Interview mit Yoram Ben-Zeev

"Natürlich habe ich Angst - um Deutschland"

Als er vor vier Jahren in die Stadt kam, konnte Yoram Ben-Zeev noch kein Wort Deutsch. Eingewöhnt hat sich der Nachfolger des - fließend Deutsch sprechenden - Schimon Stein dennoch schnell. Auch Berlin hat den israelischen Botschafter, für den Versöhnlichkeit immer im Vordergrund stand, schätzen gelernt. So sehr, dass man ihn nach seinem offiziellen Abschied im Sommer gebeten hat, doch noch so lange im Amt zu bleiben, bis ein Nachfolger gefunden ist.

Das ist offiziell noch nicht der Fall - es heißt aber, in Israel zeichnet sich eine Nachfolge in Kürze ab. Für diese Übergangszeit wird der zweite Mann in der Botschaft die Geschäfte kommissarisch leiten. Und Ben-Zeev geht nun also wirklich, am Montag wird er ins Flugzeug Richtung Heimat steigen. Mit ihm sprach Clemens Wergin.

Berliner Morgenpost: Herr Botschafter, Sie sind seit vier Jahren in Deutschland. Was waren die hellsten Momente in diesen Jahren - und was die größten Enttäuschungen?

Berliner Morgenpost: Da erinnere ich mich vor allem an Momente, die mich bewegt haben. Zum Beispiel die Rede von Präsident Schimon Peres im Bundestag Anfang 2010. Als er den Kaddisch, das Totengebet, für seinen Großvater sprach und alle Mitglieder des Bundestages aufstanden. Das hat mir einerseits das Herz gebrochen, weil er von den letzten Tagen erzählte, als sein Großvater ihn zum Bahnhof brachte. Er fuhr damals nach Israel, um gerettet zu werden. Und sein Großvater wurde nach Auschwitz geschickt. Peres weinte. Direkt nach der Rede ging er mit Präsident Horst Köhler zum Gleis 17, um Kerzen anzuzünden. Man fühlt sich, als ob man auf einer Zeitwolke schweben würde. Und dann kamen junge Israelis und junge Deutsche dazu. Es war furchtbar kalt. Gebete wurden gesprochen. Man erinnerte sich an die furchtbare Zeit, für Juden und auch für viele Deutsche. Und dann kommen die Jungen dazu und reden über ihre gemeinsame Zukunft.

Berliner Morgenpost: Und was hat Sie enttäuscht?

Berliner Morgenpost: Ja, es gab auch dunkle Momente, als ich 5000 Nazis in Dresden marschieren sah. Als ich meine Beglaubigung beim Präsidenten abgab und wieder zurück ins "Adlon" kam, die klassische Station vor und nach dem Weg zum Präsidenten, wurde ich gleich von einer israelischen Radiostation interviewt. Der Journalist fragte mich, was ich empfinde. Und ich sagte, wenn ich auf das Brandenburger Tor vor dem "Adlon" schaue, dann gilt mein erster Gedanke Moses Mendelssohn, dem es zu seiner Zeit nicht erlaubt war, die Stadt durch dieses Tor zu betreten. Aber lassen Sie mich über einen anderen positiven Moment sprechen. Die Rede der Bundeskanzlerin vor der Knesset im Frühjahr 2008. Es hatte vorher in der Knesset eine Debatte gegeben, und mehrere Abgeordnete hatten angekündigt, das Plenum verlassen zu wollen, wenn die Kanzlerin auf Deutsch sprechen würde. Aber am Tag selbst verließ dann niemand den Raum.

Berliner Morgenpost: Sie hatte zwar auf Hebräisch begonnen, war dann aber ins Deutsche gewechselt.

Berliner Morgenpost: Genau, und dennoch blieben alle sitzen. Die Kanzlerin legte dann ein Zeugnis der großen Verantwortung Deutschlands für Israel und seine Sicherheit ab. Das war sehr wichtig. Ein anderer denkwürdiger Moment war, als ich von einer Infanterieschule der Bundeswehr eingeladen wurde. Es war wieder sehr kalt, und mein Gastgeber, der später Sprecher der Nato in Afghanistan wurde, sagte mir, dass sie zu einer Militärübung ausrücken würden. Er fragte mich, ob ich teilnehmen wollte. Klar, sagte ich. Und ich zog eine deutsche Uniform an und nahm an einer Militärübung gegen Terrorismus teil.

Berliner Morgenpost: Das Bild wurde auch in Israel veröffentlicht.

Berliner Morgenpost: Ja, worauf mein Telefon nicht mehr stillstand. Ein Anrufer war ein sehr wichtiger Minister. Er fragte mich, ob das ein angemessenes Verhalten für einen israelischen Botschafter sei. Ich sagte, ich weiß, dass viele das von einem emotionalen Standpunkt betrachten, was ich respektiere. Aber ich habe so viel zu tun mit dem deutschen Militär. Die Deutschen nehmen etwa an der Unifil-Mission im Libanon teil, und wir haben sehr gute Beziehungen.

Berliner Morgenpost: Sie haben vorher über die junge Generation gesprochen. Viele Deutsche gehen als Freiwillige nach Israel, sei es aus Neugier, sei es als Wiedergutmachung. Sie haben vorgeschlagen, auch israelische Volontäre nach Deutschland zu schicken. Das stieß zunächst auf beiden Seiten auf Widerstand. Warum?

Berliner Morgenpost: Israelische Politiker fragten, warum wir das tun sollten. Selbst im Deutsch-Israelischen Zukunftsforum war das umstritten. Die Deutschen sagten, wir schulden euch etwas, nicht umgekehrt. In Israel gab es Widerstand von prominenten Politikern, es war ein schwieriger Kampf. Aber ich denke, dass ich recht hatte. Wir haben vergangene Woche die zweite Gruppe israelischer Volontäre in Deutschland getroffen. Ich halte es für wichtig, dass diese Israelis das Bild eines anderen Deutschland mit nach Hause nehmen. Für mich ist das eines der besten Projekte, die ich in meiner Zeit als Botschafter angestoßen habe. Gegenseitigkeit ist wichtig, damit die Beziehungen nicht nur auf politischer Ebene, auf der es auch Krisen geben kann, verankert sind, sondern auch auf der Ebene der Bevölkerungen.

Berliner Morgenpost: Was sind die Gründe für Israelis, als Volontäre in einer deutschen sozialen Einrichtung arbeiten zu wollen?

Berliner Morgenpost: Zunächst einmal liegt der Freiwilligendienst in den israelischen Genen. Und dann ist da die deutsche Geschichte. Niemand kann sagen, egal ob alt oder jung, dass er wirklich verstanden hat, was zwischen 1933 und 1945 hier in Deutschland passiert ist. Wir wissen, was passiert ist, aber wir wissen immer noch nicht wirklich, warum.

Berliner Morgenpost: Deutschlands Geschichte bleibt also weiter ein Rätsel.

Berliner Morgenpost: Absolut. Auch in Israel. Wir wissen, was passiert ist auf einer technischen Ebene, wir wissen von den Hasspredigten, der ideologischen Indoktrinierung. Wir wissen inzwischen auch, was wir tun können, um so etwas in Zukunft zu verhindern. Aber wenn ich aus dem Haus der Wannseekonferenz komme oder von der Gedenkstätte an Gleis 17, dann frage ich mich trotzdem immer wieder: Warum? Wie konnte das passieren? Ich lese die Dokumente, ich kenne die Mechanik dieser Geschichte, weiß, wer was zu wem gesagt hat. Und trotzdem bleibt da dieses: Wie konnte es nur geschehen? Wie konnte ein kultiviertes, gebildetes Volk, das einige der größten Philosophen hervorgebracht hat, so etwas tun? Ich schaue mir die Humboldt-Universität an und frage mich, wie sie sich daran beteiligen konnte. Eine Buchnation, die den Buchdruck erfunden hat. Und dann Bücher verbrannte. Deutschland ist immer noch mit Selbstbefragung beschäftigt. Das beeinflusst unsere Beziehung, und es beschäftigt auch die Israelis weiterhin. Es ist zwischen uns präsent. Es ist wichtig, dass wir uns gemeinsam weiter mit diesen Fragen beschäftigen.

Berliner Morgenpost: Antiisraelische Einstellungen, die die Schwelle zum Antisemitismus überschreiten, sind immer weiter verbreitet in einem Teil der europäischen Linken. Nun reckt aber auch der Rechtsradikalismus wieder sein Haupt in Deutschland. Die bekannt gewordenen Morde richteten sich bisher gegen Muslime, aber diese Kreise sind auch antisemitisch aufgeladen. Ist es für Juden in Europa heute wieder gefährlicher als vor einigen Jahren?

Berliner Morgenpost: Ich glaube schon. Natürlich gibt es einen Unterschied zu den 30er- und 40er-Jahren. Damals waren Juden von Regierungen und Institutionen bedroht. Solchen institutionalisierten Antisemitismus gibt es heute nicht mehr. Die Behörden in der Bundesrepublik gehen mit Entschlossenheit gegen Antisemitismus vor. Doch die Debatte in der deutschen Gesellschaft geht weiter - auch in der Linkspartei. Aber wir sollten uns tatsächlich intensiver damit beschäftigen, wie es dazu kommen konnte, dass das einzige Land im Nahen Osten mit sozialen und humanitären Werten wie denen in Europa die Linke verloren hat. Und auf der anderen Seite stellt sich die Frage genauso, wie der Fraktionschef der Linken, Gregor Gysi, es im Bundestag gesagt hat: Wie konnte es dazu kommen, dass die Linke Israel verloren hat? In der Linken findet inzwischen eine tief gehende Seelenerforschung statt, die die Partei manchmal auch spaltet. Aber es geht auch um viel schlimmere Entwicklungen als diese. Ich war schon überrascht, als ich in Dresden so viele Nazis marschieren sah. Aber auf der anderen Seite habe ich auch viele gesehen, die gegen die Nazis demonstriert haben. Das war viel beeindruckender als die Nazis. Es gibt also Kontrollinstanzen. Manche fragen mich, ob ich Angst hätte. Natürlich habe ich Angst - um Deutschland. Und da kommen wir zu der Debatte über das Verbot der NPD.

Berliner Morgenpost: Sind Sie für ein Verbot?

Berliner Morgenpost: Ja, wir haben so etwas ja auch in Israel gemacht. Als die Partei von Rabbi Kahane die Flagge des Rassismus schwenkte und radikale Antiislampositionen vertrat, wurde sie vom Obersten Gerichtshof verboten. Einmal war sie bei Wahlen angetreten und hatte dann in der Knesset ihr wahres Gesicht gezeigt. Das reichte. Ich glaube, dass die Demokratie sich verteidigen und Parteien wie der NPD nicht erlauben sollte, die Demokratie zu gefährden.

Berliner Morgenpost: Ist die Beziehung zwischen Deutschland und Israel eigentlich noch so eng wie früher?

Berliner Morgenpost: Die Beziehungen sind sehr eng, und es gibt viel Austausch. Aber natürlich gibt es mit der neuen israelischen Regierung auch Meinungsverschiedenheiten. Das ist ja kein Geheimnis.

Berliner Morgenpost: Hat sich das Verhältnis zwischen Angela Merkel und Benjamin Netanjahu abgekühlt?

Berliner Morgenpost: Persönliche Beziehungen sind wichtig, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Es kommt natürlich auch darauf an, dass man zu seiner eigenen Politik steht. Die Beziehungen zwischen Ex-Premier Ehud Olmert und Frau Merkel waren auch deshalb so gut, weil die Kanzlerin Olmerts Politik und die seiner Außenministerin Tzipi Livni stark unterstützte, die eine Annäherung an die Palästinenser verfolgte. Das macht es natürlich einfacher, sich gegenseitig anzurufen. Es gab Zeiten, da haben sie fast jeden Tag miteinander telefoniert. Und es gab nichts, was Livni und Olmert nicht mit Merkel und ihrem damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier geteilt hätten, sogar Geheimdiensterkenntnisse.

Berliner Morgenpost: Die deutsch-israelischen Beziehungen haben sich in den vergangenen 60 Jahren so positiv entwickelt, dass man immer noch von einem Wunder sprechen muss. Was sind Ihre Hoffnungen und Ihre Befürchtungen für die Zukunft der Beziehungen?

Berliner Morgenpost: Zuerst die Befürchtungen. Ich bin Israeli. Steinmeier sagte mir einmal: Ihr lebt in einer Bunkermentalität. Darauf habe ich geantwortet: Wir leben in einer Bunkerrealität. Wir sollten härter arbeiten, um Berührungspunkte zu finden, nicht nur zwischen führenden Politikern. Eine Agenda für beide Gesellschaften zu finden ist sehr wichtig. Das ist aber schwierig. Hier sind es 80 Millionen Leute, dort sind es acht Millionen. Die Deutschen beschäftigen sich mit Europa, während ein israelischer Premier sich jeden Morgen bewusst oder unbewusst die Frage stellt, was kann das Leben meines Landes gefährden? Wir haben keinen Spielraum für Fehler. Aber es gibt auch viele positive Dinge wie die Austauschprogramme.

Berliner Morgenpost: Sie haben nicht über Ihre Befürchtungen gesprochen.

Berliner Morgenpost: Ich sehe nicht, dass es einen Paradigmenwechsel zwischen den Ländern geben könnte. Wenn ich eine Angst habe, dann die, dass die Beziehungen in Klischees und in Normalität abgleiten. Die Wurzeln der Beziehungen sind sehr stark, und sie können nicht so sein wie mit anderen Ländern. Sie sollten nicht banal werden und etwas Besonderes bleiben.

Berliner Morgenpost: Was werden Sie an Berlin vermissen?

Berliner Morgenpost: Wir lieben Berlin und werden die Stadt und ihr Kulturleben sehr vermissen, die Oper, die Konzerte. Und wir haben sehr viele Freunde hier gefunden. Manche davon sind in hohen Positionen, aber andere sind einfach Menschen, die wir irgendwo getroffen haben. Etwa in der Praxis eines Arztes. Oder ein Maler, der zu einem Teil unserer Familie geworden ist. Ich habe in vielen Orten der Welt gedient, aber ich glaube nicht, dass es noch einen Ort auf der Welt gibt, in dem man Salon-Diskussionen und einen intellektuellen Austausch so genießen kann wie in Berlin. Wir selbst haben in so vielen Diskussionen teilgenommen auch in diesen Räumen. Meine vier Jahre hier waren die härtesten, herausforderndsten und gleichzeitig die befriedigendsten Jahre meines Berufslebens. Und dafür bin ich dankbar. Als ich kam, dachte ich nicht, dass wir in dieser Weise ein Teil des sozialen Lebens der Stadt werden würden.

Berliner Morgenpost: Was werden Sie tun, wenn Sie zurück nach Israel kommen?

Berliner Morgenpost: Ich werde meine Erinnerungen ein wenig ordnen und sammeln. Ich habe einige Angebote von großen Firmen und von einigen Universitäten. Aber vor allem will ich mich um meine Familie kümmern, was ich in all den Jahren vernachlässigt habe. Und ich werde sicher oft nach Berlin kommen.