Welt-Klimakonferenz

Dicke Luft in Durban

Es ist eine wahre Mammutkonferenz. Knapp 20 000 Teilnehmer aus 194 Staaten kommen von heute an im südafrikanischen Durban zusammen, um über die Rettung des Weltklimas zu beraten. Sie dürfen keine Zeit mehr verlieren.

Der Ausstoß von Treibhausgasen ist im vergangenen Jahr wieder dramatisch um mehr als fünf Prozent gestiegen. Und jede zusätzliche Tonne Kohlendioxid in der Atmosphäre treibt die Erderwärmung voran. Zwei Wochen dauert dieser inzwischen 17. Weltklimagipfel - dann sollen konkrete Ergebnisse vorliegen.

Das Gastgeberland selbst demonstriert einen der Konflikte: Die Schwellen- und Entwicklungsländer wollen wirtschaftlich vorankommen und brauchen dazu immer mehr Energie. Im Norden Südafrikas entsteht derzeit das Medupi-Kohlekraftwerk, das viertgrößte der Welt. Technisch auf dem neusten Stand, wird es doch eine CO2-Schleuder sein. In anderen Schwellenländern, vor allem China, wird derselbe Weg beschritten - Kohle ist billig.

Der Konflikt zwischen den seit 200 Jahren Kohle verfeuernden Industriestaaten und den Aufsteigern wird die Teilnehmer in Durban beschäftigen. In der ersten Woche treffen sich die Fachleute aus den Ministerien. Vor einem Jahr auf der Klimakonferenz im mexikanischen Cancún hatten die Industriestaaten einen Klimafonds beschlossen. Bis 2020 wollen sie 100 Milliarden Euro bereitstellen, um Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern zu finanzieren. Nun soll ausgehandelt werden, wie das Geld verteilt werden soll.

Trinkwasserversorgung gefährdet

Wenn in der zweiten Woche die heiße Phase der Verhandlungen beginnt, reist auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) an. Er hofft auf rechtlich verbindliche Regeln für den Klimaschutz. Röttgen warnt: "Wir können nicht endlos emittieren, weil sonst die Natur zurückschlägt." Doch der Klimawandel hat längst begonnen, die Temperatur der Erde hat sich in den vergangenen 100 Jahren bereits um etwa 0,75 Grad Celsius erhöht.

Viktor Elbling, der in Durban das Auswärtige Amt vertritt, verweist mit Sorge auf die sicherheitspolitischen Folgen des Klimawandels: "Trinkwasserverknappung und die Verschärfung bestehender Konflikte gehören dazu." Erst im Juli erklärte der UN-Sicherheitsrat auf Initiative Deutschlands in einer Resolution, dass der Klimawandel Frieden und Stabilität bedrohen kann. Elbling hofft nun in Durban auf "deutlich mehr Ehrgeiz", wenn es darum geht zu formulieren, wer den CO2-Ausstoß um wie viel verringern soll.

Auch die Wetterkatastrophen dieses Jahres sind eine Mahnung an alle Gipfelteilnehmer, schnell und entschieden zu handeln: Überschwemmungen in Bangkok, Sturzregen in Norditalien, anhaltende Dürre am Horn von Afrika. Jedes Ereignis für sich ist kein Beleg für den Klimawandel, in der Summe aber ergeben sie einen Trend, der zu den Prognosen der Klimaforscher passt: mehr Trockenheit, mehr Überschwemmungen, kräftigere Regenfälle, schmelzende Gletscher und steigende Meeresspiegel.

Immer wieder hat sich das Klima im Laufe der Erdgeschichte verändert - ein ganz natürlicher Prozess. Auch Sonnenaktivität und Wolkenbildung haben dabei einen Einfluss. Seit Ende der letzten Eiszeit vor rund 10 000 Jahren zum Beispiel gab es in Europa wärmere und kühlere Phasen: Hannibal konnte mit seinen Elefanten die Alpen überqueren, weil die Pässe schneefrei waren. Dagegen zeugen die Winterbilder des niederländischen Malers Pieter Bruegel des Älteren aus dem 16. Jahrhundert von bitterer Kälte. Diese Kleine Eiszeit zog schwere Hungersnöte nach sich und begünstigte wohl auch die Pest.

Kaum absehbare Folgen

Seit die Menschen aber begonnen haben, in großem Stil Kohle, Gas und Erdöl zu verbrennen, steigt der Gehalt an Kohlendioxid in der Atmosphäre. Auch Wälder zu roden und Moore trockenzulegen setzt zusätzliches CO2 frei. Vor Beginn der Industrialisierung um 1750 enthielt die Atmosphäre recht konstant rund 280 ppm (parts per million) CO2. Jetzt sind es fast 400 ppm. Das CO2 hält die Erde warm und ermöglicht das Leben auf dem Planeten überhaupt erst. Doch wenn es zu viel wird, so haben Klimaforscher berechnet, heizt sich die Erde auf - mit kaum absehbaren Folgen für die Menschheit.

Das Problem drängt, doch die Erwartungen an das Treffen in Durban sind verhalten. Die USA weigern sich seit Jahren, beim Klimaschutz verbindliche Verpflichtungen einzugehen. China ist auf dem Weg vom Schwellenland zur Industrienation. Und mit der boomenden Wirtschaft steigen die klimarelevanten Emissionen. Zusammen stehen China (24 Prozent) und die USA (18 Prozent) heute für fast die Hälfte der weltweiten Treibhausgasemissionen. Die EU hat nur noch einen Anteil von elf Prozent. Im Alleingang können die EU-Staaten das Klima also nicht retten - aber sie können Vorbild sein.

Ob die Klimawende gelingt, hängt davon ab, wie viele Länder beim Klimaschutz mitmachen. Connie Hedegaard, EU-Kommissarin für Klimaschutz und in Durban Vertreterin der EU, nimmt Papier und Bleistift, um die Lage in der internationalen Klimapolitik mit einer Zeichnung zu erklären. Eine hohe, rechteckige Säule steht für die Entwicklungs- und Schwellenländer: Sie haben das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz zwar unterzeichnet, sich aber noch nicht auf Klimaschutz verpflichtet. Zu dieser Gruppe gehören die ärmsten der armen Länder vor allem in Afrika, aber auch Brasilien, Indonesien und Mexiko, deren Wirtschaft wächst und immer mehr Treibhausgase ausstößt.

Die zweite Säule daneben steht für die Industrienationen: Sie haben sich 1997 mit dem Kyoto-Protokoll verpflichtet, ihre Treibhausgase von 2008 bis 2012 im Vergleich zu 1990 um im Schnitt 5,5 Prozent zu verringern. Jetzt muss geregelt werden, wie es 2013 weitergehen soll. Ein kleines Quadrat in Hedegaards Grafik weit abseits steht für die USA, die das Kyoto-Protokoll ignorieren und nicht umsetzen werden. Dann zeichnet die EU-Chefunterhändlerin parallele Striche, die aussehen wie ein Schienenstrang. Das ist die rettende Brücke, über die in Durban verhandelt werden soll.

Sieben Grad wärmer

Diese Brücke führt zu einem großen Rechteck - einem umfassenden, verbindlichen Klimaabkommen, an dem sich alle Staaten beteiligen, auch die USA. "Das ist das Ziel", sagt Hedegaard und nennt als Frist 2020. In Durban müsse ein Fahrplan festgelegt werden, der zu einem neuen Abkommen führe. Sonst werde es nicht gelingen, die globale Erwärmung zu bremsen. Wenn jetzt nichts geschieht, können die Temperaturen um vier oder fünf, im schlimmsten Fall sogar um sechs oder sieben Grad steigen. Nach Einschätzung der Klimaforscher darf sich die Erde jedoch nur um maximal zwei Grad Celsius erwärmen, nur dann sind die Folgen des Klimawandels gerade noch zu bewältigen.

Das sogenannte Zwei-Grad-Ziel ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die internationale Staatengemeinschaft vor zwei Jahren auf der Klimakonferenz in Kopenhagen verständigen konnte. Kopenhagen stand für die größten Hoffnungen im internationalen Klimaschutz. Nie zuvor waren die Erwartungen an eine Klimakonferenz so groß gewesen. Viele Staats- und Regierungschef waren in die dänische Hauptstadt gekommen, auch US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Am letzten Tag hatten sie noch bis spät in die Nacht verhandelt. "Am Ende fehlte der politische Wille", sagt Hedegaard heute. Sie leitete damals als dänische Umweltministerin die Konferenz. Statt mit einem verbindlichen Abkommen endete der Gipfel mit vagen, unverbindlichen Verlautbarungen. Kopenhagen steht seither für den größten Misserfolg in der Geschichte der Klimakonferenzen.

"Eine weltweite Klimawende ist aus naturwissenschaftlich-technischer Sicht machbar", sagt Professor Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Klimaberater der Bundesregierung. Spätestens 2020 müssten die weltweiten Emissionen spürbar sinken. Einzelne Länder könnten vorangehen, sagt Schellnhuber. Er spricht von einer "Koalition der Willigen". Die EU will ihre Emissionen bis 2020 um ein Fünftel senken, Deutschland peilt zwei Fünftel an.