Steve Jobs

iGod ist tot

Die Momente, in denen Steve Jobs über sich selbst sprach, waren selten. Dafür aber umso eindringlicher: "Niemand will sterben", sagte der Apple-Chef 2005 vor Studenten der Stanford-Universität. "Niemand will sterben, auch nicht diejenigen, die in den Himmel wollen. Und doch ist der Tod unser aller Bestimmung. Keiner ist ihm je entronnen." Am Mittwoch starb Jobs im Alter von 56 Jahren im Kreis seiner Familie.

Als Jobs vor den Studenten sprach, war er dem Tod gerade entkommen. Vorerst. Doch von seinem Bauchspeicheldrüsenkrebs hat er sich nie richtig erholt. Nach fast jedem öffentlichen Auftritt heizte seine hagere Statur Spekulationen über eine Krebserkrankung an. Eine Nachrichtenagentur hatte sogar versehentlich einen Nachruf auf den Apple-Chef verschickt. Fast ein wenig tragisch wirkte da schon sein Scherz während einer Präsentation, in der er den US-Schriftsteller Mark Twain zitierte, der einst ebenfalls seinen eigenen Nachruf lesen musste: "Die Berichte über meinen Tod sind stark übertrieben." Erst vor einigen Wochen gab Jobs die Konzernführung ab.

Jobs' Ankündigungen schreckten Finanzmärkte und Öffentlichkeit. Das galt für seine Auszeit 2004, als er sich operieren ließ, das galt für 2009, als ihm eine Leber transplantiert wurde, das galt für Januar dieses Jahres, als er den Verwaltungsrat bat, kürzertreten zu dürfen. "Ich liebe Apple so sehr, und ich hoffe, ich werde bald zurück sein", schrieb er in einer E-Mail seinen Mitarbeitern. Einzelheiten blieb er schuldig. Die wenigen Zeilen seiner Nachricht waren nicht optimistisch.

Steven Paul Jobs sind viele Eigenschaften zugesprochen worden, nur harmoniebedürftig war er nicht. Mit allem, was er tat, strahlte er immer aus: Ein Steve Jobs hat immer recht. Und ein Steve Jobs verstand es wie kein anderer, sich und seine Ideen zu zelebrieren. In Turnschuhen, Jeans und schwarzem Pullover. Das "Time Magazine" hat seine Auftritte einmal mit denen der römischen Herrscher im Kolosseum verglichen. In jedem Fall waren sie für die Apple-Gemeinde die Höhepunkte des Jahres. Und Jobs nutzte sie für seine Superlative, das "beste" Telefon, das je produziert wurde, die "leistungsfähigsten" Computer sowieso und das "dünnste" Notebook der Welt.

Drogen statt College

Apple-Mitarbeiter verehrten ihren charismatischen Chef so, wie sie seine cholerischen Attacken fürchteten. Trotzdem gelang es ihm leicht, alle um sich herum zu überzeugen. Der Biograf Alan Deutschman drückte das so aus: "Man trifft ihn, und man hört ihm zu. Und dann will man so oft wie möglich in seiner Nähe sein."

Jobs wuchs bei Adoptiveltern in Santa Clara in Kalifornien auf. Mit 18 Jahren brach er sein Physik- und Literaturstudium am Reed College in Oregon ab. Er ließ die Haare lang wachsen, kam barfuß ins College und experimentierte mit Drogen.

Im Grunde begann er seine Karriere bereits während der Schulzeit bei den "Wire Heads" (Drahtköpfen), einer unkonventionellen Gruppe mit Leidenschaft für Computer. Nach der Highschool bewarb er sich persönlich bei William R. Hewlett um einen Ferienjob bei Hewlett-Packard, später entwarf er als Designer Videospiele für Atari. 1974 lockte der Buddhismus ihn für mehrere Monate nach Indien. Ein Guru hatte Jobs schon vorher zum Vegetarier gemacht. Anschließend ließ er sich kahl scheren und freundete sich mit dem fünf Jahre älteren Steve Wozniak an, der ebenfalls das Studium abgebrochen hatte.

Die beiden gründeten 1976 Apple Computer. Natürlich hat auch Apple eine Garagengeschichte. Genau dort neben Jobs' Elternhaus entstand das Unternehmen. Steve, inzwischen wieder mit Haaren, spielte auf seiner Gitarre Bob-Dylan-Songs, seine schwangere Schwester Patty baute den Prototyp des Apple I zusammen. Als eine lokale Firma gleich 25 Stück davon bestellte, musste Jobs seinen VW-Bus zur Finanzierung der Produktion verkaufen.

Doch erst der Apple II mit eingebauter Tastatur wurde zum Massenartikel. Dann ging alles ganz schnell. "Ich war eine Million Dollar wert, als ich 23 Jahre alt war, mit 24 Jahren waren es zehn Millionen und mit 25 Jahren 100 Millionen. Es war aber nicht so wichtig, weil ich es nie für Geld tat", sagte Jobs später. Mit 25 Jahren schaffte er es als jüngster Millionär in die "Forbes"-Liste der reichsten Amerikaner.

Apple ging 1980 an die Börse. Der Apple III wurde nicht so erfolgreich wie sein Vorgänger, Jobs arbeitete aber bereits mit seinem Team am Macintosh. Dann warb er den Pepsi-Cola-Präsidenten John Sculley ab und holte ihn als Chef in die Firma - ein Fehler. Es kam zum Machtkampf, und Sculley drängte den Apple-Gründer aus dem operativen Geschäft. 1985 trennte sich Jobs von Apple und gründete das Computerunternehmen Next, das den Durchbruch nicht schaffte. Zehn Jahre später kaufte Apple Next.

iPhone hängte Konkurrenz ab

1986 kaufte Jobs für zehn Millionen Dollar die Pixar Animation Studios des "Star Wars"-Produzenten George Lucas. Für Disney produzierte er die Filme wie "Toy Story" und "Findet Nemo". An den Kinokassen brachten sie mehr als zwei Milliarden Dollar ein. Mitte 2006 verkaufte Jobs Pixar an Disney, zog in den Verwaltungsrat ein, beteiligte sich an Disney.

Mit den Filmerfolgen wurde Jobs zum Milliardär. Apple hingegen rutschte tief in die roten Zahlen. Zur Rettung holte der Konzern den alten Chef 1997 zurück. Tatsächlich rettete Jobs das Unternehmen.

Der Apple-Chef stellte plötzlich bunte Computer vor. Das tragbare iBook und der Power Mac G3 halfen dem Unternehmen schnell wieder hoch. Jobs wurde über die Jahre immer mehr zum Visionär. "Apple wird in den kommenden zehn Jahren zu den zehn erfolgreichsten Unternehmen im Internet gehören", sagte er im Januar 2000 - und sollte schnell recht bekommen.

Nun begann die kreativste Phase. 2001 führte Jobs den tragbaren Musik-Player iPod ein und ebnete den Weg in die Konsumelektronik, der 2007 in der Umbenennung des Konzerns von "Apple Computers" in "Apple" gipfelte. Der iPod wurde schnell Marktführer, Apple hat seit Jahren mit seinem Internetladen iTunes Music Store den Musikmarkt fest im Griff. Dann stellte Jobs das iPhone vor und wies Unternehmen wie Nokia und Motorola in die Schranken. Er schaffte es, der gesamten Industrie vor Augen zu führen, wie umständlich ihre Mobiltelefone geraten waren. Mit einem berührungsempfindlichen Display und einer sehr einfachen Benutzerführung übertraf das Apple-Handy alle Erwartungen. Konkurrenten konnten sich nur noch beeilen, mehr oder weniger gelungene Kopien zu bauen.

2010 überraschte er erneut, diesmal mit einem flachen Computer mit berührungsempfindlichem Display, aber ohne Tastatur. Das englische Magazin "Economist" bildete Jobs mit einem Heiligenschein auf der Titelseite ab, wie er das Gerät hochhielt. Das iPad setzte sich schnell durch, Apple gewann Tausende Programmierer für das iPhone und iPad, heute zählt der AppStore, aus dem diese Anwendungen geladen werden, mehr als eine halbe Million Programme und monatlich eine Milliarde Downloads.

Bereits 2010 hat Apple den Wert des Konkurrenten Microsoft an der Börse überflügelt. Das Unternehmen ist inzwischen der wertvollste Technologiekonzern der Welt, zeitweise war kein anderes Unternehmen an der Börse so viel Geld wert wie Apple. Und kein anderer Unternehmer stand so lange im Fokus der Öffentlichkeit wie Jobs. Er schob mit seinen Visionen Entwicklungen an, die weit über seinen Tod hinaus wirken werden.

Die berühmte Stanford-Rede im Wortlaut www.morgenpost.de/stanford