Terror

"Ich wollte dir sagen, dass der Chevrolet bereit ist"

Es war am 5. Oktober, als Mansour Arbabsiar eine Telefonnummer im Iran anwählte. "Ich wollte dir sagen, dass der Chevrolet bereit ist, es kann erledigt werden. Ich soll weitermachen, richtig?" Der Gesprächspartner, bei dem es sich um Gholam Schakuri handelte, ein hochrangiges Mitglied der Al-Quds-Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden, antwortete: "Kauf ihn, ja, kauf alles."

"Chevrolet" war das Codewort für Adel al-Dschubeir, den saudi-arabischen Botschafter in Washington, und der Begriff "kaufen" umschrieb den Plan, den Diplomaten töten zu lassen. Eine Woche vor dem Telefonat, am 28. September, war Arbabsiar, ein in Texas lebender Iraner mit amerikanischem Pass, auf dem New Yorker Flughafen John F. Kennedy verhaftet worden. Der 56-Jährige führte insgesamt drei Telefonate mit Schakuri unter Überwachung des FBI und in Anwesenheit eines Beamten, der fließend Farsi spricht.

Auf 21 Seiten hat FBI-Spezialagent O. Robert Woloszyn am 11. Oktober die Inhalte der Telefonate und das Belastungsmaterial gegen Arbabsiar und den im Iran abgetauchten Schakuri dargestellt. Es ist dichtes Material, das den Vorwurf einer engen Zusammenarbeit Arbabsiars mit iranischen Eliten bei dem Versuch stützt, einen professionellen Killer für ein Attentat auf amerikanischem Boden zu gewinnen.

Gleichwohl hat der Fall, der das seit drei Jahrzehnten feindselige Verhältnis zwischen Washington und Teheran noch weiter in Richtung einer militärischen Konfrontation rücken könnte, auch einige bizarre Züge. Und das wirft wiederum viele Fragen auf. Der angeblich so gefährliche Iran, der sich anschickt, zur Atommacht zu werden, bedient sich eines von Arbeitskollegen als "unorganisiert" charakterisierten Ex-Gebrauchtwagenhändlers, um einen derart sensiblen Anschlag auszuführen? Und dieser wiederum macht sich auf die Suche nach einem Auftragskiller im Umfeld mexikanischer Drogenhändler und fällt auf einen FBI-Informanten herein, der alle nachfolgenden Gespräche detailliert protokolliert oder mitschneidet?

Das weckt Erinnerungen an die später als substanzlos entlarvten "Beweise" über Massenvernichtungswaffen des Irak, die Washington im Jahr 2003 zur Legitimierung seines bevorstehenden Feldzugs gegen das Saddam-Regime in Bagdad präsentierte.

Doch der aktuelle Fall stellt sich anders dar: Arbabsiar hatte offenkundig Kontakte zu den Al-Quds-Brigaden. Er muss auch Geld bekommen haben, sowohl für sich und seine zahlreichen Flüge nach Mexiko und Teheran, als auch für den vermeintlichen Auftragskiller, im FBI-Protokoll als "vertrauliche Quelle 1" vorgestellt. "CS-1", so das Kürzel, erhielt im August zweimal Überweisungen von jeweils 49 960 Dollar auf ein US-Konto. Das war die Anzahlung auf ein Gesamthonorar von 1,5 Millionen Dollar, für das der angebliche Killer eines großen mexikanischen Drogenkartells den Botschafter ermorden sollte.

Der bezahlte Informant, der einst von einem US-Bundesstaat wegen Drogenkriminalität belangt wurde und sich als Gegenleistung für den Verzicht auf eine Anklage als Spitzel verpflichtete, ist nur bedingt vertrauenswürdig. Aber insbesondere die aufgezeichneten Telefonate und das weitgehende Geständnis, das Arbabsiar nach seiner Verhaftung ablegte, bestätigen die zuvor übermittelten Informationen von CS-1.

Offen bleibt allerdings, bis zu welcher Ebene in Teheran das Wissen um den geplanten Anschlag reichte. Handelte (und zahlte) Oberst Schakuri auf eigene Faust? Sehr unwahrscheinlich. War die Spitze der Revolutionsgarden eingeweiht, die einen Teil des Regierungsapparates darstellen, und letztlich auch Ayatollah Ali Chamenei, der geistliche Führer des Landes? Die Machtverhältnisse im Iran sind verworren, es gibt mehrere Machtzentren.

Alles spricht dafür, dass eine Operation dieser Brisanz nicht von einer unteren oder mittleren Ebene allein verantwortet wird. Aber denkbar ist immerhin, dass im Rahmen eines internen Machtkampfes in der iranischen Führung Vertreter eines radikalen Flügels den Anschlag deckten, um die Position von Chamenei oder von Präsident Ahmadinedschad zu erschüttern.

Der bisherige Stand der seit fast fünf Monaten laufenden Ermittlungen des FBI liest sich so: Arbabsiar wurde von einem "Cousin" im Iran, ein angeblich "ohne Waffen und Uniform" im Ausland operierender Al-Quds-General, im Frühjahr angesprochen, ob er bei der Entführung oder Ermordung des saudi-arabischen Botschafters helfen könne. Oberst Schakuri diente als Mittelsmann und Geldbote, als Arbabsiar daraufhin Kontakte zu Drogenhändlern in Mexiko suchte, die er von "früheren Geschäftsreisen" zu kennen glaubte. Dabei geriet er an den Spitzel.

CS-1 machte Arbabsiar glauben, er benötige "mindestens vier Leute" für die Tötung des Diplomaten. Von Kidnapping war keine Rede mehr. Der Spitzel behauptete bei einem weiteren Treffen, einer seiner Komplizen sei bereits in Washington und wisse, dass al-Dschubeir zweimal wöchentlich in einem Restaurant diniere. Er könne ihn dort erschießen oder mit Plastiksprengstoff in die Luft jagen. Doch in dem Gebäude würden sich mutmaßlich neben "acht bis sieben Sicherheitsleuten" des Diplomaten 100 bis 150 unbeteiligte Personen, darunter US-Senatoren, aufhalten. Arbabsiars Reaktion unter Verweis auf seine Auftraggeber: "Sie wollen den Typen erledigt haben, wenn die 100 mit ihm draufgehen, scheiß drauf."

Am 20. September machte CS-1 den angeblich ausführungsreifen Anschlag auf al-Dschubeir davon abhängig, dass er entweder die Hälfte der vereinbarten 1,5 Millionen Dollar bekomme oder Arbabsiar zu ihm nach Mexiko komme und als Geisel für die spätere Zahlung des Geldes garantiere. Arbabsiar flog acht Tage später nach Mexiko, wo ihm die Einreise verweigert wurde. Bei seiner Rückkehr in New York klickten die Handschellen.

Warum aber sollte der Iran einen saudi-arabischen Repräsentanten töten wollen?

Der "arabische Frühling" hat die Stellung Teherans im Nahen Osten verändert. Vor den Revolutionen hatte der Iran strategisch hinzugewonnen, weil der einst sunnitisch regierte Irak zunehmend schiitisch gelenkt wird. Saudi-Arabien hingegen, der große Gegenspieler, unterstützt das Regime in Bahrain bei der Niederschlagung des schiitischen Aufruhrs. Riad ist ein enger Verbündeter Washingtons. Beide Länder betrachten den Iran als den Störenfried der Region. Die Ermordung eines saudi-arabischen Diplomaten auf amerikanischem Boden hätte die Schwäche und Angreifbarkeit Saudi-Arabiens und der USA demonstriert. Das war es in den Augen einiger Iraner vielleicht wert, solch ein Risiko einzugehen.

Saudi-Arabien reagierte entsprechend - und wirft dem Iran vor, mit dem vereitelten Anschlag die guten Beziehungen zwischen Riad und Washington stören zu wollen. Es sei nicht das erste Ereignis, mit dem sich der Gottesstaat in die innerarabischen Angelegenheiten einmische, sagte Außenminister Prinz Saud al-Faisal. "Alle Informationen, die uns vorliegen, richten sich gegen den Iran." Der geplante Terrorakt "schmerzt uns sehr", ergänzte al-Faisal. "Wir hätten uns nie vorstellen können, dass der Iran einen solchen Schritt machen könnte." Der stellvertretende saudi-arabische Bildungsminister Faisal Bin Abdul Rahman Bin Muammar warf Teheran zudem "Mord und Chaos" vor.

"Wir hätten uns nie vorstellen können, dass der Iran einen solchen Schritt machen könnte"

Prinz Saud al-Faisal, Außenminister Saudi-Arabiens