22 Jahre Mauerfall

"Keine Tränen mehr im Tränenpalast"

| Lesedauer: 8 Minuten
Eva Lindner

Immer, wenn Peter Lhotzky die Grenze zwischen den Welten überquert, steht sie mit ihm in der Warteschlange wie eine treue Reisebegleitung. Spätestens in der Reihe vor der Passkontrolle gesellt sie sich zu ihm. Obwohl Peter Lhotzky weiß, dass er nichts verbrochen hat, ist die Angst immer bei ihm. Die Angst davor, kontrolliert zu werden, sich vor den Grenzbeamten nackt auszuziehen, sein Leben vor ihnen ausbreiten zu müssen. Die Angst, nicht mehr zurück zu dürfen. In die Freiheit, in den Westen.

Peter Lhotzky kommt aus Bonn. In den 70er-Jahren besucht er häufig Berlin, die geteilte Stadt fasziniert ihn. 1947 war er mit seiner Familie aus dem Land geflohen, das damals noch sowjetische Besatzungszone hieß und zwei Jahre später DDR genannt werden sollte. Bei seinen Besuchen will er erfahren, ob sich die Vorahnungen, die seine Familie damals zur Flucht motiviert haben, eingetreten sind: Gefangenschaft, Überwachung, Gleichförmigkeit. Und Lhotzky liebt die Stücke Brechts, die das Berliner Ensemble auf die Bühne brachte.

Heute, Jahrzehnte später, steht Peter Lhotzky wieder in der Halle, durch die er damals in den Osten reiste. Wieder drängen sich dort viele Menschen, doch ihre Reise führt diesmal weder nach Ost, noch nach West, sie führt in die Vergangenheit. Die ehemalige Grenzübergangsstelle Friedrichstraße, der Tränenpalast, an dem die Deutschen beim Abschied von ihren Freunden und Verwandten weinten, ist zu einem Ort gelebter Geschichte geworden. Die Dauerausstellung "GrenzErfahrungen" zeigt sie: Die hölzernen Kontrollkabinen, die Warnschilder, der "Intershop" mit Zigaretten und Kaffee - sie sind jetzt Ausstellungsstücke, die an die schmerzhafte Teilung Deutschlands erinnern.

In einem Gegenstand aber lebt die Geschichte auf besondere Weise weiter, Tag für Tag, Seite für Seite. Es ist das Gästebuch des Tränenpalasts. Wer es durchblättert, begibt sich mit jedem handschriftlichen Eintrag tiefer in die deutsch-deutsche Geschichte, auf eine Reise voller persönlicher Erlebnisse aus der DDR und emotionaler Momente in der Abfertigungshalle. Ein Besucher schrieb: "Und jetzt freue ich mich darauf, einfach wieder an die frische Luft nach draußen zu gehen". "Immer wieder beeindruckend, dieser Mut und die Ausdauer der Menschen, die eingesperrt waren", lautet ein Eintrag vom 26. Oktober. Und eine Tanja K. notierte: "Keine Tränen mehr im Tränenpalast!". Die gibt es seit dem 9. November 1989 nicht mehr, dem Tag, an dem die Mauer fiel. Genau heute, vor 22 Jahren.

Besucher wie Peter Lhotzky könnten wohl ein ganzes Gästebuch allein voll schreiben. Wie oft der heute 80 Jahre alte Mann in die DDR übergetreten ist, weiß er zwar nicht mehr, vielleicht fünf Mal, vielleicht zehn Mal. Doch die Rückkehr in den Westen durch den Bahnhof Friedrichstraße, daran erinnert er sich. Sie ist jedes Mal eine Tortour. Stundenlang wartet Lhotzky damals in den trichterförmigen Schlangen vor den Kontrollkabinen. Haut reibt sich an Haut, nervöse Wartende, die sich mit ihren Pässen in der Hand Luft zufächern. Heiß war es, die Luft durchtränkt von dem Geruch der Desinfektionsmittel.

Jetzt steht Lhotzky erneut in der alten Kontrollkabine, noch immer löst sie Beklemmungen bei ihm aus. Einmal, so berichtet der Mann, der mit seiner Frau aus München angereist ist, stand er in der engen Schneise, um seinen Pass zu zeigen. Der starre Blick des Beamten fiel auf ihn, ein Spiegel an der Decke half ihm, Lhotzky von allen Seiten zu begutachten. "Mitkommen", befahl der Kontrolleur.

Plötzlich ist sie wieder da, die Angst, festgehalten und eingesperrt zu werden. Lhotzky folgt dem Mann in Uniform in die Katakomben der Friedrichstraße. Er schwitzt, zittert. Die Luft ist feucht. Es ist dunkel in den Gängen. In einem Verlies muss er an einem Tisch sitzen, alle Taschen ausleeren, Fragen beantworten. Der Beamte durchsucht ihn. "Es war entwürdigend, so ausgeliefert zu sein, keine Rechte zu haben", sagt Lhotzky. Verrückt, dass ein Gefangener des eigenen Systems über die Freiheit anderer entscheidet. Nach einiger Zeit darf Lhotzky gehen. Getan haben sie ihm nichts. Wunden hat das Verhör trotzdem hinterlassen.

Während Lhotzky erzählt, wächst die Zahl der Einträge im Gästebuch weiter. Es ist schon das zweite, das seit der Eröffnung Mitte September ausliegt. Mehr als die Hälfte der 250 Seiten sind schon wieder beschrieben.

Auch Martin Röck trägt sich ein. Er ist mit seinem Sohn Christian gekommen. Die alten Koffer, Schilder, Passierscheine, Zeitungsausschnitte, all das kommt dem 17-Jährigen fremd vor. Er kann sich nicht vorstellen, wie sich die Teilung damals auf das Leben der Menschen ausgewirkt hat.

Sein Vater weiß es noch sehr gut. "Die Ausstellung hat die Erinnerungen geweckt. Das Schlimmste war, meine Freunde unter Tränen an der Grenze zurückzulassen", schreibt er in das Gästebuch.

Dreimal fuhr Röck als Student in den 80er-Jahren von Freiburg in die DDR. Immer am 1. Mai. Immer mit Mitgliedern aus seiner Kirche. Der Pastor organisierte die Studienreise. Auf der anderen Seite trafen die jungen Leute auf andere christliche Studenten. "Das war wie in eine andere Welt zu fahren", sagt der Vater, "im Studentenwohnheim lebten sie zu acht in einem Zimmer, das muss man sich mal vorstellen."

Von seinen Urlauben in Italien oder Frankreich wollte Röck den Freunden aus dem Osten nicht erzählen, schließlich führte für sie jede Reise nach Ungarn. Schockiert war er, als er mal einen Blick auf eine ostdeutsche Landkarte warf und dort, wo sich Westdeutschland befand nur grüne Wiese eingezeichnet war. "Ist für uns doch egal, wie das da aussieht", sagten ihm seine Freunde aus der DDR, "wir kommen da eh niemals im Leben hin."

Mit einem Tagesvisum reiste Röck zu seinen Bekannten in den Osten. Als er den Kontrollbeamten an der Grenze seinen Pass übergab, zogen die eine Liste hervor. "Sie wollen also auch zu dem Kirchentreffen?", fragten sie ihn. Woher die Grenzer das wussten, ist Röck bis heute schleierhaft, "sie müssen wohl einen Informanten gehabt haben", sagt er. Auf der Heimreise brachten die Freunde aus dem Osten die Weststudenten immer bis zur Abfertigungshalle an der Friedrichstraße.

Viele Tränen habe er jedes Jahr vergossen. "Wir kommen euch besuchen, wenn wir Rentner sind", sagten seine Ost-Freunde immer. Rentner durften aus der DDR ausreisen, weil sie dem Staat dann nicht auf der Tasche lagen.

In den 27 Jahren verließen nicht alle den Tränenpalast unbeschadet. Mehr als 200 Menschen starben an dem Grenzübergang, weil seelische und körperliche Belastungen untragbar wurden. Auch von diesen Dramen erzählt das Gästebuch. Immer wieder aber auch von dem Glück, den Tränenpalast heute ohne Angst betreten zu können. Und wieder zu verlassen, egal in welche Richtung.

Am 15. Oktober schreibt Birgit W. ins Gästebuch: "Gott sei Dank, nun ist alles Böse vorbei."

Die Dauerausstellung "GrenzErfahrungen - Alltag der deutschen Teilung" ist dienstags bis freitags von 9 bis 19 Uhr im Tränenpalast, Am Reichstagsufer 17, zu sehen. Am Wochenende ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet, montags geschlossen. Der Eintritt ist frei.

"Was tat der Staat den Menschen nur an?"

B. G.-M., 20.10.2011

"Und jetzt freue ich mich darauf, einfach wieder an die frische Luft nach draußen zu gehen"

Ralf L., 23.10.2011

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