Zukunftsforschung

Wissen wollen, was wird

Was lagen sie alle daneben. "Das Internet wird 1996 kollabieren", prognostizierte der US-Informatiker Robert Metcalfe 1990. Und der Erfinder Carl Benz sagte 1901 voraus, die weltweite Nachfrage nach Automobilen werde die eine Million nicht überschreiten: "Schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren."

Im Institut Futur der Freien Universität Berlin hängen die Irrtümer von Koryphäen der Wissenschaft auf blauen Zetteln im Treppenhaus. Gut sichtbar für alle Studenten des ersten deutschen Masterstudiengangs Zukunftsforschung. Wer aus dem Jetzt heraus eins zu eins Zukunftsszenarien entwirft, droht zu scheitern. "Man sagt nicht, wie es werden wird", sagt Björn Helbig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut, "man spricht von Möglichkeitsräumen und Zukünften."

Und doch, 110 Jahre nach der Fehlprognose des Auto-Erfinders, hat die Zukunftsforschung in Deutschland Hochkonjunktur. Die Disziplin hat sich als ernst zu nehmendes Thema im Wissenschaftsbetrieb etabliert. Klimakatastrophe, alternde Gesellschaft, Energiewende, Elektromobilität, ein neues Finanzsystem - kaum eines der heiß diskutierten gesellschaftlichen Themen der Gegenwart kommt noch ohne die Methoden der Zukunftsforschung aus. Rettungsschirme, Milliardenschulden, alles hängt mit allem zusammen, doch wer versteht noch die Zusammenhänge? Die Zukunftsforscher wagen den Versuch einer Anleitung in einer komplizierten Welt.

"Man nimmt uns inzwischen ab, dass wir Orientierungswissen produzieren", sagt Professor Rolf Kreibich, früher Präsident der Freien Universität und seit 1981 Direktor des privaten Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Der Nestor der Zunft, sozusagen. Eine Vorhersage wie den Kollaps des Internets hätte Kreibich nie gemacht. Seine Leute formulieren "Wenn-dann-Aussagen", basierend auf bestimmten Voraussetzungen, die die Prognose begründen.

Von diesem Zukunftswissen will heute vor allem auch die Wirtschaft profitieren. Mit der Etablierung der Zukunftsforschung schießen also Trendscout-Agenturen und zukunftsorientierte Strategie-Beratungsbüros wie Pilze aus dem Boden. Sie verraten den Unternehmen, was die Trends der nächsten Jahre sein werden. Ein Beleg dafür, dass die Branche boomt, bietet die zweite "La Futura", die heute in Berlin stattfindet. Eine Zusammenkunft von Experten, die gemeinsam Herausforderungen und Qualitätsstandards für Trend-Sucher und -Macher ausloten.

"In unsicheren Zeiten steigt der Bedarf nach Navigation", sagt Norbert Hillinger von der Berliner Firma Trendone, die die "La Futura" ins Leben gerufen hat. In der Hinterhof-Remise in Mitte geht es zwar nicht um Wissenschaft, aber auch nicht um Esoterik. "Wir schauen nicht in die Glaskugel", sagt Hillinger. Es gehe darum, so der 27 Jahre alte Österreicher, Trends und Innovationen aufzuspüren, bevor sie groß werden. Für diese Hinweise zahlen Werbeagenturen, Automobilhersteller, Medienhäuser und Mobilfunkanbieter viel Geld.

Zu diesem Zweck sind 80 freie Mitarbeiter in vielen Ländern unterwegs. Wenn dem Mann in Moskau eine besonders innovative Werbekampagne auffällt, schickt er diese Info in die Zentrale. Dort gehen monatlich 2000 Vorschläge für sogenannte Mikrotrends ein. Die Spanne reicht vom aufblasbaren Konzertsaal übers Campen in Fabrikhallen bis zu originellen Vertriebsideen von Textilketten und einem Smartphone, das als Universalfernbedienung fungiert. Sogenannte Trend Analysts filtern die Offerten. Ist das wirklich neu? Ist es intelligent? Ist es leistungsstark? Kann es Strukturen verändern?

300 bis 400 Mikrotrends werden pro Monat als solche erkannt, verständlich aufbereitet und den zahlenden Kunden in Branchenreports zusammengestellt. In der Trendone-Datenbank warten 20 000 Trends darauf, angesehen, umgesetzt und verstärkt zu werden. "Wir sind Inspiratoren", sagt Hillinger.

So lässt sich das Phänomen beobachten, dass Trendforschungsagenturen vor allem in der Krise wachsen. Die Unternehmen suchten nach Auswegen und versuchten deshalb, ihre Kunden neu anzusprechen.

Bei Trendone hat sich die Zahl der Mitarbeiter in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht. Mit 30 festen Beschäftigten in Berlin, Hamburg und Wien zählt sie heute damit zu den größeren der deutschen Branche.

Ihre Mikrotrends ordnen Hillinger und seine Kollegen in ein "Trenduniversum" ein. Megatrends wie Wissensgesellschaft, Nachhaltigkeit, Individualisierung, Virtualisierung oder das mobile Internet werden darin umgeben von Makrotrends. Diese heißen dann mobiles Büro, Bioprodukte, extremer Luxus, Social Games, 3-D-Medien oder das Internet der Dinge, womit unter anderem intelligent vernetzte Haushaltsgeräte umschrieben werden. Diesen Unterkategorien lassen sich dann die Details der Mikrotrends zuordnen.

Und doch: "Kein Trend ist wirklich einzigartig", sagt Norbert Hillinger. In der Regel würden bestehende Dinge gut zusammengesetzt. Im Grunde sei inzwischen jeder ein Trendforscher. Wer etwas Neues oder Interessantes entdecke, kann es über Facebook seinen Freunden mitteilen und so selbst für einen Trend sorgen.

Ortswechsel. Im lichtdurchfluteten Eckzimmer einer weißen Villa in Nikolassee sitzt Rolf Kreibich und legt großen Wert darauf, nicht mit den "Trendgurus", wie er sie nennt, in einen Topf geworfen zu werden. Obwohl auch er als wissenschaftlicher Zukunftsforscher zuweilen ähnliche Begriffe verwendet wie die jungen smarten Trendsucher in Mitte. Deren Arbeit sei zwar für Unternehmen interessant, weil sie neue Wege zeigten, Waren und Dienste an die Verbraucher zu bringen. Doch Zukunftsforschung beschränkt sich nicht auf die Suche nach technischen Neuerungen. Kreibichs Institut schreibt an den großen Entwürfen für die Zukünfte.

"Wir arbeiten streng wissenschaftlich und nutzen sämtliche Erkenntnisse der Einzeldisziplinen", betont der Professor, der selbst Physik und Mathematik, aber auch Sozial- und Wirtschaftswissenschaften studierte. Prognosen, Simulationsmodelle, Szenarien, Leitbilder und Visionen mit jeweils eigenen Methoden nutzen Kreibichs Wissenschaftler. Mal entwerfen sie für den ADAC ein Bild von der Mobilität der Zukunft, mal schätzten sie das Potenzial erneuerbarer Energien ab. Dabei geht es nicht unbedingt darum, dass ein Zukunftsszenario genau so einritt wie beschrieben. Zukünfte seien nicht vollständig vorhersagbar, so Kreibich, aber beeinflussbar. "Die beste Prognose kann die sein, die nicht eintritt, weil alle umsteuern", sagt der Professor und verweist auf die Warnungen vor dem Klimawandel. Aus Sicht des Zukunftspioniers hat sich einiges getan in Deutschland. In den Feldern, in denen Kreibich seit Jahrzehnten aktiv ist, habe sich "die Debatte fast ausschließlich in die Richtung entwickelt, die ich wollte." Ein sparsamerer Umgang mit Ressourcen beispielsweise ist inzwischen auch in der Wirtschaft ein akzeptiertes und wichtiges Thema.

Natürlich sehen all diese Prognosefelder überaus kompliziert aus, räumt Kreibich ein. "Deswegen muss man die komplexen Dinge auf ihre wichtigsten Funktionsparameter hinunterbrechen." Beispiel Finanzkrise: Aus Kreibichs Sicht ist ganz klar die ausufernde Spekulation mit virtuellem Geld schuld, aus dem die Akteure jedoch "reales Geld" verdienten. "Das kann nur schiefgehen auf die Dauer", ist er überzeugt.

Weil die Zukunft seiner Zunft hingegen rosiger denn ja aussieht, steckt Kreibich viel Energie in den neuen Master-Studiengang Zukunftsforschung an der FU, Kreibichs alter Universität. Angesiedelt ist er am Fachbereich Erziehungswissenschaften. Bernd Stegmann, der den Studiengang koordiniert, betreut im zweiten Zyklus 29 Studenten verschiedener Fachrichtungen, Psychologen, Techniker, Kulturwissenschaftler. Den Studierenden bringt er bei, "dass Zukunft ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess" ist. Zwar nehmen neue Möglichkeiten, aus den riesigen im Internet zu sammelnden Datenmengen Hinweise auf menschliches Verhalten abzuleiten, einen zunehmenden Raum im Studium ein. Neue Software, Techniken oder das Internet bieten Möglichkeiten, sagt Stegmann. Doch über die Akzeptanz entscheidet das Individuum.

"Die beste Prognose kann die sein, die nicht eintritt, weil alle umsteuern"

Rolf Kreibich, Zukunftsforscher