Berliner Spaziergang

Ein Mann der Brücke

Jan-Hendrik Olbertz läuft mit mir im Dahlemer Brücke-Museum Bild für Bild ab. Die Geräusche der Schritte werden von ockerfarbener Auslegware gedämpft. Wir zeigen auf ein nacktes Pärchen, sprechen über die drei badenden Mädchen an einem Fluss, stehen stumm vor einem Stillleben mit Früchten.

Olbertz sagt: "Sehen Sie, das sind Schönheiten der Natur! Farben! Tanz!" Olbertz hat recht, die Bilder der Brücke-Maler sind wirklich schön, aber ich habe keine Kunstgeschichte studiert und kann nicht über die "rigorose Formverknappung" in Karl Schmidt-Rottluffs Gemälden reden. Dafür rede ich mit dem Präsidenten der Humboldt-Universität (HU) lieber über Studiengebühren, über marode Hörsäle, die Exzellenzinitiative und das Gerücht, die Universität schulde dem Senat eine Million Euro.

Ich habe an der Humboldt-Universität fünf Jahre lang studiert und dort bei der Studentenzeitung "UnAufgefordert" mitgearbeitet. Die Zeitung hat immer wieder Präsidenten interviewt, damals den Physiker Jürgen Mlynek, später den Theologen Christoph Markschies. Seit einem Jahr ist der Erziehungswissenschaftler und ehemalige Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, der neue HU-Präsident. Mitarbeiter der Uni-Zeitung erzählen, dass mit ihm wieder eine gute Stimmung an die Universität zurückgekehrt sei. Er sei pragmatisch, konsensfähig und immer gut vorbereitet. Der Dreitagebart und die hemdsärmelige Art des 57-Jährigen seien nicht zu staatstragend - das passe gut zu einer Universität, der man ohnehin auch 22 Jahre nach dem Mauerfall noch immer die DDR-Vergangenheit ansehe.

Olbertz wurde in Friedrichshain geboren, seine Eltern zogen zwei Jahre später nach Rostock, in eine Stadt, die er noch heute als seine Heimat bezeichnet. Der Nähe zum Meer wegen. Den Großteil seines Lebens hat Olbertz in Halle verbracht. Dort hat er bis 1978 studiert, 1981 promoviert und 1989 habilitiert. Einer, der ihn einmal interviewt hat, gibt mir mit auf den Weg, ich solle ihn nicht nach seiner Promotions- oder Habilitationsschrift fragen. Er sage dann nichts mehr, und seine Gesichtszüge verhärten sich. Ich habe mich bis zum Besuch im Museum daran gehalten. Gesichtszüge sind mir wichtig.

Das Thema von Olbertz' Habilitation war "Akademisches Ethos und Hochschulpädagogik". Es ging um die "moralische Erziehung" an Universitäten, von Olbertz wurde damals erwartet, sich inhaltlich positiv zur marxistisch-leninistischen Lehre zu bekennen. Gerade in einem Fach wie den Erziehungswissenschaften konnte man sich nicht aus der Affäre ziehen. Er hat es immerhin geschafft, sich von Stasi und SED fernzuhalten. Trotzdem stand Olbertz vor einem Jahr heftig in der Kritik. Er war gerade mit einer rekordverdächtigen Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden, aber zwei HU-Professoren hatten sich öffentlich gegen ihn ausgesprochen, und Olbertz gab zu, dass ihm Teile der Arbeit heute "peinlich" seien. Er habe versucht weiterzuarbeiten, ohne sich "ganz einlassen" zu müssen. Er sagte auch: "Die Ostdeutschen wissen, was ich meine."

Als ich ihn für den Spaziergang im HU-Hauptgebäude abhole, hat Olbertz noch sehr entspannte Gesichtszüge. Er trägt einen locker sitzenden hellen Anzug, seinen typischen Dreitagebart. Aber unter acht Meter hohen Decken und mit Ausblick auf Unter den Linden wirkt das alles doch sehr präsidial. Es steht ihm gut.

Auf dem Weg zur Exzellenz

Mit schwarzem Aktenordner ("Hausaufgaben"), iPad ("ein Handschmeichler") und einer Brotbüchse ("Fragen Sie nicht danach!") in der Hand spricht er noch kurz mit seinem jungen Team von Assistenten. Nach einem halb ernst gemeinten "Darf ich jetzt gehen?" brechen wir auf. Im Foyer des Hauptgebäudes liegen ausgerissene Buchseiten auf dem Boden, auf denen Nobelpreisträger abgebildet sind. "Hier wollen wir Bilder aufhängen mit Strichcodes", sagt er. "Die können dann die Besucher mit ihren Smartphones scannen, um an mehr Informationen zu gelangen."

Smartphones, Scannen, Strichcodes. Olbertz wird die 201 Jahre alte Institution modernisieren, so viel ist klar. Das Haus ist denkmalgeschützt - wie der Karl-Marx-Spruch eine halbe Treppe tiefer: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern." Sein Vorgänger Christoph Markschies hatte ihn um ein 25 000 Euro teures Kunstwerk ergänzen lassen: 56 kleine Plaketten mit der Aufschrift "Vorsicht Stufe". Auf jedem Treppenabsatz eine. Sie sollen das Marx-Zitat in einen "neuen Zusammenhang stellen". Olbertz mag das Kunstwerk nicht. "Es gibt tatsächlich Besucher, die denken, diese Warnhinweise seien in Deutschland so vorgeschrieben." Aber es gebe im Moment Wichtigeres zu tun.

Unten im Innenhof steht sein Dienstwagen. Der Audi ist dunkelgrau, elegant, und im Inneren fährt ein Bildschirm auf Knopfdruck herauf. Jan-Hendrik Olbertz sagt, das Auto sei für ihn schlicht ein Arbeitsgerät. "Ich sitze immer hinten und lese", sagt er. Erst heute morgen habe er auf der 32-minütigen Fahrt von seinem Wohnsitz am Stölpchensee im Berliner Süden bis zur Universität mehrere Akten durchgearbeitet, Anträge gelesen, Stichpunkte aufgeschrieben. Den Leseordner stellt ihm sein Sekretär zusammen, im Dienstwagen fährt ihn eine Fahrerin durch Berlin. Er mag es, wenn er Geschlechterkonventionen brechen kann.

Universitätsmitarbeiter bestätigen, dass er auch im Umgang sehr unkompliziert und ein "Arbeitstier" sei. Vor allem jetzt, in den Wochen vor der Präsentation der Exzellenzinitiative. Derzeit sieht es für die HU sehr gut aus: Keine andere Universität hat 17 Anträge durch die erste Runde beim Wissenschaftsrat bekommen. Nachdem vor vier Jahren die Freie Universität zur Exzellenzuniversität wurde, steht die HU gerade jetzt unter großem Erfolgsdruck. Zudem bereitet Olbertz derzeit ein chinesisch-deutsches Wissenschaftskolleg mit der wichtigsten Universität Pekings vor. Es sind aufregende, auch gute Zeiten für einen so gut vernetzten Universitätspräsidenten wie ihn.

Die Stimmung, bestätigt Olbertz in seinem Auto beim Überqueren der Friedrichstraße, sei gerade sehr gut, ja. Gerade die Exzellenzinitiative habe die Institute zusammengeschweißt. Das gefalle ihm, denn eines seiner Kernziele war die Interdisziplinarität, das Zusammenarbeiten von Philosophen, Historikern, Physikern. "Insgesamt ist gerade eine produktive Ruhe in die Universität eingekehrt." Der Stress der Immatrikulationszeit sei vorbei. Das Chaos bei den Zulassungen auch wegen der doppelten Abitur-Jahrgänge sei leider programmiert. Studenten bewerben sich oft an mehreren Universitäten. Unter solchen Umständen zu planen sei schwierig, aber am Ende funktioniere es doch immer.

Auf der Höhe des Reichstages stehen wir an einer roten Ampel, der Motor schaltet automatisch ab. "Ich weiß nicht, ob das der Umwelt wirklich etwas bringt", sagt er, aber er lasse diese Funktion immer eingeschaltet. Ich frage ihn nach seiner Meinung zu Studiengebühren: "Ich bin kein Gegner, aber es muss den Hochschulen zukommen und mit einem Stipendiensystem verbunden werden." Ich frage nach den maroden Hörsälen der Humboldt-Universität: "Es schmerzt mich, dass uns das Geld fehlt, aber der Senat weiß davon." Der Investitionsstau und die knappen Finanzen der Universität bereiten ihm manchmal schlaflose Nächte.

Von Siegessäule über Kudamm bis nach Dahlem reden wir über seine fünf Geschwister und welche Berufe sie haben, Chefarzt, Feinmechaniker, Schauspieler, Lehrer, Psychologe. Sie leben in ganz Deutschland verteilt. Eine seiner Töchter wohnt in Finnland, wo er sie besucht hat. Egal, ob Olbertz über Bildungspolitik oder Familie spricht, er redet immer mit offenem Visier. Eine westdeutsche Zeitung schrieb einmal über ihn, er habe sich "die Authentizität vieler Ostdeutscher bewahrt". Es ärgert mich fast, dass ich ihn noch zu seiner Dissertation fragen muss.

Ich spreche zunächst die Ost-West-Konflikte an der Universität an, aber er antwortet, diese Unterschiede sehe er nicht mehr, eher zwischen den beiden Teilen von Berlin. Die Stimmung sei in Lichtenberg einfach eine komplett andere als in Charlottenburg. Er meint die Preise für das Essen und die Menschen, die nicht immer glücklich dreinschauen im Osten.

Am Brücke-Museum angekommen, kommen wir endlich auf sein Lieblingsthema an diesem Tag: den Expressionismus generell, die Abwesenheit des Zeitbezugs in den Brücke-Bildern und die Entscheidung der Künstler, ohne Ausbildung einfach loszumalen. In Sachsen-Anhalt, sagt Jan-Hendrik Olbertz, kam er auch mit der Brücke-Sammlung Hermann Gerlingers in Berührung. Er erzählt davon, dass er als Kultusminister Sachsen-Anhalts den Museumsneubau für diese Sammlung durchgesetzt habe, die dort jetzt dauerhaft zu sehen ist. "Diese Kunst ist atemberaubend schön", sagt er.

Ich frage ihn nach dem Gerücht, dass die Universität dem Berliner Senat eine Million Euro zurückzahlen muss, die sie aber bereits ausgegeben hat. Olbertz erklärt, dass dieses Geld für den Haushalt 2009 vorgesehen war, die Universität es aber erst im Jahr 2010 ausgegeben hat, nachdem sie sich telefonisch versichert hat, dass das übertragbar sei. Jetzt will es der Senat trotzdem zurück. Olbertz hält das für ungerecht, weil das Geld zweckentsprechend ausgegeben worden sei.

Manche Dinge hinter sich lassen

Ein Senatssprecher wird mir später erklären, die Sache mit der Million sei "intern geklärt", die Universität müsse nicht zahlen. Die HU-Studentenzeitung hatte über die Jahre mehrere solche Interna aufgedeckt. Der Rektor Heinrich Fink zum Beispiel musste im Jahr 1992 gehen, weil berichtet wurde, dass er als IM "Heiner" für die Stasi arbeitete. Es hat fast 20 Jahre gedauert, bis mit Olbertz wieder ein Ostdeutscher an die Spitze einer Universität kam. Genau deswegen muss es doch für ihn schon Routine sein, zu seiner akademischen DDR-Vergangenheit Stellung zu nehmen.

Als wir zum zweiten Mal an dem gleichen Brücke-Bild vorbeilaufen, verlassen wir die kleine Ausstellung und fahren ins benachbarte "Wiener Caféhaus". Dort, zwischen Damen, die wie Wilmersdorfer Witwen aus dem Kultstück "Linie 1" aussehen, frage ich ihn nach dem Ärger vor einen Jahr zu seinen DDR-Arbeiten. Er zieht die Augenbrauen zusammen und sagt mehrere Sätze in einem Atemzug: "Ich möchte aus diesem Kontext endlich raus. Es gibt andere Dinge, die mich ausmachen, als diese mehr oder weniger erfundene Geschichte. Ich habe mit SED und Stasi nichts zu tun gehabt, und die wirkliche Bedrängnis, in der ich damals beim Schreiben war, haben die Spitzel gar nicht mitbekommen." Die Stasi habe eine Akte über ihn angelegt. "Banalität im Inhalt", sagt er, "Anmaßung ist es allemal, in jemandem herumzustochern." Die Professoren, die ihn öffentlich kritisierten, habe er danach nie wieder getroffen. Er wolle jetzt nach vorn schauen, zum Beispiel die Lehre voranbringen. Als wir kurz darauf über die Geschichte der HU sprechen, sagt er einen Satz, der irgendwie auch auf ihn zutreffen könnte: "Ohne die Vergangenheit geht es überhaupt nicht. Ich kann mir eine Zukunftsreflexion nicht vorstellen, wenn sie nirgendwo aufsetzt, gerade, wenn es eine mehrfach gebrochene Geschichte ist."

Als wir wieder im Auto sitzen, ist er wieder der sympathische, unprätentiöse und eloquente Gesprächspartner. Er erzählt, dass er eine DDR-Ausgabe der "Blechtrommel" hat (Günter Grass hat sie signiert), dass er bis heute vom Seeräuber Klaus Störtebeker fasziniert sei (der noch im Sterben sieben seiner Kameraden gerettet hat) und dass er sich privat noch mit Geisteswissenschaftstheorie beschäftige (sonst würde er verrückt werden). Vielleicht ist Jan-Hendrik Olbertz wirklich der beste Präsident für eine Universität, die noch immer lernt, mit den wunden Punkten ihrer Vergangenheit umzugehen, und jeden Besucher 56 Mal daran erinnert, bloß nicht zu stolpern.