Afghanistan

Gefährliche Nächstenliebe

Als der Entwicklungshelfer Patrick Kuebart am 11. September in Afghanistan ankommt, ist sein erster Eindruck ein guter: Die Straßen Kabuls sind voller Leben, Autos, Fahrräder und Pferdekarren kreuzen bunt durcheinander, Menschen gehen in unzähligen kleinen Geschäften ein und aus. "Von Bedrohung keine Spur", erzählt er.

Schon zwei Tage später wird dieser erste Eindruck erschüttert. Taliban greifen das Botschafterviertel in Kabul mit Raketen an, liefern sich ein 20 Stunden dauerndes Gefecht mit Sicherheitskräften. Mindestens 27 Menschen sterben, darunter mehrere Kinder.

Kuebart sitzt da schon im Büro der Caritas, das er leiten soll. Es liegt in einem anderen Teil der Stadt, die Mitarbeiter erfahren nur durch die ausgehenden Sicherheitswarnungen von dem Vorfall. Vor seiner Abreise hat sich der Jurist und Entwicklungshelfer ausführlich über die Arbeitsbedingungen informiert, die ihn erwarten. Der 36-Jährige bringt viel Erfahrung mit, war schon im Kosovo und die letzten drei Jahre in Indonesien tätig. Und trotzdem, Afghanistan ist ein anderes Pflaster, plötzlich ist die Bedrohung ganz nah: Ein afghanischer Kollege vermisst seine Tochter, das Mädchen geht in dem angegriffenen Viertel zur Schule, erst nach stundenlanger Suche findet er sie wohlauf. Man muss auch ein wenig darauf hoffen, "nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein", sagt Kuebart.

Anschläge auch gegen zivile Helfer

Es brennt in Afghanistan: Die Sicherheitslage hat sich 2011 noch einmal deutlich verschlechtert. 1462 Zivilisten wurden den Vereinten Nationen zufolge bis August getötet, fast doppelt so viele wie im ersten Halbjahr 2009. Laut der Organisation für Internationale Sicherheit von Nichtregierungsorganisationen starben gar 1856 Zivilisten. Häufigste Todesursache waren improvisierte Sprengfallen und Selbstmordattentate.

In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Anzahl schwerer Attacken auch gegen humanitäre Helfer fast verdoppelt. Afghanistan ist weltweit das gefährlichste Land für Entwicklungshelfer: Seit 2005 starben hier mindestens 166 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, darunter 141 einheimische und 25 internationale Helfer. Insgesamt waren 733 Mitarbeiter von Attacken betroffen, wurden verwundet oder entführt. Und das, obwohl die Organisationen Personal aus besonders gefährlichen Regionen abgezogen haben.

"Die Gewalt explodiert in Afghanistan", sagt Julia Gietmann, Caritas-Länderreferentin für Afghanistan. Die Caritas ist als eine von wenigen Hilfsorganisationen auch in der Region Hazarajat (Zentralafghanistan) tätig, liefert Nahrung und Medikamente, baut Brunnen. Zwar würden nach wie vor hauptsächlich afghanische und ausländische Militärs attackiert, so Gietmann. Es lasse sich aber durchaus eine Tendenz feststellen, dass Aufständische auf "weichere" Ziele auswichen. Soldaten sind schwer bewaffnet und meist eingebunkert, die Hilfsorganisationen und ihre Mitarbeiter aber oft nicht. Vor allem Entführungen von Helfern nahmen 2011 zu. Bereits 24 wurden im ersten Halbjahr gemeldet. 2010 waren es im selben Zeitraum noch 13.

Auch im Fall zweier vermisster deutscher Entwicklungshelfer ging man lange von einer Entführung aus, Anfang September fand man ihre Leichen. Die Helfer wurden offenbar auf einer Wanderung in einem Gebirge nördlich Kabuls Opfer von Raubmördern.

Der Alltag westlicher Helfer gleicht dem von Astronauten: Abgekapselt von einer lebensfeindlichen Umgebung, bewegt man sich auf kleinstem Raum, führt ein Dasein zwischen Büro und Wohnung. In Kuebarts Fall fällt sogar beides zusammen: Das Büro der Caritas fungiert zugleich als Wohnhaus für internationale Mitarbeiter. In Deutschland Selbstverständliches ist in Afghanistan undenkbar: Man geht so gut wie nicht aus, kocht in der hauseigenen Küche, Einkäufe werden nur zusammen mit geschulten Fahrern erledigt. Reisen müssen genehmigt werden. "Ausflüge zu Fuß sollten absolut vermieden werden", erklärt Kuebart.

Wie die Helfer vor Ort ihre Situation wahrnehmen, haben Forscher von Humanitarian Outcomes untersucht: Die Befragung von 1181 humanitären Helfern zeigt, dass Afghanistan zu den Ländern mit der am höchsten empfundenen persönlichen Gefährdung zählt. Die Mehrheit der Helfer schätzte sich als zumindest etwas, viele als hoch gefährdet ein. Vergleichbare Ergebnisse gab es nur für Irak, Pakistan und Somalia.

Enormer Sicherheitsaufwand

Um das Risiko für ihre Mitarbeiter zu reduzieren, betreiben staatliche wie private Akteure einen enormen Aufwand. Vor und während Aufenthalten werden verschiedene Sicherheitstrainings durchgeführt, Situationen simuliert, wie das Treffen an Straßensperren. Im Land selbst gelten strenge Verhaltensregeln, ein Informationssystem klärt die Helfer ständig über die aktuelle Lage auf. Fragt man nach Details, wird freundlich, aber bestimmt abgewiegelt: Derartige Informationen gefährden die Helfer nur, heißt es seitens des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). Zu viel Aufmerksamkeit kann gefährlich werden.

Die Anstrengung für ein Mindestmaß an Sicherheit hat spürbare Folgen: Für die Hilfsorganisationen bedeute sie, ihre Arbeit mehr und mehr einschränken und noch stärker auf die wenigen urbanen Zentren begrenzen zu müssen als noch vor wenigen Jahren, sagt Sari Kouvo. Die Menschenrechtsanwältin ist Co-Direktorin und Mitbegründerin des Afghanistan Analysts Network (AAN). Kouvo steht in engem Kontakt zu Helfern vor Ort, war zuletzt im August in Kabul, hält sich jeden zweiten Monat im Land auf.

Wo genau eine Organisation tätig sein könne, hänge nach wie vor stark davon ab, wie viel Vertrauen sie in der örtlichen Bevölkerung genieße, erklärt Kouvo. Viele Organisationen fahren "lokale Strategien" und setzen in Gebieten, die für Ausländer zu heikel sind, auf afghanische Helfer. Doch auch die werden immer wieder zu Zielen, die Mehrheit der getöteten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sind Einheimische. Inzwischen garantiert auch Vertrauen bei den Menschen vor Ort im Ernstfall keinen Schutz mehr: "Die Bevölkerung hat teils wenig Einfluss auf die Sicherheit in ihrer Region, Gewalt wird zunehmend wahllos ausgeübt", sagt Kouvo.

Die kritische Sicherheitslage hat zur Folge, dass die meisten Hilfsorganisationen in Kabul sitzen. "Wir können bislang einen Großteil unserer gewünschten Arbeit durchführen. Dies gilt aber nicht für außerhalb von Kabul", sagt Frank Hantke. Zwar passieren auch dort viele Anschläge, man kann sich aber auch leichter gegen sie schützen: "Betonmauern, Absperrungen, Schlagbäume, Stacheldraht, Gewehre, Soldaten, Polizisten, Wachmänner ohne Zahl und überall." So beschreibt Tom Koenigs, von 2006 bis 2007 UN-Sonderbeauftragter in Afghanistan, das Bild Kabuls 2011. Es sei die auffälligste Veränderung der letzten Jahre, heißt es in Koenigs kürzlich erschienenem Buch "Machen wir Frieden oder haben wir Krieg?".

Doch gerade in den Provinzen müsste dringend mehr geholfen werden. Nur etwa 4,5 von 30 Millionen Afghanen leben in der Hauptstadt. Die Landbevölkerung aber leidet am drastischsten unter den Auswirkungen von jahrzehntelangem Bürgerkrieg: Nur jeder Fünfte habe Zugang zu sauberem Trinkwasser, konstatiert die Welthungerhilfe, 80 Prozent lebten unter der Armutsgrenze von einem Dollar am Tag.

Was bewegt Menschen, in dieses Land zu gehen, das oft so feindlich wirkt? Für die Hilfsorganisationen ist es nicht einfach, passende Mitarbeiter zu finden: "Bewerber für Afghanistan stehen nicht gerade Schlange", sagt Marion Aberle, Sprecherin der Welthungerhilfe. Andererseits müssen Qualifikation und Einstellung passen: "Abenteurer können wir nicht gebrauchen", so Aberle.

Zwischen Optimismus und Frust

James Curtis arbeitet als Regionalkoordinator der Welthungerhilfe in Afghanistan, sagt: "Ja, es ist oft anstrengend und frustrierend, aber man weiß, worauf man sich einlässt, bevor man einen Vertrag für Afghanistan unterschreibt. Das Schöne ist aber auch: Man bekommt von den Menschen viel zurück." Auch Frank Hantke zieht seine Motivation aus den Begegnungen mit den Menschen vor Ort: "Es gibt sehr viele Leute, gerade junge, die mit sehr großem Engagement und Wissenshunger zu uns kommen und mit uns Ziele entwickeln, um für ein künftig besseres Afghanistan einzutreten."

In inoffiziellen Gesprächen würde häufig weit weniger Optimismus deutlich, sagt Sari Kouvo. Immer wieder berichteten Helfer ihr von tiefer Frustration und Beunruhigung über die aktuelle Situation. Frustration vor allem bezüglich der politischen Entwicklung und dem Gefühl, dass der "Wille, wirklich etwas an der Situation in Afghanistan zu verändern", bei den politischen Akteuren im Land oft nicht vorhanden zu sein scheine. "Es ist nicht gut und wird nicht besser", so die Afghanistan-Expertin.

Auch Patrick Kuebart hörte vor seiner Abreise von Freunden und Bekannten immer wieder eine Frage: Warum tust du dir das an? "Das ist mein Beruf", sagte er dann, "die Feuerwehr geht auch da hin, wo es brennt."