Was zu Bildung motiviert

Der Kampf um die Zukunft der Kinder

Es war das Credo der Trümmergeneration: "Meinen Kindern soll es einmal besser gehen." Nicht wenige Entbehrungen wurden dafür in Kauf genommen. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) verweist immer wieder auf diesen Gründergeist, den sie heutigen Eltern wünscht - als gebe es daran einen Mangel.

Eltern, das zeigt eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone-Stiftung, sind nach wie vor beseelt von dem Gedanken, ihren Kindern bestmögliche (Bildungs)-Chancen zu eröffnen. Die Autoren haben 1256 Interviews mit Eltern geführt, die Kinder im Alter zwischen drei und 19 Jahren haben. Darunter waren 214 Eltern mit türkischstämmigem Migrationshintergrund.

Migranten sind ehrgeizig

Sie sind es, die in die Rolle der deutschen Nachkriegsgeneration schlüpfen. 71 Prozent von ihnen sagen: Meinen Kindern soll es später einmal besser gehen. Der niedrig wirkende Wert von 41 Prozent in der Gruppe aller Eltern kommt dadurch zustande, dass sich die Angehörigen der Oberschicht damit zufrieden geben, wenn der Nachwuchs dort bleibt, wo sie schon sind: oben. In den niedrigeren sozialen Schichten, die sich an Einkommen, Beruf und Schulbildung bemessen, wollen dagegen 59 Prozent den Aufstieg für ihre Kinder.

Den persönlichen Einsatz zum Erreichen dieses Ziels haben die Autoren nicht in Geld beziffert, sondern in Hausaufgabenhilfe. Hier zeigen die Eltern mit Migrationshintergrund großen Einsatz. 64 Prozent helfen häufig oder gelegentlich (unter allen Eltern 56 Prozent).

Der Mehreinsatz rührt wahrscheinlich auch aus einem Misstrauen Schule und Lehrern gegenüber her. 59 Prozent fürchten, dass ihr Nachwuchs nicht die gleichen Chancen hat wie die übrigen Schüler. 63 Prozent glauben sogar, dass Lehrer Ausländern mit Vorurteilen begegnen und beklagen eine zu geringe Förderung. Ein Urteil stößt türkischstämmigen Eltern besonders auf: Schule sei in ihren Familien nicht so wichtig - die Hälfte aller befragten Eltern ist dieser Ansicht. Aber nur 16 Prozent der Zuwanderereltern wollen dies bestätigen. Schulbildung hat einen hohen Stellenwert, allerdings traut man ihr allein nicht zu, für gleiche Chancen sorgen zu können. Deshalb rufen die Zuwanderer nach mehr staatlicher Unterstützung bei der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder (59 Prozent).

Der pessimistische Blick auf das Schulsystem und seine Lehrer ist das eine, die persönliche Erfahrung mit diesem System das andere. Alle Eltern wurden auch gefragt, wie es um die Integration der ausländischen Schüler an der Schule ihrer Kinder steht, also in der eigenen Stadt, im eigenen Dorf. Siehe da, 72 Prozent sind überzeugt, dass sie gut bis sehr gut funktioniere, von den türkischstämmigen Eltern sind sogar 79 Prozent dieser Ansicht.

Wenn Bildung der Schlüssel zu Integration und Aufstieg ist, dann stimmen die Ergebnisse der Studie im Hinblick auf die Migranten also zuversichtlich. Wenngleich die Untersuchung einen Schönheitsfehler hat: Es wurden nur Eltern befragt, die mit einem Fragebogen in Deutsch umgehen konnten. Die ganz problematischen Fälle blieben damit außen vor. Es ist zu erwarten, dass diese Gruppe, die mehrheitlich zur schwächeren sozialen Schicht gezählt werden muss, für ihre Kinder aber Vergleichbares will wie deutsche Eltern dieses Milieus: Nur 41 Prozent dieser Gruppe geben auf die Frage, welchen Schulabschluss ihre Kinder einmal machen sollen, das Abitur an. In der Oberschicht sind es 91, in der Mittelschicht 66 Prozent. Im Umkehrschluss anzunehmen, dass den weniger Erfolgreichen auch die Hauptschule genüge, ist verkehrt. Nur acht Prozent der sozial Schwachen geben sich mit der Hauptschule für ihren Nachwuchs zufrieden. 38 Prozent streben dagegen die Mittlere Reife an. Die Formel "Aufstieg durch Bildung" ist mithin in jeder sozialen Schicht geläufig. Die Realität sieht allerdings anders aus. Nur 29 Prozent der Kinder, deren Eltern eine einfache Schulbildung genossen haben, gehen aufs Gymnasium, 23 Prozent dagegen auf die ungeliebte Hauptschule. In der Oberschicht besuchen 77 Prozent das Gymnasium und vier Prozent die Hauptschule. Der Zusammenhang zwischen Elternhaus und Schulkarriere ist eklatant. "Kinder aus den unteren Schichten haben unzureichende Möglichkeiten", sagt Renate Köcher von Allensbach.

Erwartungsgemäß verlangen die Eltern der Oberschicht, dass sie die weiterführende Schule für ihre Kinder selbst aussuchen dürfen. 54 Prozent trauen nur sich selbst, lediglich 17 Prozent wollen sich auf das Urteil der Lehrer verlassen. Je niedriger die Bildung der Eltern ist, desto mehr wird auf das Lehrerurteil gehört. Doch selbst Eltern mit einfacher Schulbildung wollen noch mehrheitlich selbst diese wichtige Weichenstellung vornehmen.

Breites Wissen ist gefragt

Wie Bildung definiert wird, hängt ebenfalls stark von der Schichtzugehörigkeit ab. Fremdsprachenkenntnisse nennen 63 Prozent in der Oberschicht als Teil eines Bildungskanons, aber nur 40 Prozent in der schwächsten Gruppe. Dort wird hingegen auf einen sicheren Umgang mit dem Computer mehr Wert gelegt (60 Prozent). Am anderen Ende der sozialen Skala zählt das weniger (42 Prozent).

Breites Wissen nennen 76 Prozent aller Befragten als wichtigstes Element guter Bildung. Dahinter rangiert die sprachliche Ausdrucksfähigkeit (70 Prozent). Beide Ergebnisse zeigen, dass ein Konsens darüber, was Bildung konkret bedeutet, heute fehlt. "Breites Wissen" klingt nach schnellen Erfolgen bei "Wer wird Millionär", was sich damit wirklich im Leben anfangen lässt, bleibt diffus. Je genauer es die Autoren der Studie wissen wollten, also nach spezifischen Wissensgebieten fragten, für desto unbedeutender erachteten die Bürger dieses Gebiete. Gute Geschichtskenntnisse finden nur 23 Prozent wichtig. Auf die deutsche Literatur wollen nur 15 Prozent ungern verzichten. Beschäftigung mit Philosophie, Musik, Religion wird als fast unbedeutend abgetan.

Geringen Stellenwert genießt überall auch die naturwissenschaftliche Bildung. Ausgerechnet im Land der Ingenieure halten nur 27 Prozent der Eltern sie für sehr wichtig. Mathematik schon im Kindergarten? Vor einigen Jahren bejahte eine übergroße Mehrheit noch die Frage, ob im Kindergarten Schulwissen vermittelt werden solle. Mittlerweile sind mehr Menschen dagegen, dass die Kindertagesstätte zur Vorschule wird.

"Kinder aus den unteren Schichten haben unzureichende Möglichkeiten"

Renate Köcher, Institut für Demoskopie Allensbach