Atommüll

Der letzte Zug nach Gorleben

Man kennt sie schon, die Bilder der kommenden Tage. Tausende Polizisten, Tausende Demonstranten, ein Hauch von Räuber und Gendarm, mitten in der nordostniedersächsischen Walachei. Am Ende fahren dann doch wieder elf lange Laster die letzten 20 Kilometer von Dannenberg nach Gorleben. Die Klappe geht auf, die Klappe geht zu. Polizisten und Demonstranten ziehen ab.

Der Castor ist an seinem Ziel. Gorleben. Endstation für hoch radioaktiven Abfall. Noch. Gorleben ist vom potenziellen Endlager zu einem Bis-auf-Weiteres-Lager geworden.

Lutz Oelschläger hat noch eine dritte Definition parat. "Das ist ein Zwischenlager", sagt er. Für wie lange? "Wir haben eine Genehmigung bis 2034." Und dann? "Na, dann wird man wohl irgendwann eine Verlängerung der Einlagerungsgenehmigung benötigen." Ja, so wird das wohl sein, wenn man einigermaßen richtig einschätzt, was die Politik im Sinn hat mit ihrer Energiewende und der nun wieder von vorne beginnenden Suche nach einem Endlager für die unangenehmen, strahlenden Überreste des kurzen deutschen Kernenergie-Zeitalters. Man sollte sich also vielleicht doch noch mal umgucken im Wendland. Bei Lutz Oelschläger, dem Chef hier draußen im Trebeler Forst bei Gorleben.

97 Castoren, in Blau, Rot, Ockergelb

Düsterer Nadelwald. Mittendrin ein ungefähr dreieckiges Gelände mit hohem Wall und Zaun und Kameras ringsherum. Früher kam ein Stück weiter die Grenze zur DDR. Ein Polizeibulli parkt gleich am Eingang. Wenn man nicht wüsste, wo man ist, würde man vielleicht auf einen der neumodischen Riesenschlachthöfe tippen, die ja auch meist irgendwo im grünen Niemandsland entstehen und von außen den Anschein erwecken, als müsse man auf Selbstschussanlagen achtgeben.

Wer in das Zwischenlager Gorleben will, braucht eine Anmeldung, einen Personalausweis und einen, der weiß, dass man kommt, am besten im Pulk. Dieser bekommt dann auch einiges zu sehen. Die große Halle, fast 200 Meter lang und 50 Meter breit, in der die Castoren stehen. Blau, Rot, Ockergelb. 97 Stück derzeit. Darin findet sich, fest verpackt in Stahl, eingeschmolzen in sogenannten Glaskokillen, der heiße Rest des Kernbrennstoffs. Sieht aus wie ein Satz viel zu großer Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren. Nur Grün fehlt.

Entlang der Hallendecke kann ein großer roter Kran gesteuert werden, der die mehr als 100 Tonnen schweren Castoren an jeden Platz der Halle wuchten kann. Nur rausschmeißen geht nicht.

Man hat aber ein bisschen umgeräumt hier im vergangenen Jahr, aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Die Behälter wurden etwas weiter von den Wänden abgerückt. Das soll womöglich besser so sein, für den Fall eines Terrorangriffs, heißt es sehr vage. Genaueres erfährt man nicht. Wir befinden uns schließlich in einer "kerntechnischen Anlage", wie alle Orte heißen, an denen man mit spaltbarem, also lebensgefährlichem Material zu tun hat. Und da geht es eben zu wie im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart Stammheim. Sicherheits-Eingangsschleuse, 24 Überwachungsmonitore, Kameras, wohin man schaut. Dazu eine Ehrenurkunde der IHK Lüneburg-Wolfsburg zum 25. Bestehen des Brennelementelagers, quasi als friedensstiftender Gruß aus der Normalwelt.

Man wundert sich also fast, dass Lutz Oelschläger keine Waffe dabeihat und stattdessen berichtet, dass man auch ausbilde in seinem Betrieb. Oelschläger ist der Werksleiter hier draußen. Ein Hüne, der lange Handball gespielt hat beim MTV Dannenberg als Kreisläufer und "Abwehrbollwerk", was man ihm auf Anhieb abnimmt. Bestimmt nicht zimperlich. Nach der vierten Knie-OP war allerdings doch mal Schluss. Doch wenn der studierte Kerntechniker über das Gelände seiner Anlage geht, dann denkt man immer noch, er muss gerade verletzt vom Platz. Ohnehin kann sich der studierte Kerntechniker schlecht trennen.

Wenn man ihn fragt, was er von der Energiewende halte, dann sagt er Sätze, die man zu diesem Thema nur noch ganz selten hört, in Deutschland jedenfalls: "Es ist traurig, dass man das gemacht hat." Die Kernenergie sei doch wie der Computer eine Technik, die man dringend beherrschen müsse. In diesem Jahrhundert, nicht im vergangenen. Oelschläger kann spontan einen Vortrag halten über die Kernfusion, die die einzige Option sei, die Welt insgesamt mit ausreichend Energie zu versorgen. Und ein bisschen träumt er auch davon, dass die von ihm in den 90er-Jahren mitgebaute "Pilotkonditionierungsanlage" (PKA) im hinteren, spitzen Teil des Dreiecks im Trebeler Forst eines Tages doch noch ihren Betrieb aufnimmt. Hier könnte man den Strahlenmüll aus den Transportbehältern in seine endlagerfähigen Behälter umfüllen. Technisch ginge das ab sofort, gesetzlich ist dieser Schritt erst möglich, wenn es tatsächlich ein Endlager gibt. Irgendwann.

Bis dahin kostet die quadratische Halle - 450 Millionen Euro teuer und das eigentliche Herz der Anlage - Jahr für Jahr 25 Millionen Euro Wartungskosten.

Lutz Oelschläger, der in Zittau studiert hat, wohnt seit Anfang der 90er-Jahre in Gusborn. Das ist der Ort, an dem die "Bäuerliche Notgemeinschaft", also die Eingefleischtesten unter den eingefleischten Wendlandverteidigern, ihre Hochburg hat und in dem es "Jahre gab, in denen es manchmal schon sehr ins Persönliche" gegangen sei. Inzwischen, sagt Oelschläger, habe er sogar Freunde unter den Anwohnern, in deren Garten das gelbe Kreuz, das Zeichen des Widerstands gegen seine Atomanlage, stünde. "Die haben irgendwann gemerkt, dass wir hier ordentliche Arbeit leisten", sagt er. "Und Menschen sind."

Jedenfalls scheinen weder Lutz Oelschläger noch seine ebenso bodenständige Betriebsleiterin Michaela Gosch-Warning oder der Strahlenschützer Hartmut Schulze jene fiesen Verheimlicher und Vertuscher zu sein, die man im Zwischenlager Gorleben erwarten könnte. Wenn man sich die gängigen Gorleben-soll-leben-Websites durchguckt, findet man Einträge wie "Schmu", "Betrug", "Täuschung der Öffentlichkeit". Atomkraftgegner werfen Oelschläger und seinen Kollegen vor, sie würden sich die Strahlenwerte ihrer Castoren schönrechnen und die Menschen im Wendland auf Dauer unverantwortlichen Strahlungsmengen aussetzen.

Alle Werte im grünen Bereich

Oelschläger bestreitet das alles natürlich beim Journalistenbesuch und lässt seinen Strahlenschützer Schulze vorrechnen, warum es eine Tartarenmeldung gewesen sei, die der für die Messungen zuständige Landesbetrieb Mitte des Jahres veröffentlicht hatte. Darin war prognostiziert worden, dass der zulässige Strahlenwert am Zaun des Zwischenlagers zum Jahresende womöglich überschritten wurde. Das hätte geheißen, dass der aktuelle Castor-Transport hätte abgesagt werden müssen. Woraufhin die für solche Fälle zuständige Physikalisch-Technische Bundesanstalt das Ganze noch einmal nachmaß und alles in Ordnung fand. Alle Werte im grünen Bereich. Und während Greenpeace kritisierte und monierte, hat die Niedersächsische Landesregierung den neuen Castor-Transport genehmigt.

Alle Beteiligten sind also wieder auf ihren angestammten Plätzen, pünktlich zum letzten, 1000 Kilometer langen Transport von hoch radioaktivem deutschem Atomabfall aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Frankreich. Wenn man sich danebenstellt und versucht, Werte und Widerwerte einigermaßen neutral miteinander zu vergleichen, dann denkt man: Na, so groß ist der Unterschied ja nun gar nicht, erst recht nicht im Vergleich zu den sonstigen Strahlenbelastungen, denen man so ausgesetzt ist im ganz normalen Leben. Aber wer will schon Schiedsrichter sein in einem Spiel, das jetzt seit 35 Jahren andauert.

Also fährt man lieber erst einmal wieder nach Haus auf der schnurgeraden Straße durch den Trebeler Forst. Und ist ganz froh, dass der nächste Castor-Transport der vorläufig letzte seiner Art sein wird. Zehn volle und ein halb voller Castor-Behälter. Aus La Hague wird danach nur noch ein Zug mit weniger stark strahlendem Material kommen. Zwei weitere, frühestens 2014, mit hoch radioaktiven Abfällen, aus dem englischen Sellafield. Danach ist dann endgültig Schluss mit Castor-Transporten im Wendland. Bis auf Weiteres jedenfalls.