Interview mit Stephan Dorgerloh

Unter Rechtfertigungsdruck

Reden Eltern und Kinder genug miteinander über die DDR-Zeit? Stephan Dorgerloh ist Kultusminister in Sachsen-Anhalt und damit zuständig für die politische Bildung in seinem Land.

Der 45-jährige Theologe und SPD-Politiker wuchs in einem christlichen Elternhaus auf, in einem Umfeld des Widerstands, das eine wichtige Rolle beim friedlichen Weg zur Wiedervereinigung spielte. Sein Vater war Pfarrer und verantwortlich für die kirchliche Jugendarbeit, er entwickelte das Emblem und Symbol der DDR-Friedensbewegung, "Schwerter zu Pflugscharen", mit. Sein Bruder, ein Kunsthistoriker und Archäologe, ist heute Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in Berlin-Brandenburg. Mit Minister Dorgerloh sprach Matthias Kamann.

Berliner Morgenpost: Herr Minister, Sie sind in Sachsen-Anhalt auch für die politische Bildung zuständig: Ist der Eindruck richtig, dass sich im Osten Familien nach wie vor schwertun, zwischen den Generationen offen über die DDR-Vergangenheit zu sprechen?

Stephan Dorgerloh: Man kann schon davon sprechen, dass es noch zu viele Familien gibt, die eigene Familiengeschichte zu unkritisch sehen. Kinder hören von den Eltern und übernehmen nicht selten eine unkritische Haltung, zum Beispiel, dass damals in der DDR alles gut organisiert war, dass Jugendliche tolle Freizeitaktivitäten auch in den Dörfern hatten, was es ja heute leider nicht mehr so gäbe. Das dürfte damit zu tun haben, dass familiäres Erzählen in der Vermutung geschieht, man stehe unter Rechtfertigungsdruck und müsse also erklären, wie nah man dem System stand.

Berliner Morgenpost: Warum?

Stephan Dorgerloh: Diese Frage wurde nach der Wende aus westlicher Perspektive als Gretchenfrage in den Osten getragen. Das hat die Debatte im Osten gefärbt und zumal in den Familien dazu geführt, unwillig auf Fragen nach früher zu reagieren und dann mit den Kindern darüber auch nicht sonderlich viel zu reden. Man vermeidet Gespräche, weil man nicht in die Gefahr kommen will, sich innerfamiliär rechtfertigen zu müssen. Je stärker man zur DDR in Opposition stand, desto offener und kritischer wird übrigens über DDR-Geschichte gesprochen. Da entfällt ja auch die moralische Rechtfertigung.

Berliner Morgenpost: Zuweilen aber scheint es, als würden die heute 20-Jährigen es auch gar nicht so genau wissen wollen und ihre Eltern schonen. Wollen die ihre Familie vor jenem Rechtfertigungsdruck in Schutz nehmen?

Stephan Dorgerloh: Das mag sein, weil die Familie für viele Ostdeutsche angesichts der enormen Umbrüche in fast allen Lebensbereichen auch ein schützenswerter Rückzugsraum ist. Aber auch in anderen Gesellschaften braucht es Zeit bei der familiären Aufarbeitung einer dunklen Vergangenheit. Das Gespräch zwischen Kindern und Eltern darüber ist schwierig. Leichter wird es zwischen Enkeln und Großeltern. Es gibt inzwischen erste Internetseiten, wo junge Leute sich offener dazu äußern, was ihre Eltern ihnen erzählen beziehungsweise was doch endlich erzählt werden sollte. Man muss wahrscheinlich davon ausgehen, dass offene familiäre Gespräche über schwierige Vergangenheiten frühestens 25 Jahre nach dem Ende jener Epoche entstehen. 2014 also, wenn wir 25 Jahre Friedliche Revolution feiern, könnte manches in Bewegung gekommen sein.

Berliner Morgenpost: Sie stammen aus einer Familie, die dem DDR-Widerstand verbunden war, Ihr Vater war in der evangelischen Kirche zuständig für kirchliche Jugendarbeit, Sie selbst haben den Wehrdienst mit der Waffe verweigert. Reiben Sie sich an der Vorsicht der Mehrheit, sich mit der DDR-Vergangenheit eingehender zu befassen?

Stephan Dorgerloh: Ich tausche mich mit Leuten aus meiner Generation intensiv aus. Gerade mit denen, die in systemnahen Zusammenhängen lebten, gibt es heftige Debatten. Mich beschäftigt dabei immer wieder, wie sehr es in der DDR möglich war, in völlig verschiedenen Welten zu leben. Es gab eben auch die sozialistische Lehrerfamilie, in der eine Bekannte von mir ohne Westfernsehen aufwuchs. Das hätte ich mir auch zu DDR-Zeiten schwer vorstellen können. Diese Bekannte hat in einer komplett anderen Welt gelebt, wo die DDR in keiner Weise infrage gestellt wurde, während bei uns das DDR-System natürlich abgelehnt wurde. Da miteinander ins Gespräch zu kommen ist spannend - gerade auch für die eigenen Kinder.