Bildungsdebatte

Ein Rektor der guten alten Schule

Wer morgens kurz vor fünf Uhr an der Friedrich-Bergius-Sekundarschule in Friedenau vorbeikommt, stellt erstaunt fest, dass im ersten Stockwerk Licht brennt. Es sind aber nicht etwa der Hausmeister oder die Schulsekretärin, die da im Gebäude unterwegs sind. Es ist der Schulleiter selbst, der jeden Tag pünktlich um 4.45 Uhr in der Schule eintrifft.

"Ich räume zunächst den Geschirrspüler aus, koche Tee und Kaffee und stelle jedem meiner Kollegen seine spezielle Tasse auf den Tisch", sagt Michael Rudolph.

Für den 58 Jahre alten Pädagogen sind diese morgendlichen Handgriffe eine gute Gelegenheit, seinen Lehrern Anerkennung zu zollen. "Sie können mir ein Schloss hinstellen, wenn ich keine Lehrer habe, gibt es keine Schule", sagt er. Umgekehrt könne Schule sogar in einem Zelt stattfinden, wenn Lehrer da seien. Der frühe Arbeitsbeginn ist Rudolph aber auch deshalb wichtig, weil er seine Schüler gerne persönlich in Empfang nimmt. So oft es geht, stellt er sich morgens an die Eingangstür und begrüßt die hereinströmenden Mädchen und Jungen. Seine Anwesenheit, so sagt er, soll ihnen zeigen, dass er sie achtet.

2005 stand die Schule vor dem Aus

An der Friedenauer Sekundarschule herrscht ein besonderes Klima. Mitten am Vormittag, zur Hochbetriebszeit, hat der Besucher das Gefühl, als hätten alle Schüler Wandertag. So still ist es. Mark und Giulietta, die bald ihren mittleren Schulabschluss machen, betonen dann auch, dass sie an ihrer Schule in Ruhe lernen können. "Wir haben gute Hausregeln, deshalb sind die meisten Schüler diszipliniert", sagt Mark.

Auch unter den Lehrern hat sich längst herumgesprochen, dass an der Bergius-Schule ein gutes Arbeitsklima herrscht. Allein zu Beginn dieses Schuljahres wollten sich acht Kollegen aus anderen Schulen dorthin versetzen lassen.

Das war nicht immer so. 2005 waren die Anmeldezahlen so gering, dass die Schließung der Einrichtung drohte. Die Schule hatte einen denkbar schlechten Ruf. Gewaltvorfälle waren an der Tagesordnung, viele Schüler schwänzten regelmäßig den Unterricht. Damals holte man Michael Rudolph, der zuvor lange als Hauptschullehrer tätig war und zuletzt eine Kreuzberger Hauptschule geleitet hatte. Ihm gelang es, die Abwärtsspirale zu stoppen. In diesem Schuljahr mussten die Plätze an der Bergius-Schule sogar ausgelost werden, weil es zu viele Anmeldungen gab. "Besonders schön ist, dass sich endlich auch wieder Eltern aus der unmittelbaren Umgebung für unsere Schule interessieren", sagt Rudolph. Die hätten ihre Kinder in den vergangenen Jahren lieber an Gymnasien oder an der Sophie-Scholl-Gesamtschule angemeldet.

Doch was ist Rudolphs Geheimrezept für diesen Wandel? Der Schulleiter lacht. "Wir machen hier nichts Besonderes", sagt er. "Wir achten lediglich darauf, dass die Regeln, die wir aufgestellt haben, auch eingehalten werden."

Ganz einfache Regeln sind das. Wer sich verspätet, muss beim Hausmeister klingeln, um in die Schule zu kommen. In den Unterricht darf er dann nicht mehr. Stattdessen ist gemeinnützige Arbeit angesagt. Das kann Laubharken sein oder Schneefegen, Schulhof aufräumen oder Klassenzimmer säubern. Auch wer während der Unterrichtsstunde mit dem Handy spielt oder sich grob gegenüber seinen Mitschülern verhält, muss sich darauf gefasst machen, eine Harke, einen Besen oder einen Lappen in die Hand gedrückt zu bekommen. Und das Handy ist für die nächsten Wochen erst mal weg.

Es sind diese Maßnahmen, die Michael Rudolph den Ruf eingebracht haben, der strengste Berliner Schulleiter zu sein. Kürzlich ist er deshalb in die Talkshow von Günther Jauch eingeladen worden. Thema: "Generation doof - warum gibt es so viele Bildungsverlierer?" Dort hat er am vergangenen Sonntag darüber diskutiert, was zu tun sei, damit deutsche Schüler wieder bessere Leistungen erzielen.

Für Rudolph ist das keine Frage. "Wenn es um gute Schule geht, ist die soziale Kompetenz der Schüler entscheidend", sagt er. Um diese zu fördern, bedürfe es Regeln. Das Wichtigste aber sei, diese Regeln auch durchzusetzen. Die Lehrer müssten den Schülern rechtzeitig Signale geben und schon bei kleinen Vergehen auf ihr Verhalten einwirken. Nicht erst, wenn ein Messer zum Einsatz käme. "Das fängt damit an, dass im Unterricht weder Kaugummi gekaut, noch eine Mütze getragen wird", sagt Rudolph.

Der Schulleiter geht mit gutem Beispiel voran. Schon seine Begrüßung ist besonders. Wenn er seinem Gegenüber die Hand gibt, lächelt er freundlich und nickt leicht mit dem Kopf. Früher hat man diese Art des Willkommens als Diener bezeichnet. Schon die kleinen Jungen mussten das lernen. Rudolph ist ein Mann der alten Schule. Doch er gehört nicht zu jenen Zeitgenossen, die penetrant auf den alten Tugenden beharren und die Jugend von heute als schlecht bezeichnet. Die heutigen Schüler seien nicht viel anders als früher, sagt er. "Sie versuchen, ihre Grenzen auszutesten. Unsere Aufgabe ist es, ihnen Grenzen zu setzen und den richtigen Weg zu zeigen." Er sei Lehrer geworden, weil ihm daran liege, dass die Schüler vernünftig durchs Leben kommen. "Wir müssen sie ausbildungsfähig machen, sonst wird das nichts." Dazu gehöre Pünktlichkeit genauso wie der angemessene Umgang mit Mitschülern und Lehrern. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", zitiert Rudolph. "Das steht sowohl in unserem Grundgesetz, als auch in unserer Schulordnung."

Rundgang durch das Schulhaus. Rudolph fallen an diesem Vormittag vier Schüler auf, die im Flur herum stehen. "Warum seid ihr nicht im Unterricht", fragt er sie. Seine Stimme ist nicht böse aber bestimmt. Ein Junge sagt, dass sie den Hausmeister suchen, sie hätten ihr Sportzeug vergessen und sollten sich nun eine Aufgabe geben lassen. Rudolph nickt. "Ihr wisst doch, wo die Besen sind, nehmt euch welche und ab auf den Hof." Es klingt aufmunternd. Die Schüler trollen sich.

Hof fegen morgens um 6.30 Uhr

Michael Rudoph hat die Erfahrung gemacht, dass es zwar gut ist, mit den Schülern zu reden, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Doch das hilft nicht immer. Handfeste Maßnahmen müssen folgen. "Wir sind deshalb auf die Idee gekommen, die Schüler gemeinnützige Arbeit machen zu lassen - und zwar vor dem Unterricht. Dann setzt Nachdenken ein", sagt der Schulleiter. So sieht man auch schon mal um halb sieben Uhr morgens einen Schüler den Hof fegen. Manche Eltern hätten sich zunächst darüber aufgeregt und die Regeln hinterfragt. Inzwischen würden jedoch alle die Schulordnung akzeptieren. Rudolph ist froh darüber, dass es ihm und seinen Kollegen gelungen ist, die Eltern mit ins Boot zu holen. Gebe es Probleme mit einem Schüler, würden möglichst schnell seine Eltern zu einem Gespräch in die Schule geladen.

Als 2006 an der Neuköllner Rütli-Schule nichts mehr ging, weil die Lehrer mit den Schülern nicht mehr klar gekommen sind, ist Michael Rudolph gefragt worden, ob er die Schulleitung übernehmen könne. "Ich habe damals nein gesagt", sagt er. "Aber nur, weil ich gerade erst ein Jahr an der Friedrich-Bergius-Schule war und meine Aufgabe dort noch längst nicht erfüllt hatte." Inzwischen kann er sich allerdings nicht mehr vorstellen, seine Schule zu verlassen, auch wenn längst alles auf dem richtigen Weg ist. "Ich fühle mich sehr wohl an diesem Platz. Meine Kollegen und ich haben hart dafür gearbeitet", sagt Rudolph. Beraten würde er andere aber gern. Deshalb hat er auch sofort zugesagt, als Mitarbeiter der Lehrerausbildung der Freie Universität ihn fragten, ob er vor den Studierenden über Schulmanagement sprechen könnte. "Meinen Stil kann niemand einfach kopieren", sagt Rudolph. Aber seine Erfahrungen könne anderen helfen, sich weiterzuentwickeln.