Rechte

Die Angst der Frauen vor der Rückkehr der Taliban

Washma Frogh konnte die Schreie von Weitem hören. "Mit einem dicken Metallkabel schlug der Tugendwächter auf die Beine der Frau. Die Menge um sie herum war ganz still. 'Wirst du das noch einmal tun?', schrie der Mann", erzählt die afghanische Frauenaktivistin über den Vorfall, den sie jüngst beobachten musste.

Der Grund für die Schläge: Die Afghanin trug unter ihrer blauen Burka eine weiße Hose. Weiß aber ist die Farbe der Taliban, Frauen dürfen sie nicht tragen. "Immer wieder rief die Frau: ,Nein, ich werde das nie mehr tun!' Eine Frau, in aller Öffentlichkeit geschlagen von einem Vertreter unserer Regierung - das ist das Beängstigende daran", sagt Washma Frogh.

Vor zehn Jahren, nur Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001, begann der Krieg in Afghanistan. Der Westen begründete seinen Einmarsch auch mit der Verteidigung der Frauen, die unter der Taliban-Herrschaft Jahre des Grauens durchmachen mussten. Aller Rechte beraubt, verschwanden sie aus der Öffentlichkeit, mussten ihre Berufe aufgeben, Mädchen durften nicht mehr zur Schule gehen. Sie waren der Macht und Gewalt der Männer schutzlos ausgeliefert.

Ein Jahrzehnt später gibt es sichtbare Fortschritte, wie ein am Montag von der Hilfsorganisation Oxfam vorgestellter Bericht belegt. Rund 42 Prozent der Mädchen besuchen eine Grundschule. Während unter den Taliban nur einige Tausend Mädchen zur Schule gehen durften, sind es heute schätzungsweise 2,7 Millionen, vor allem in den größeren Städten.

Zweifel sind jedoch angebracht, wie nachhaltig diese Fortschritte sind. Zwar zählt das Parlament dank einer gesetzlichen Quote mittlerweile 28 Prozent weibliche Abgeordnete, sogar im weltweiten Vergleich ein hoher Wert. Doch im Kabinett sitzt nur eine einzige Frau. Im öffentlichen Dienst ist der Frauenanteil laut Oxfam zwischen 2006 und 2010 sogar von 31 Prozent auf 18,5 Prozent zurückgegangen. Die größte Sorge aber bereitet Frauenrechtlern, dass Präsident Hamid Karsai auf eine Versöhnung mit den Taliban hinarbeitet. Die aber wird es nur geben, wenn die Gotteskrieger wieder Anteil an der Macht bekommen. Fast neun von zehn Frauen, so eine weitere Oxfam-Umfrage, sehen dieser Perspektive mit Schrecken entgegen. Auch der Hohe Friedensrat versucht, Stabilität und Versöhnung durchzusetzen. 61 Männer sitzen in dem Gremium, aber nur neun Frauen. Oxfam-Expertin Louise Hancock hält das für einen großen Fehler: "Je mehr Anteil Frauen am Friedensprozess haben, umso stärker unterstützen sie die Versöhnung in ihren Familien und ihren Gemeinden - und das ist unverzichtbar für einen nachhaltigen Frieden."