Ägypten

"Es ist jederzeit mit Ausschreitungen zu rechnen"

Die Lage für religiöse Minderheiten in Ägypten ist nach dem Sturz der Regierung Mubarak gefährdet. Pia Ratzesberger sprach mit Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte über die Situation.

Berliner Morgenpost: Sind nach der Gewalteskalation am Sonntagabend in Kairo weitere Übergriffe zu befürchten?

Martin Lessenthin: Auf jeden Fall. Der Auslöser für die Unruhen waren zivil gekleidete Schlägertrupps, die versucht haben, die friedliche Demonstration der Kopten und Muslime zu zerschlagen. Es ist jederzeit mit neuen Ausschreitungen nicht nur in Kairo, sondern auch in anderen Teilen Ägyptens zu rechnen.

Berliner Morgenpost: Wie lässt sich der Konflikt entschärfen?

Martin Lessenthin: Der Schlüssel liegt bei denen, die die Macht haben - in Ägypten also das Militär. Die Truppen müssen die Kopten vor solchen Angriffen schützen. Außerdem muss die ägyptische Justiz die Straftäter streng verfolgen und darf die Verbrechen nicht ungeahndet lassen. Beides ist bisher leider nicht der Fall.

Berliner Morgenpost: Welchen Diskriminierungen ist die koptische Bevölkerung im Alltag ausgesetzt?

Martin Lessenthin: Die Liste ist so lang, dass man gar nicht alle nennen kann. Durch die Eintragung der Religionszugehörigkeit in die Personaldokumente werden die Kopten am Arbeitsmarkt trotz hoher Qualifikation stets benachteiligt, Muslime werden bei Bewerbungen vorgezogen. Auch wäre es nicht möglich, dass ein Christ durch freie Wahlen ein Regierungsamt antritt. Boutros Boutros-Ghali zum Beispiel, der von 1992 bis 1996 Generalsekretär der Vereinten Nationen war und dem Vorstand der Mubarak-Partei angehörte, war immer nur Stellvertreter und hätte nie Außenminister Ägyptens werden können. Viele Kopten verlassen deshalb seit Jahren die Republik.