. Auf einer angerosteten Tafel steht in großen Lettern: Sportforum Berlin. Vier Jahre alt war Sven Felski, "da ist man das erste Mal hier langmarschiert". Er redet oft in der dritten Person von sich. Wie Lothar Matthäus ("Ein Lothar Matthäus spricht kein Französisch"), nur klingt das bei ihm nicht so arrogant. Es ist eher so, dass er das "Ich" nur für den erwachsenen Sven Felski benutzt, als sei das Kind Sven Felski ein anderer Mensch.

Er ist ganz in der Nähe aufgewachsen. Die Rückseite des Hauses, in dem er mit seinem Bruder und den Eltern wohnte, kann man zwischen ein paar Bäumen von hier sehen. Schon im Kindergarten haben sie ihn "gezogen", wie er sagt. Das klingt wie beim Militär. Aber Felski sagt, in der DDR sei zwar vieles totale Affenscheiße gewesen, aber die Nachwuchsgewinnung, die Sportförderung für die Kleinsten, das war wirklich top. Der Vater wollte ihn zum Fußball schicken, aber seine Mutter setzte sich durch: Eiskunstlauf sei doch so schön elegant. "Das war zwar nicht mein Sport, aber ich habe alles gelernt, was ich für mein Sportlerleben brauchte." Allem voran: Schlittschuhlaufen. "Ich würde behaupten, das kann keiner in der Liga so gut wie ich." Außerdem: Koordination, Disziplin, Technik, Wendigkeit auf dem Eis. "Das hat schon auch Spaß gebracht, wir haben ja nicht nur Ballett gemacht. Aber Handgelenke verdrehen fand ich eben schon immer scheiße, die B-Note ist nicht so meins." Mit elf, als auch seine Trainer merkten, dass Handgelenke verdrehen nicht so seins war, wechselte er zum Eishockey, lag ja nahe.

Der Uwe Seeler des Eishockeys

An der Stirnseite einer weiteren großen Halle, vor der wir seit ein paar Minuten stehen, hängen Kupferreliefs, die an die glorreichen Sportzeiten der DDR erinnern. Es sind Turner, Ringer, Sprinter, Weitspringer, Handballer, Boxer und Eiskunstläufer. Nur keine Eishockeyspieler. Das liegt daran, dass Eishockey damals ein nur geduldeter Sport war. Das Politbüro sah keine Chance, bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen Medaillen zu gewinnen, und reduzierte die Mittel drastisch. Da Erich Mielke großer Eishockeyfan war, wurde die Sportart aber nicht komplett eingestellt. Doch nur zwei Vereine überlebten die Etatkürzungen und waren ab der Saison 1970/71 überhaupt zum Spielbetrieb zugelassen: Der Vorgängerverein der Eisbären, also der SC Dynamo Berlin - und die SG Dynamo Weißwasser. Immer wieder spielten die beiden gegeneinander, schon in der Jugend. Woche für Woche, Jahr für Jahr, Berlin gegen Weißwasser. Die Spieler konnten jedes Muskelzucken des Gegners deuten, es muss faszinierend gewesen sein. Und schrecklich langweilig. Mitte der 80er-Jahre stieg auch Felski in diesen Dauerzweikampf ein. Und als er sich gerade daran gewöhnt hatte, war es vorbei. Die Mauer fiel.

Dass Felski ein talentierter Spieler war, hatte sich da schon längst auch jenseits der Mauer herumgesprochen. Direkt nach der Wende bekam er ein Angebot der San Jose Sharks aus der amerikanischen Profiliga NHL, dem Sehnsuchtsort aller Eishockeyspieler. Aber er lehnte ab, "ich wusste ja nicht einmal, wo das ist. Und wer noch nicht in Hamburg war, der schaut nicht über den Teich."

Felski wollte zwar ins Ausland reisen, aber dieses Ausland hieß für ihn erst mal: Bundesrepublik Deutschland. "Ich hatte Sehnsucht nach meinem eigenen Land." Wie schmeckte dort die Schokolade? Welches Gemüse gab es? "Hört sich bescheuert an, ich weiß", sagt er, als müsse er sich für die Entscheidung rechtfertigen. Und setzt dann zu einem Satz an: "Ich würde das heute vielleicht anders machen." Er hält fast eine Minute lang inne, denkt nach, wie Menschen im Fernsehen immer nachdenken, mit dem Daumen und dem Zeigefinger am Kinn, sagt schließlich: "Ach, vielleicht auch nicht. Ich trauere dem nicht nach, hab ja 20 tolle Jahre hier gehabt."

Das kann man so sagen: fünfmal Deutscher Meister, sechsmal im All-Star-Team, Platz fünf in der Liste der Spieler mit den meisten Einsätzen in der DEL - und nicht zuletzt: Platz eins bei den Fans. Sven Felski spielt seine 20. Saison für die Eisbären, hat alle Angebote anderer Klubs abgelehnt, ist seinem Verein immer treu geblieben. Wenn die Spieler in die O2 World einlaufen, ist der Jubel bei seinem Namen immer noch etwas größer als bei allen anderen. Er ist so etwas wie der Uwe Seeler des Berliner Eishockeys, ein Volksheld. Diesen Status kann man sich für kein Geld der Welt kaufen, man muss sich ihn verdienen. In Hohenschönhausen nennen sie ihn den Bürgermeister. Wahrscheinlich könnte er das wirklich werden, wenn er sich denn zur Wahl aufstellen ließe.

Wir gehen jetzt am Klubhaus vom BFC Dynamo vorbei, der in der DDR von 1979 bis 1988 zehnmal in Folge Fußballmeister war. Sven Felski zeigt auf die zweite Etage des Gebäudes: "Da drin, das habe ich erst viel später erfahren, gab es einen roten Salon, da haben sich die Oberen von Dynamo immer zusammengesetzt und ihre Nummern abgezogen", sagt er. Mit anderen Worten: Spiele verschoben. Der BFC gilt bis heute als damals von der DDR-Führung protegierter Verein. Dieser Spaziergang ist irgendwie auch eine Zeitreise.

Eine Weile gehen wir wortlos nebeneinander her, Männer in Trainingsanzügen fahren an uns vorbei, nicken, tuscheln, "Mensch, der Svenni!", hört man den einen noch sagen. Man muss das noch mal festhalten: Ihn kennt hier wirklich ausnahmslos jeder. Jeden Tag am selben Ort, immer die gleichen Gesichter, ist das nicht auch langweilig? "Ach was, es verändert sich ja immer mal wieder was. Erst neulich haben sie hier so ein Beachvolleyballfeld hingezaubert." Er erweckt nicht den Eindruck, jemals auf diesem Beachvolleyballfeld gewesen zu sein. Aber das ist auch nicht so wichtig. Das hier ist eben Heimat für ihn, er fühlt sich wohl. "Das ist hier so schön, das glaubt man gar nicht", sagt er.

Wir sprechen über das bereits erwähnte Image des Raubeins. "Ach", er winkt ab, "die Zeiten sind auch vorbei, ich bin ruhiger geworden." Klar habe er auch mal Scheiße gebaut, aber die Ursache für die Wut im Bauch, für die Aggression auf dem Eis, das kam ja nicht von ungefähr. Nach der Wende, 1992, als Felski seine erste Erstligasaison für die Eisbären spielte, waren sie praktisch nur im Westen unterwegs. Vereine aus dem Osten auf diesem hohen Niveau gab es ja nicht. Und egal, wo sie hinkamen, egal, welche Halle in welcher Stadt, überall haben sie ihm hinterhergerufen: "Scheiß-Ossi." Manchmal nur ein paar Dutzend, manchmal Tausende. "Sie nannten mich auch oft Stasi-Schwein." Das hat ihn sehr getroffen. "Und natürlich wollte ich mich vor denen beweisen, ihnen zeigen, was ich kann." Er hat es dann manchmal etwas übertrieben. Aber er war eben schon immer der Vorneweggeher. Es ist wohl auch diese Haltung, die ihn zum Helden werden ließ, gerade hier, in Hohenschönhausen, im "Welli", wie Fans und Spieler ihren Wellblechpalast zärtlich nennen. Bis zum Umzug in die O2 World 2008 haben die Eisbären hier ihre Heimspiele ausgetragen. In den 90ern wurde er zur ostdeutschen Kultstätte. "Wenn wir hier gewannen, empfanden die Fans das lange als ausgleichende Gerechtigkeit", sagt Felski. Und er, der Mann mit der Nummer 11, einer von ihnen, wurde zur Identifikationsfigur. Er genießt diesen Status, das merkt man, aber er suhlt sich nicht darin. Sven Felski ist keiner, der abheben würde. Dazu taugt die Gegend gar nicht. Er wohnt zwar mittlerweile in Pankow, er hat da mit seiner Frau ein Haus gebaut, aber er ist ja doch fast immer hier. Und wenn es nur ist, um seine Tochter von der Schule abzuholen.

Das Eis wie eine unsichtbare Macht

Wir gehen runter zu eben jener Sportschule, die er früher selbst besucht hat und heute seine Tochter. Er zeigt auf den Hof, wo sie in den Pausen damals alle standen: Claudia Pechstein, Stefan Kretzschmar, später Franziska van Almsick, er selbst mit seiner Hockey-Klasse. Hier sind große deutsche Sportlerkarrieren gestartet, aber dieser Ort könnte auch ganz andere Geschichten erzählen. Geschichten von all jenen, die es nicht geschafft haben.

Sven Felski weiß das. "Ich bin einer der wenigen, für den sich all die Arbeit ausgezahlt hat. Deshalb kann ich darüber hinwegsehen, meine ganze Jugend, ja, eigentlich schon die ganze Kindheit, dem Sport untergeordnet zu haben." Wer heute Profisportler werden will, der bekommt nebenher eine gute Ausbildung. Abitur oder mittlere Reife, anschließend einen Ausbildungsplatz. Sven Felski wurde als 18-Jähriger vor die Wahl gestellt: Profi oder Lehre. Er hat sich für das Eis entschieden.

Wenn er den Schläger endgültig zur Seite legt, nächstes Jahr vielleicht oder noch ein Jahr später, dann ist er fast 40 - und ungelernt. Er kann nur Eishockey spielen, das ist sein Leben. Hätte er nicht seinen Heldenstatus, der es dem Verein niemals erlauben würde, ihm im Anschluss keinen Job anzubieten: Man müsste sich ernsthafte Sorgen um seine Zukunft machen. Eishockeyprofis verdienen nicht mal ansatzweise so gut wie Fußballer.

Wir sind zurück am Wellblechpalast. Durch den Hintereingang am Eis vorbei, von dem Felski auch jetzt seine Augen nicht lassen kann, als zöge ihn irgendeine unsichtbare Macht dorthin, gehen wir zurück in die Vorhalle mit dem Schweißgeruch. Er will jetzt schnell noch was essen, im angeschlossenen Restaurant. "Casino Eisstadion" heißt es, auf dem Tagesangebot: Würzfleisch mit Käse überbacken für 4,20 Euro, Wirsingeintopf für drei Euro. Felski nimmt Spirelli mit Gulasch, aber bevor er essen kann, nun ja, macht er erst mal eine Begrüßungstour. Gast, Gast, Gast, Wirt, Gast, Gast, Pressesprecher, Gast, Bedienung, jedem schüttelt er die Hand, alle wollen ein Stück von ihm. "Mensch, Svenni" hört man sie immer wieder sagen, als wäre er ihnen erschienen.

Hier, wo Hohenschönhausen noch so richtig nach DDR aussieht, sprechen wir über das Verhältnis von Ost und West. Selbst wenn er es nie so wollte: Neben dem Eishockey - und durch das Eishockey - ist das Sven Felskis Lebensthema geworden. Aber auch da winkt er ab: "Ach, das ist doch durch. Der Verein, das Eishockey, ich selbst, das ist Gesamt-Berlin. Im Sport haben wir die Trennung überwunden, dem Erfolg zuliebe. Nun sollte man auch überall sonst mal versuchen, damit klarzukommen, ist ja nun lange genug her." Sagt er und schiebt einen Löffel Gulaschnudeln hinterher. "So, war's das? Ick muss ma los jetzt." Ja, das war's.