Was zu Bildung motiviert

"Wer auf eigenen Beinen steht, hat Chancen, glücklich zu werden"

Wenn Fatma Kurt (26) redet, schaut sie immer wieder prüfend zu ihrer Mutter. Manchmal übersetzt sie ein paar Sätze ins Türkische. Sie will sichergehen, dass Aynur Kurt (49) alles versteht. Fatma war zwölf Jahre alt, als sie aus Ostanatolien nach Deutschland kam.

Ihr Deutsch ist klar und flüssig, ihre Kleidung westlich. Ihre Mutter trägt ein Kopftuch und hat manchmal Mühe, der Unterhaltung zu folgen. Sie antwortet immer auf Türkisch und lässt ihre Tochter übersetzen. Aynur Kurt ist Analphabetin und hatte in der Türkei nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Deshalb wünscht sie sich für ihre Kinder, dass sie die Chancen nutzen, die ihnen das deutsche Bildungssystem bietet. "Eine gute Ausbildung ist unglaublich wichtig, um im Leben weiterzukommen", sagt sie. "Wer einen Beruf hat und auf eigenen Beinen steht, hat bessere Möglichkeiten, glücklich zu werden." Fatma hat es geschafft, obwohl der Neuanfang in Berlin schwer für sie war. Sie sprach kaum Deutsch, hatte Heimweh und wurde von den anderen Kindern geärgert. Aber sie hat sich durchgekämpft.

Von der Hauptschule wechselte sie auf die Realschule, machte 2003 ihren Abschluss und absolvierte eine Ausbildung als Arzthelferin. Vier Jahre lang arbeitete sie in ihrem Beruf und schloss eine Zusatzausbildung als Präventionsassistentin ab. Jetzt geht sie noch mal zur Schule und macht ihr Abitur. Ihre Leistungsfächer sind Biologie und Latein. Nächstes Jahr will sie Medizin studieren. Viel von ihrem Durchhaltevermögen verdankt Fatma ihrer Mutter. Sie hat mit ihr über ihre Ängste, Träume und Sorgen gesprochen. Und sie könne im richtigen Moment auch streng sein, erzählt Fatma. Bei acht Kindern sei es wichtig, dass jedes genug Ruhe findet, um seine Hausaufgaben zu machen. Pervin (9) weiß noch nicht so genau, was sie einmal machen will. Vielleicht auch erst mal eine Ausbildung wie ihre Schwester? Doch ihre Mutter verdreht die Augen: "Nein, Nein, Nein", ruft sie und lacht. Auch ihre jüngste Tochter soll eines Tages an die Universität. Eine ihrer Töchter studiert bereits Informatik, ihr Sohn macht eine Ausbildung zum Fotografen. Die zwölfjährige Demet geht noch in die Realschule. Ihre Noten sind gut, die Empfehlung fürs Gymnasium ist ihr sicher.

Interesse an Menschen

Danach will sie studieren. Sie interessiert sich für Menschen. "Vielleicht Psychologie", sagt sie. Mutter Aynur Kurt lächelt und flüstert ihr etwas auf Türkisch zu. Ihre Stimme klingt liebvoll. Bettina Liebrucks vom Interkulturellen Mädchentreff in Reinickendorf bewundert Aynur für ihre Kraft, mit der sie ihre Kinder unterstützt. "Motivation ist das Allerwichtigste für die Kinder", meint sie. Man müsse die Kinder von Migranten viel mehr fördern und stärken. Als Fatma einem ihrer Hauptschullehrer erzählt hat, dass sie Abitur machen möchte, hat der gelacht. "Das hat doch nicht mal mein eigener Sohn geschafft", meinte der Lehrer. Solche Kommentare haben Fatma entmutigt. Deshalb ist sie nach der Realschule nicht direkt aufs Gymnasium gewechselt. Erst jetzt, zehn Jahre später, hat sie endlich genug Mut gesammelt, um es doch zu versuchen. "Mut braucht manchmal auch Geduld", sagt Fatma. "Und eine starke Familie, die immer an einen glaubt."

Eine kämpferische Mutter

Eine starke Mutter hat auch die 14-jährige Feyza Cat. Ihre Mutter Hacer Cat (40) zog 1978 aus dem Osten der Türkei nach Deutschland. Ihr Vater kam als Gastarbeiter nach Berlin und nahm seine Familie mit. Er habe viel gearbeitet und weder die Zeit noch die Möglichkeit gehabt, die Bildung seiner Tochter zu unterstützen, erzählt Hacer Cat. Sie sei nicht verbittert deshalb, sie verstehe ihn, fügt sie hinzu. Aber ihrem eigenen Kind will Hacer mehr bieten. Feyza soll eine gute Ausbildung bekommen, studieren und ihren Platz in der Welt finden. "Ich möchte, dass sie die Wahl hat, was sie mit ihrem Leben anfangen möchte", sagt Hacer Cat.

Feyza geht in die achte Klasse eines Gymnasiums. Ihre Noten sind gut, sie kommt mit den Lehrern zurecht und ist beliebt. Das war nicht immer so. Im Kindergarten hat sie erst spät angefangen zu sprechen. Die Erzieherinnen kamen damals zu dem Schluss, sie sei zurückgeblieben. Sie setzten Mutter und Tochter unter Druck, bis es Hacer Cat reichte. "Mein Kind ist völlig in Ordnung", sagt sie. "Und ich lasse mir von niemandem das Gegenteil erzählen."

Als Feyza es Jahre später bis aufs Gymnasium schaffte und den ersten Platz bei einem Lesewettbewerb gewann, macht ihre Mutter Kopien von den Unterlagen. Die schickte sie an den ehemaligen Kindergarten. "Man muss an sein Kind glauben und darf sich nicht von anderen verunsichern lassen", meint sie. Sie arbeitet bei der Kiez-Oase in Schöneberg. Das sozialkulturelle Zentrum fördert und fordert vor allem junge Menschen nicht-deutscher Herkunft. Ihre Tochter Feyza fühlt sich als Deutsche. In der Schule habe es manchmal blöde Kommentare gegeben, weil sie aus einer türkischen Familie stammt, erzählt sie. "Meine Mutter hat mir beigebracht, dass es nicht so wichtig ist, was andere über mich denken." Ihre Mutter bewundert sie für ihren Mut und ihre Geduld. "Sie war immer für mich da, egal wie schwer wir es manchmal hatten", sagt Feyza. "Dafür bin ich ihr unendlich dankbar." Später will sie Gerichtsmedizinerin oder Zivilpolizistin werden. Was die Mama davon hält? "Hauptsache kein Hausmütterchen", sagt die und lacht.